Kanton Solothurn

Wie der Kanton mit Menschenhandel umgeht: «Einige Frauen sind enttäuscht»

Entscheiden sich Betroffene, in einem Verfahren wegen Menschenhandels auszusagen, gehen sie ein grosses Risiko ein. Ob sie nachher in Sicherheit sind, wissen sie nicht.

Entscheiden sich Betroffene, in einem Verfahren wegen Menschenhandels auszusagen, gehen sie ein grosses Risiko ein. Ob sie nachher in Sicherheit sind, wissen sie nicht.

Im Interview äussert sich eine Opferbetreuerin darüber, was das Thema für Betroffene bedeutet und wo im Kanton Solothurn noch Nachholbedarf besteht. In den vergangenen Jahren hat sich zwar einiges getan; noch ist aber einiges im Argen.

«So geht die Polizei gegen Zuhälter vor.» «Grosser Schlag gegen Menschenhandel.» So oder ähnlich klingen meist die Schlagzeilen, wenn über Menschenhandel berichtet wird. Beim Thema geht es aber nicht nur um Täter oder Ermittler; es geht vor allem auch um Personen, die ausgebeutet werden. Eva Danzl kann im Interview einmal aus dieser Sicht über das Thema berichten. Die 62-Jährige ist stellvertretende Leiterin des Opferschutzprogrammes bei der FIZ – der Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration; zu ihrem eigenen Schutz werden auf Foto und nähere Angaben verzichtet. Der Kanton Solothurn hat mit der FIZ einen Leistungsvertrag. Danzl arbeitet im 25. Jahr für die FIZ – auch mit Opfern aus dem Kanton.

Eva Danzl, Sie betreuten Frauen, die einem grossen Ring mit Drahtzieher im Kanton Solothurn zum Opfer fielen, der vor über zehn Jahren an die 150 Brasilianerinnen ausbeutete. Oder Opfer von Fällen aus dem Thai-Milieu, welche die Polizei in den vergangenen Jahren aufdeckte. Was passiert, wenn eine Frau zu der FIZ kommt?

Eva Danzl: Das unterscheidet sich von Fall zu Fall. Eine Frau – aber auch ein Mann oder ein Transmensch – kann auf unterschiedlichen Wegen zu uns gelangen. Durch die Polizei, die ermittelt, ein Spital, dass Meldung erstattet, ein Freier, der sich meldet, oder ein Opfer, das sich in Beratung bei uns befindet und den Kontakt zu einem weiteren Opfer herstellt. Dann ist zuerst einmal wichtig, dass die Person selbst entscheiden kann, wie es weitergeht – denn das durfte sie in ihrer vorherigen Ausbeutungssituation nicht.

Und wenn eine Person bei der FIZ bleibt?

Die Betroffenen, die oft traumatisiert sind, werden betreut, stabilisiert. Wir klären ab, ob ein Opfer noch gefährdet ist, was seine Bedürfnisse sind, wie es ihm geht. Die betroffene Person erhält in den ersten 30 Tagen eine Erholungs- und Bedenkzeit, wird nicht ausgeschafft. Sie kann überlegen, ob sie in einem Strafverfahren gegen die Täterschaft mitwirken möchte. Wenn ja, bleibt sie bis zum Verfahrensende in der Schweiz. In den ersten sechs Monaten wird sie stationär in einer unserer Schutzwohnungen betreut. Wenn sie es nicht wagt, auszusagen, muss sie nach Hause zurückkehren. Sie kann dies mit oder ohne Unterstützung tun. Oder sie taucht unter. Auch das gibt es.

Im Kanton Solothurn hat die Polizei um 2015 herum einen Schwerpunkt auf das Thema Menschenhandel gesetzt. Haben Sie das gemerkt?

Ja, es gab verhältnismässig viele Opfer, die zu uns kamen. Auch später noch kamen nach und nach weitere Betroffene – weil unsere Klientinnen Kontakt mit ihnen hatten und ihnen versichern konnten, dass sie bei der FIZ Unterstützung finden und sicher sind.

Oft haben die Opfer gar keine Papiere oder Aufenthaltsstatus.

Die Behörden stellen eine Kurzaufenthaltsbewilligung an Opfer aus, wenn eine betroffene Person in einem Verfahren aussagt. Dieser Status L gilt für sechs Monate und kann danach verlängert werden. Nach einem Strafverfahren – das oft Jahre dauert – kann das Opfer eine längerfristige Bewilligung als Härtefall beantragen. Damit sie langfristig geschützt ist. In Solothurn harzt das leider, eine der Betroffenen musste vier Jahre lang auf den Entscheid bezüglich ihrer Härtefallbewilligung warten. Solche Situationen sind für Betroffene sehr schwierig.

Erklären Sie.

Die Frauen nehmen ein hohes Risiko auf sich, in dem sie sich bereit erklären, im Verfahren auszusagen. Aber sie bleiben in grosser Unsicherheit darüber, ob sie langfristig auch geschützt werden. Zudem besagt unser Leistungsvertrag mit dem Kanton, dass die stationäre Betreuung in einer Schutzwohnung nach sechs Monaten zu Ende ist. Danach muss die Betroffene in den Kanton Solothurn zurück. Das ist ein kritischer Punkt: Es macht nicht immer Sinn, eine Frau dorthin zurückzuschicken, wo sie ausgebeutet worden ist.

Und wenn sie zurückmuss?

Dann braucht sie eine Unterkunft und die Frau erhält während der Zeit, in der sie hier ist, finanzielle Unterstützung. Doch die Betroffene lebt danach alleine, kann von uns nur noch ambulant betreut werden. Und sie darf im Kanton mit der Kurzaufenthaltsbewilligung nicht an Integrationsprogrammen oder Deutschkursen teilnehmen, das wird nicht finanziert. Wir haben von einigen aus dem Kanton gehört, dass sie sich im Stich gelassen fühlen.

Wie hat sich die Anzahl Opfer im Kanton verändert?

2019 kamen sechs neue Personen aus dem Kanton Solothurn zur FIZ, insgesamt betreuten wir 33 Personen aus dem Kanton – also auch Fälle aus den Vorjahren. Es gibt immer auch eine Dunkelziffer. Wenn es Fälle wie gegen das Thai-Milieu gibt, kommen jeweils mehrere Frauen auf einmal zur FIZ, wenn es um Verfahren gegen einzelne Menschenhändler geht, auch nur einzelne Frauen. Das Thema ist aber omnipräsent; es gibt einfach Schwankungen. Und: Damit die Behörden Fälle aufdecken können, müssen sie auch sensibilisiert sein.

Ist das im Kanton der Fall?

Heute sind die Behörden in diesem Bereich sehr gut sensibilisiert; die Zusammenarbeit mit der Polizei und der Staatsanwaltschaft ist wichtig und funktioniert gut. Wobei: Bei Menschenhandel geht es nicht nur um Sexarbeit; es kann auch um Ausbeutung als Arbeitskraft gehen. Hier sind meiner Meinung nach die Behörden noch zu wenig sensibilisiert. Vor Jahren war das auch im Zusammenhang mit der Ausbeutung in der Prostitution so.

Das heisst?

Wir haben vor rund 15 Jahren mit Schulungen begonnen. In Kursen sensibilisieren wir für das Thema und lehren, wie mit Opfern umzugehen ist. Vor diesen Schulungen, als es etwa um den bereits erwähnten Fall von Dutzenden ausgebeuteten Brasilianerinnen ging, waren die Behörden viel zu wenig sensibilisiert. Wir bei der FIZ hatten Hinweise auf den Fall; die Bundesanwaltschaft hat den Fall damals übernommen. Und als man im Kanton Frauen fand, die von der Täterschaft versteckt worden sind, hat man sie einfach ausgeschafft wegen ihrer illegalen Aufenthaltsstatus. Das läuft heute wirklich anders.

Heute laufe die Zusammenarbeit viel besser, haben Sie erzählt. Wo gibt es Verbesserungsbedarf?

Hier ist auch wichtig: Wie stark eine Behörde sensibilisiert ist oder mit Opfern umgeht, ist immer auch ein politischer Entscheid. Ein Unding ist, dass Frauen, die hier warten, um an einem Prozess mitzuwirken, nicht an Integrationsprogrammen teilnehmen können. Und die Entscheide bezüglich der Härtefallbewilligungen müssten rasch und positiv ausfallen. Sodass eine Betroffene von Menschenhandel nach all dem Erlebten endlich Sicherheit findet, und hier einen neuen Lebensabschnitt beginnen kann.

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