Khangsar Tashi hat einen langen Weg hinter sich. Morgens um fünf ist er aufgestanden, hat seine Wohnung in Dornach verlassen und ist ins Tram nach Basel gestiegen. Um 7.45 Uhr steht der 22-Jährige in der Regiomech in Zuchwil. «Wenn ich eine Minute zu spät komme, muss ich die ganze Woche eine halbe Stunde früher hier sein», sagt Tashi. Er ist aus Tibet in die Schweiz geflohen. Bald möchte er hier eine Lehre beginnen.

Ein nüchterner Raum. Knapp ein Dutzend junge Männer und Frauen aus Syrien, Afghanistan, Tibet, Eritrea und Äthiopien teilen sich das Schulzimmer. Seit etwas mehr als einem Jahr leben sie in der Schweiz. Sie alle sind Teil eines «Trimm-Dich-fit»-Programms für junge Flüchtlinge zwischen 15 und 35, die ohne Eltern und ohne Ausbildung in die Schweiz kommen.

Ein Jahr lang nimmt sie das Programm in den Schwitzkasten. Danach sollen sie fit sein, um in Lehre und Berufsschule zu bestehen. Sie lernen das richtige Auftreten in Vorstellungsgesprächen und schreiben Bewerbungen. Ihr Deutsch soll so gut sein, dass es für die Einbürgerung reichen könnte. Bundesgelder aus der Asylsozialhilfe finanzieren das Programm.

Der Kanton will verhindern, dass die jungen Flüchtlinge «ein Leben lang mit erhöhten Risiken der Arbeitslosigkeit und Sozialhilfeabhängigkeit konfrontiert sind». Zwölf Jugendliche nehmen derzeit am Projekt teil. Eine zweite Klasse startet bald.

Peter Rothenbühler und Franziska Schönauer leiten das Programm. «Die Schüler sind wie Schwämme, die alles aufsaugen», sagt Schönauer. Sie hat jahrelang im Lehrlingsbereich gearbeitet. Schweizer Jugendlichen hat sie angemerkt, dass ihnen alles gegeben worden sei. Hier aber ist sie auf einen Schüler getroffen, der abends nachhause geht und alles, was er gelernt hat, seiner Freundin beibringt. Dass «Bildung wie ein Schatz weitergegeben wird», beeindruckt Schönauer.

«Ich habe jetzt keine Angst mehr»

Mohamad Reza Jafari ist ein zuvorkommender junger Mann. Seit 16 Monaten ist er in der Schweiz. Ganz allein hat der schmächtige 18-Jährige mit dem jungenhaften Gesicht seine Eltern im Iran zurückgelassen. Zu Fuss und mit Transportern gelangte er aus dem Iran in die Türkei. Von dort setzte er in einem kleinen Schiff nach Griechenland über. Via Italien kam er in die Schweiz. Ab und zu könne er mit seinen Eltern telefonieren, sagt er.

Seine Antworten sind ausgesprochen freundlich. Und doch ist ihm anzumerken, dass es nicht das liebste Thema ist, über das er spricht. Sein Deutsch ist beachtlich und trotzdem fügt er an: «Ich muss noch sehr viel lernen. Ich brauche diese Sprache.» Auf dem Tisch vor ihm steht ein selbst hergestelltes Holzkästchen mit deutschen Wörter auf Vokabelkarten.

Diese liegen auch vor Khangsar Tashi. Der Tibeter wirkt selbstbewusst, er ist der Wortführer der Klasse. Von sich sagt er aber, er sei schüchtern gewesen: «Ich habe jetzt keine Angst mehr, mit jemandem Deutsch zu reden. Denn ich habe gelernt, dass Deutsch das Wichtigste ist.» Die Regeln sind denn auch streng: Wer mit seinen Kollegen in der Muttersprache spricht, zahlt zwei Franken in die Klassenkasse. Wer das Handy aus dem Hosensack nimmt, ebenso.

Mittwochnachmittags spricht Lehrer Peter Rothenbühler immer Mundart. «Wenn wir eine Stelle im Altersheim suchen, hat der ältere Patient nicht Lust, Hochdeutsch zu sprechen», sagt Tashi. «Für uns ist es deshalb wichtig, Mundart zu verstehen.»

Kellner, Pflegefachmann, Maler, Gipser, Automonteur oder Logistiker sind die meistgenannten Berufswünsche. «Viele wollen in die Pflege», sagt Rothenbühler. Er betont: Die Schüler würden nicht in Berufe mit Fachkräftemangel gedrängt. Meist suchen Flüchtlinge den Pflegebereich, in deren Kultur grosser Respekt vor dem Alter herrscht. «Wenn sie schnuppern, kommt manchmal die Realität.»

Stundenplan wird selbst organisiert

Lehrer Vilson Kreuz, der an diesem Morgen unterrichtet, könnte auch auf einem Kreuzfahrtschiff Animator sein. Seine Motivation färbt auf die Schüler ab. Gesten sind gerade das Thema. «Wie zeigt man jemandem Anerkennung?», will er wissen. «Klopft man in Äthiopien auch auf die Schulter?»

Die Regiomech ist bestrebt, dass das Lernen den Schülern Spass macht. «Motivation ist der springende Punkt», sagt Peter Rothenbühler. «Es ist ein monströses Pensum, das die Schüler in einem Jahr absolvieren. Das geht nur mit Eigeninitiative.» Selbstorganisation wird grossgeschrieben. «Alle haben einen anderen Wochenplan», sagt die Äthiopierin Birtukan. Die Fächer sind zwar vorgegeben. Aber die Schüler entscheiden – ausser in Deutsch und Mathematik – selbst, wie viel Zeit sie in jedes Fach investieren. Wo sie Defizite orten, setzen sie mehr Zeit ein.

Sie stellen Weichen fürs Leben

«Ich hatte keine Ahnung, was eine Lehre ist», sagt Khangsar Tashi. Franziska Schönauer kennt das. «Es brauchte zuerst viel Überzeugungsarbeit, dass die Lehre ein Fundament fürs Leben ist.» Denn der Bildungsstand der Schüler ist ebenso unterschiedlich wie ihre Herkunft: Es gibt Eritreer, die neun Jahre Schulbildung hatten, es gibt Tibeter, die nur vom Vater unterrichtet wurden. Und in Krisenländern wie Somalia fehlte die Schulbildung manchmal ganz.

Der erste Jahrgang hat vergangenen Sommer abgeschlossen. Alle hatten eine Lehrstelle gefunden. Diese ersten Erfolge hätten eine Brücke geschlagen, um die Lehre beliebt zu machen. «Die Schüler wissen, dass sie hier die Weichen stellen», sagt Peter Rothenbühler. «Und sie wissen auch: Wenn sie keine Lust haben, hat es genügend andere.»

Waschen, kochen, bügeln

Abends fährt Khangsar Thasi zurück nach Dornach, er geht einkaufen, er wäscht und kocht. Sein Leben ist etwas einfacher geworden, seit er nicht mehr in der Gross-WG wohnt und Küche und Bad mit 14 anderen Flüchtlingen teilen muss. «Sie kamen alleine hierher und sie haben noch nie selbst einen Haushalt geführt. Jetzt kümmern sie sich ums Geld, kochen, waschen bügeln. Das ist gewaltig», sagt Schönauer.

«Manchmal müssen wir auch Zeit einräumen, um eine Wohnung zu suchen oder das Budget zu machen.» Es gab Schüler, da mussten ganz elementare Dinge gelöst werden: Eisenmangel oder Vitaminmangel etwa.

Schon morgen früh um fünf klingelt der Wecker von Khangsar Tashi wieder. «Früh aufstehen ist gut. Das muss ich dann auch bei der Arbeit», sagt er.