Seit 35 Jahren gibts «Jazz im Chutz», dabei hat der Jazz in der Beiz am Landhausquai in Solothurn schon viel früher Einzug gehalten. Und letztlich ist es ihm, Rolf Rickenbacher, und den Mitinitianten Beat Meier und Christof Vonlanthen zu verdanken, dass die anfängliche Idee, dem Genre in Solothurn eine Heimstatt zu bieten, zur erfolgreichen Institution gewachsen ist. Eine, die in ihrer Chronik als letzten Eintrag den kantonalen Kulturpreis 2014 nennt.

Doch alles der Reihe nach: Es war 1964, kurz nach Eröffnung des «Chutz», als sich der junge Posaunist und Jazzliebhaber hier einfand, wo wir uns über 50 Jahre später für eine Tasse Kaffee treffen. Der 76-Jährige blickt zum Flügel, der dort heute steht. Damals trat Rickenbacher im «Chutz» mit dem Jazzpianisten Six Trutt in Kontakt, dem Namensgeber und Mentor der weitum bekannten Solothurner Jazzformation «Six Trutt Trio». Als sich Trutt hier für eine spontane Einlage auf den Klavierstuhl setzte, nahm in Rickenbachers Vorstellung der «Verein zur Förderung des angenehmen Zusammenlebens» bereits Gestalt an. Eine Interessengruppe, deren nicht ganz ernsthaft gewählter Titel genau das ausdrückt, was Rickenbacher beabsichtigte.

Ein wachsender Verein

Damit entstand ein junger Verein, der ebenso junge, angehende Profimusiker anlockte wie das dazugehörige jazzfreudige Publikum. Rickenbacher erinnert sich insbesondere an die «Take off Bigband» aus Burgdorf, die sich aus aufstrebenden Musikern zusammensetzte. «Durch Mundpropaganda in den Schweizer Jazzschulen machten die hiesigen Matineen die Runde», sagt Rickenbacher. Der Name «Chutz» wurde auch an den Jazzschulen von Bern und Luzern als musikalischer Geheimtipp gehandelt. «Es fanden immer namhaftere Gäste den Weg nach Solothurn.» Zudem habe es der Verein ermöglicht, das Kontingent an Freinächten zu erweitern, erinnert sich Rickenbacher, und zwar auf rund sieben bis acht pro Jahr.

Zusammen mit Beat Meier (Finanzen/Administration) und Christof Vonlanthen (Technik/Konzertorganisation) schuf Rickenbacher 1980 mit einer neuen Vereinsgründung die bis heute gängige Marke des «Jazz im Chutz». Ebenfalls mit von der Partie ist Daniel Trutt (Technik). Die Idee ist zur Konzertplattform für gestandene Musiker herangereift und gleichzeitig eine Förderstätte für aufstrebende Talente geblieben.

Ein mobiler Geist sieht die Welt

«Ich bin ein mobil veranlagter Mensch, sowohl geistig als auch physisch», beschreibt sich Rickenbacher selbst und blickt in die Vergangenheit. Mit der Telegrafie bei PTT hat er eine technische Laufbahn eingeschlagen. Dann wurde er mobil: «Ich besuchte die Seefahrtsschule in Bremen und fuhr als Bordfunker zur See.» Später kam er zur PTT zurück und fasste auch in der Mobiltelefonie Fuss.

Der Jazz war aber schon viel früher zum festen Bestandteil seines Lebens geworden. «Meine Eltern arbeiteten im Kino Palace, weswegen ich abends in unserer angrenzenden Wohnung oft allein war.» Es waren diese Momente, als auf Radio Luxemburg Jazz über den Äther ging, jene «Cracks» also, die Rickenbacher schon als Bub bewunderte. Jazz in all seinen Spielarten, Bebop, Dixie, Swing, hielt Einzug in seinem Leben, und noch mehr, als er seine Lehre bei der PTT begann. Auch wenn er seinen Geist immer frei wandern liess und lässt, wohnt der alleinstehende Witwer auch heute noch dort, wo alles begann, über dem Kino in der Hauptgasse.

Trotz seiner eigenen musikalischen Breite hat sich im «Jazz im Chutz» ein Teilbereich des Jazz eingebürgert: «Dort, wo andere aufhören, nämlich bei den moderneren Jazzstilen, fangen wir an.» Doch selbst diese Einschränkung tut dem Erfolg des Formats keinen Abbruch – in der Frühlingssaison finden drei, in der Herbst- und Wintersaison vier Matineen statt.

«Wir müssen unsere Künstler schon lange nicht mehr suchen. Diese sehnen sich von sich aus nach dem Jazzlokal an der Aare.» Und was für die Künstler gilt, gilt auch fürs Publikum: «Die Besucher der vergangenen drei Dekaden kamen, weil sie wussten, was sie erwartet, aber auch, weil sie überraschende Vielfalt antreffen konnten.»

Was dem Jazz zudem breitentaugliches Potenzial verleiht: Er prägt über Genregrenzen auch andere Musikstile. Die Würdigung und Wertschätzung, die dem «Jazz im Chutz» vergangenen November zuteil wurde, kommt folglich nicht unverdient: So durfte der Verein von Landammann Peter Gomm den Kulturpreis entgegennehmen: «Wir waren angenehm überrascht und hocherfreut.»

Musik der Wenigen und Treuen

Man sagt, Jazz sei die Musik der wenigen – zitiert Rickenbacher. Tatsächlich ist sie aber auch jene der Treuen, was er an seiner eigenen Person unter Beweis stellt. «Solange ich lebe und mitgestalten kann, läuft die Sache hier weiter», sagt Rickenbacher. Kein Deut müde, auch nicht, was sein Engagement als Musiker angeht, beispielsweise als Posaunist bei der Werkstatt-Band. Klar, gebe es in Sachen «Jazz im Chutz» viel «Büetz». Klar, sei man stets gefordert, mit verträglichem Aufwand das Maximum herauszuholen. «Doch es haben alle den Plausch dran» – und wie es scheint und kaum erstaunt – er am meisten: «Denn Jazz ist mein dominierendes Lebenselement.»