Vortrag
Wie der Ambassador in Solothurn arbeitete und wirkte

Andreas Affolter, Kurator des Schlosses Waldegg, stellt seine soeben als Buch erschienene Disseration «Verhandeln mit Republiken – die französisch-eidgenössischen Beziehungen im frühen 18. Jahrhundert» dem Publikum auf der Waldegg vor. Wir drucken den Vortrag in gestraffter Form ab.

Andreas Affolter
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Andreas Affolter während seines Vortrages über die Erkenntnisse in seiner Disseration.

Andreas Affolter während seines Vortrages über die Erkenntnisse in seiner Disseration.

Hansjörg Sahli

Wenn im 18. Jahrhundert von einer Republik gesprochen wurde, meinte man damit das Gegenteil einer Monarchie: ein Staatswesen, das nicht von einer Person regiert wurde, sondern von mehreren Personen. Die berühmtesten dieser Republiken waren Venedig und die Niederlande. Aber auch die Schweizer Kantone, die 13 eidgenössischen Orte, waren Republiken. 13 unabhängige Republiken, die zusammen die Eidgenossenschaft bildeten.

Im Buch wurde untersucht, wie sich die französischen Könige und diese 13 Republiken begegneten und auf welche Art sie miteinander verhandelten. Speziell wurden den Fragen nachgegangen: Welche Rolle spielten die Ambassadoren in Solothurn und über welche personalen Beziehungen verfügten sie in den Orten? Wer war neben den offiziellen Diplomaten sonst noch an den Verhandlungen beteiligt? Mit welchem Selbstverständnis traten sich die französischen Könige und die Obrigkeiten der eidgenössischen Orte entgegen? Und weshalb meinte ein französischer Gesandter: »Jede Verhandlung mit einer Republik ist grundsätzlich sehr schwierig zu führen.«

Briefwechsel als wertvollste Quelle

Als eine der wichtigsten Quellen diente das Korrespondenzarchiv des Ambassadors Claude-Théophile de Bésiade, Marquis d’Avaray (1655 – 1745). Während seiner Ambassade von 1716 bis 1726 stand d’Avaray in der Eidgenossenschaft mit verschiedensten Personen in brieflichem Kontakt. Sein Briefarchiv umfasst etwa 4200 Briefe von mehr als 200 Personen. Meist übten seine Korrespondenten wichtige politische Ämter in ihren Heimatrepubliken aus.
Was die Beziehungen zwischen der französischen Krone und eidgenössischen Obrigkeiten anbelangt kann kurz zusammengefasst gesagt werden, dass es den Eidgenossen bis ganz am Schluss des Ancien Régime nicht gelang, von den Franzosen mit den diplomatischen Ehren souveräner Republiken behandelt zu werden. Frankreich anerkannte zwar die Souveränität der Orte klar, war aber nicht bereit, ihnen das entsprechende, damals sehr wichtige Zeremoniell zu gewähren. Damit war offensichtlich: Die Eidgenossen und französischen Könige begegneten sich nicht auf Augenhöhe. Die Könige forderten von ihren eidgenössischen Verbündeten Ehrerbietungen, die für souveräne Staaten eigentlich inakzeptabel waren.

Dass die französischen Ambassadoren mit vielen Eidgenossen über die Vergabe von Pensionsgeldern Patronagebeziehungen pflegten, ist bekannt. Noch im Dunkeln blieb aber, wie diese Beziehungen genau funktionierten. Die meisten Korrespondenten des Ambassadors waren seine Klienten. Als solche informierten sie ihn über das Geschehen in ihren Heimatkantonen und achteten darauf, dass die französischen Interessen dort gut vertreten waren. Im Gegenzug konnten sie vom Ambassador Pensionen und andere Wohltaten erwarten.

In den katholischen Orten flossen Informationen aus den Räten und den Landsgemeinden über die Klienten des Botschafters praktisch ungehindert an die Ambassade nach Solothurn. In den vier reformierten Städteorten Bern, Basel, Schaffhausen und Zürich durften die Ratsherren allerdings keine fremden Pensionen annehmen und auch die private Kommunikation zum Ambassador wurde streng überwacht. Dies machte es den Ambassadoren sehr schwierig, in diesen Orten personale Netzwerke aufzubauen. Dennoch fanden sich immer wieder Personen, die das Risiko eingingen, Beziehungen zum Ambassador aufzunehmen. Um ihre Korrespondenzen zu sichern, ergriffen sie eine ganze Reihe von Massnahmen. Diese reichten vom Einsatz von Kurieren bis zur Verschlüsselung ihrer Briefe.

Wie kam es dazu, dass der Ambassador für die Beziehungen zwischen den eidgenössischen Republiken und Frankreich derart wichtig wurde? Wieso schickten die Eidgenossen nicht einfach selbst ihre Botschafter an den französischen Hof? Der Grund liegt auf der Hand: Botschafter verursachten hohe Kosten. Zudem wollten der König und vor allem auch der Ambassador gar nicht, dass Schweizer an den Hof kamen. Schweizer Gesandtschaften wurden als «désagréable» und «très embarassante» empfunden – als unangenehm und sehr lästig. Klar ist auch warum: Weil die Krone den Schweizern oft Geld schuldete und es den Gesandten meist um die Eintreibung dieser Gelder ging.

Diplomaten in fremden Diensten

Neben dem Ambassador gab es aber verschiedene informelle Schweizer Akteure, die in den französisch-eidgenössischen Beziehungen grosse Bedeutung erlangten. Oft waren es Solddienstoffiziere, die durch ihre langjährigen Aufenthalte am französischen Hof gut vernetzt waren. Eine weitere Gruppe von Akteuren waren Schweizer, die in fremden diplomatischen Diensten standen. Aber auch Schweizer Bankiers am französischen Hof konnten wichtige Rollen in Verhandlungen spielen. So liess insbesondere die Republik Genf viele politische Geschäfte über ihre Bankiers verhandeln. Im Bedarfsfall konnten die eidgenössischen Obrigkeiten also oft auf Landsleute zurückgreifen, die sich bereits am Hof aufhielten. Dies hatte einen entscheidenden Vorteil: Es kostete nichts. Den teuren Aufenthalt am französischen Hof bezahlten andere.

Ein Abenteurer

Neben all den Akteuren, die sich beispielsweise in die Verhandlungen zur Allianzerneuerung einzumischen wussten, ist auch ein Abenteurer zu erwähnen: ein gewisser Colonel Braconnier, eine der schillerndsten Figuren im Allianzgeschäft. Der französische Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten, der Marquis de Torcy, hatte Ambassador d’Avaray empfohlen, mit Braconnier zusammenzuarbeiten. Leute wie Braconnier, meinte er gegenüber dem Ambassador, leisteten manchmal Dienste, die ehrliche Leute nicht zu leisten bereit seien. Torcy spielte hier auf Graubereiche der Diplomatie an: das Beschaffen vertraulicher Informationen oder das Führen geheimer Verhandlungen, bei denen die offiziellen Diplomaten ihr Gesicht hätten verlieren könnten. Braconnier trat dann auch in die Dienste des Ambassadors ein und begann, als Unterhändler in Bern zu wirken. Bald schon zerstritt er sich aber mit seinem Dienstherrn und musste nach Frankreich fliehen, wo er gegen den Ambassador zu intrigieren begann.

Andreas Affolter ist seit 2016 Leiter Museum und Begegnungszentrum Schloss Waldegg. Buch: Affolter, «Verhandeln mit Republiken» 455 S. Böhlau Verlag.

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