Amtsgericht
Wie das Markieren des Hundes: «Notorischer Sprayer» verursacht 60'000 Franken Schaden

130 Objekte soll ein notorischer Sprayer besudelt haben, der sich vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern zu verantworten hatte. Das gibt eine lange Haftstrafe.

Ornella Miller
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Meist trugen die Sprayereien den Schriftzug («Tag» genannt) «SEK». (Archiv)

Meist trugen die Sprayereien den Schriftzug («Tag» genannt) «SEK». (Archiv)

Kapo SO

«Er hat keinen Respekt vor andern Menschen. Lebt nach dem Motto: Ich mache was ich will, Hauptsache es gefällt mir», zeichnete Staatsanwältin Melanie Wasem das Bild des «notorischen Sprayers», der am Dienstag vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern stand. Verteidigerin Claudia Hazeraj fand dagegen, der 32-jährige Schweizer sei ein «Lebenskünstler», ein «Obdachloser», stark alkoholisiert und krank auch «nicht bei Sinnen».

A. (Initial geändert) wurde vorgeworfen, von 2009 bis 2016 in 16 Gemeinden, davon 11 im Kanton, Bauten und Gegenstände besprüht zu haben. Auf frischer Tat wurde er am 20. April 2014 in Bellach festgenommen. Die Polizei wurde alarmiert, weil er stark angetrunken die Bahngeleise betrat. Er trug im Rucksack Spraydosen der Farben Schwarz und Chrom – in den gleichen Farben und vom gleichen Spraydosen-Typ wie bei der neuen Sprayerei an einer Lärmschutzwand. Er hatte frische Farbspuren an den Händen. 130 Objekte soll er versprayt haben, das ist in 6 Bundesordnern dokumentiert.

Meist trugen die Sprayereien den Schriftzug («Tag» genannt) «SEK». Mal flüchtig klein, mal ausführlich und grossflächig. Richtige «Gemälde» hatte es jedoch keine. Wasem schilderte die Sprayer-Szene und sagte, es gleiche dem Markieren eines Hundes. Eines der Ziele: Möglichst oft und überall präsent sein, um das Territorium zu markieren. Je mehr, desto mehr Ehre. Nebst dem andern Ziel, einen guten Style zu haben. «Der Verhaltenskodex gebietet, fremde Tags nicht zu übersprühen und es ist verpönt, einen Tag zu kopieren.»

Darum sei ein Tag eindeutig zuzuordnen. Sie und der anwesende KAPO-Beamte hatten umfangreiche Indizien und Beweise. Auswertungen von DNA-Material und Fingerabdrücken, chemische Farbanalysen, Handyortungen, Fotos und Videos seiner Tags auf dem Handy, mit andern Sprayern ausgetauschte SMS, eine Zeugenaussage. Als A. in U-Haft war, gab es keine Sprayereien, als er raus kam, traten sofort wieder 18 neue alleine in Solothurn auf. Auch seien genau Stellen entlang des Wegs zwischen Wohn- und Arbeitsorten des gelernten Bäcker-Konditors betroffen. Er ist auch der zweiten Hauptverhandlung unentschuldigt ferngeblieben.

Auch noch Diebesgut gefunden

Polizei und Staatsanwaltschaft hatten ihn davor sieben Mal befragt. Da habe er nicht viel gesagt. «In der Szene gilt Verschwiegenheit als oberstes Gebot, wie in der Mafia», sagte Wasem. Er sei auch schon am Morgen früh alkoholisiert gewesen. Einmal habe er, der in der Jugend von seinen Eltern in eine sektenähnliche Freikirche mitgenommen worden war, einen selbstkreierten Rap vorgetragen, in dem er sein Sprayertum konkret verherrlicht. Bei A. wurden zudem Diebesgut zweier Diebstähle gefunden, Fotoausrüstung und Elektrogeräte im Wert von 27'000 Franken.

Weiter fand man auf dem Handy 41 kinderpornografische Bilder. Der Marihuana-Konsum ist verjährt. Der Angeklagte hatte in den Verhören nur ganz wenige Sprayereien zugegeben. Er würde nur legale Sprayereien anbringen, jedoch gab er kein Beispiel seiner legalen Werke. Verteidigerin Hazeraj fragte: «Wo sind denn die Sachbeschädigungen?» Auf schon bemalter Wand verursache eine neue kleine Sprayerei keinen Schaden. «Das Reinigen mit Hochdruckgerät kostet nur einige hundert Franken.»

Sie stellte die Ähnlichkeiten der Schriftzüge in Abrede. Und, die Farbe Chrom sei noch jahrelang frisch, man könne sie abreiben, deswegen sei ihr Mandant nicht eindeutig verantwortlich. Das Richtergremium mit Yves Derendinger, Rosmarie Châtelain und Christoph Geiser sprach A. für die «SEK»-Fälle schuldig, bei den zwölf andern Tags seien die Indizien ungenügend. Der Schaden betrage 60'000 Franken.

Der bereits einmal für Sprayereien Verurteilte erhält 3 Jahre Gefängnis, davon die Hälfte bedingt bei einer Probezeit von 4 Jahren. Ausführungen des Winterthurer Gutachters und Sprayer-Experten Stefan Wagner anlässlich der ersten Hauptverhandlung flossen ins Urteil ein.