Wie Corona die Lebensweise veränderte

Während Wochen funktionierten Bürgerinnen und Bürger im strengen Lockdown-Modus. Ein Blick zurück – und auf die sanfte Öffnung.

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Ansturm auf die Gartencenter nach erfolgter Lockerung: Auf zum Schwelgen in Grün.

Ansturm auf die Gartencenter nach erfolgter Lockerung: Auf zum Schwelgen in Grün.

Bild: AAZ

Nach den einschneidenden Erfahrungen mit dem Herunterfahren des öffentlichen Lebens, geht’s langsam wieder in Richtung «Normalität». Vor einer Woche, am 11. Mai, wurde der bis anhin grösste Schritt getan: Läden konnten wieder öffnen, der Präsenzunterricht in den Schulen wurde wieder aufgenommen. Welche Auswirkungen die Coronakrise auf die Lebensweise und Gewohnheiten der Solothurnerinnen und Solothurner hatten, zeigen wir anhand eines Blicks zurück.

Kochen und Backen erleben ein Revival

Die Migros Aare stellte nach dem Lockdown eine deutlich erhöhte Nachfrage nach Produkten des täglichen Bedarfs fest. Unmittelbar nach dem 16. März standen Körperhygieneartikel, Teigwaren, Konserven, Mehl und Zucker zuoberst auf den Einkaufszetteln, heisst es bei der Migros Aare auf Anfrage. Von diesen Produkten sei in den Filialen das Doppelte bis sogar Vierfache verkauft worden. Nach dem Ansturm auf haltbare Lebensmittel seien vermehrt Früchte und Gemüse gefragt gewesen. Eine «Normalisierung» sich zwar zirca Ende März eingestellt – die Nachfrage nach Backzutaten sei bis anhin aber auf enorm hohem Niveau geblieben. Offenbar erlebte das Kochen und Backen ein Revival. Inzwischen hat in den Filialen der Migros Aare der Kauf von Baby- und Kinderkleidern besonders stark zugenommen.

Wegen des Lockdown richteten viele Restaurants einen Lieferdienst ein. Dass Solothurnerinnen und Solothurner zunehmend auf die Bestell-Option zurückgriffen, merkte auch der Schweizer Marktführer im Lieferservice, EAT.ch: In den zwei Wochen nach dem Lockdown (16.-31. März) stiegen die Bestellungen im Kanton um fast das Dreifache an.

Obwohl die Option des auswärtigen Essens ab dem 11. Mai wieder bestand, bevorzugten viele Solothurnerinnen und Solothurner immer noch die Vorteile der nach Hause gelieferten Speisen. So stiegen in der Zeit von Montag 11., bis Donnerstag 15. Mai die im Kanton getätigten Bestellungen beim Anbieter EAT.ch erneut um 35 Prozentpunkte an.

Weg mit Gerümpel und altem Gartenwerkzeug

Für die Almeta Recycling AG in Bellach gab es deutlich mehr zu tun, wie Geschäftsführerin Claudia Wermelinger auf Anfrage erklärt. Dies sei unter anderem darauf zurückzuführen, dass viele private Sammelhöfe schliessen mussten, während Industriebetriebe wie die Almeta Recycling AG, die auch Privatentsorgungen entgegennimmt, offenbleiben konnten.

Aufgrund des Lockdown zu Hause bleiben zu müssen, nutzten Viele, um im Keller oder im Garten angestauten Gerümpel zu entsorgen. Besonders fleissig wurden in Bellach altes Gartenwerkzeug, alte Gartenzäune und Tontöpfe entsorgt. Auch die Abgabe von Elektroschrott nahm zu. Entsorgt wurden zudem viel mehr Glas und Konservendosen. Schliesslich führte der Hausliefer- und Paket-Boom zu einer Häufung von Verpackungsabfällen, die in grossen Mengen bei der Almeta Recycling AG landeten.

Ab dem 27. April konnte endlich auch bisher «Verbotenes» wieder eingekauft werden. In der Jumbo-Filiale in Solothurn wappnete man sich bereits eine Woche vor der Wiedereröffnung für den erwarteten Ansturm: Die Reserven wurden aufgestockt und mit Beginn der Öffnung täglich ergänzt. Eine besonders hohe Nachfrage verzeichnete die Jumbo-Filiale in den ersten 14 Tagen nach der Öffnung, besonders gefragt waren Pflanzen, Rasensamen und Dünger. Inzwischen habe sich die Lage jedoch wieder eingependelt.

Einen Ansturm gab es auch auf die Do it + Garden sowie OBI-Filialen der Migros Aare AG, die am Tag der Wiedereröffnung so hohe Tagesumsätze wie noch nie verzeichneten. Zwar hatten früher bereits mehr Kunden als an diesem Tag den Laden besucht – nur aber wurde in weit grösseren Mengen eingekauft. Sehr gefragt war auch hier alles rund um den Garten: Erde, Setzlinge und Pflanzen bis hin zu Grill und Gartenmöbeln.

Die Migros Aare geht dennoch davon aus, dass der Umsatzrückgang wegen des Lockdown über alle Geschäftsbereiche hinweg rund 20 bis 30 Prozent beträgt. Der Onlineverkauf auf den Fachmarktkanälen habe zwar einen Teil kompensieren können, aber längst nicht alles.

Gespenstische Zustände auf der Autobahn

Der Lockdown wirkte sich auch auf den Verkehr aus, der laut Bundesamt für Strassen (Astra) schweizweit um 44 Prozentpunkte sank. Auf der Hauptschlagader des Verkehrs, der A1, wurde den Autofahrern durchs Gäu Anfang April ganz ungewohnt freie Fahrt geboten. Am stärksten zeigte sich die Reduktion des Verkehrs in Oberbuchsiten: Im März waren hier an Wochentagen rund ein Viertel weniger Autos unterwegs, am Wochenende war die Reduktion noch stärker. In Folge verbesserte sich auch die Luftqualität. Doch bereits nach den ersten Lockerungen wurde wiederum eine deutliche Zunahme an Fahrzeugen verzeichnet.

Die Schliessung von Büros, Bars, Restaurants und Läden hatte auch Auswirkungen auf den Stromverbrauch. Bei der Aare Energie AG in Olten beispielsweise sank der Stromabsatz an Werktagen nach dem Lockdown um 10 bis 15 Prozent, wie sie auf Anfrage mitteilt. Der Absatz habe sich in den folgenden Wochen auf tieferem Niveau eingependelt und sei ab dem 27. April (der ersten Lockerungsphase) und dem 11. Mai wieder angestiegen. Auf Vor-Lockdown-Niveau befinde er sich aber immer noch nicht.

Existenzängste und Überforderung

«Die Pandemie verunsichert zutiefst», dies spürte auch die «Dargebotenen Hand». Fragen zu Gesundheit oder Einsamkeit, zu beruflichen Unsicherheiten und persönlicher Überforderung nahmen deutlich zu, die Drähte bei 143 liefen nach dem Lockdown heiss. Bei der Sektion Aargau/Solothurn gingen in der ersten Woche nach dem Lockdown 325 Anrufe ein – rund 20 Prozent mehr als in einer normalen Woche.

Auch die Kirchliche Sozialberatungen war seit dem Lockdown gefragter. Laut Caritas Solothurn meldeten sich zunehmend Personen, deren Probleme durch die Coronakrise ausgelöst oder verschärft worden seien. «Oft handelt es sich um Working Poor, die bereits zuvor am Rand des Existenzminimums lebten», so die Caritas. (szr)