Rückblick

Wie Corona die Lebensweise im Kanton veränderte: Ein Blick zurück – und auf die sanfte Öffnung

Viele Solothurnerinnen und Solothurner zog es seit dem Lockdown in ihre Gärten. Bei der Wiedereröffnung der Baumärkte am 27. April musste vor allem Erde her.

Viele Solothurnerinnen und Solothurner zog es seit dem Lockdown in ihre Gärten. Bei der Wiedereröffnung der Baumärkte am 27. April musste vor allem Erde her.

Am 16. März verkündete der Bundesrat den schweizweiten Lockdown. Diese Woche wurden die Läden und Restaurants wieder geöffnet. Wir blicken zurück, wie sich der Lockdown und die Lockerungen im Kanton Solothurn auswirkten.

Am 7. März wurde im Kanton Solothurn der erste Coronafall bestätigt, am 15. März die Schliessung der Kindertagesstätten beschlossen und ein Tag darauf der schweizweite Lockdown verkündet. Bars und Restaurants sowie jegliche Kultureinrichtungen mussten schliessen, wo immer möglich wurde Homeoffice angeordnet. Auch die Schulen wurden ab dem 16. März geschlossen.

Nun wurde am Montag, dem 11. Mai, der bis anhin grösste Schritt zurück in die «Normalität» getan. Läden konnten wieder öffnen, der Präsenzunterricht in den Schulen wurde wieder aufgenommen. Welche Auswirkungen die Coronakrise auf die Lebensweise und Gewohnheiten der Solothurnerinnen und Solothurner hatten, zeigen wir anhand eines Blicks zurück.

Die Backstube zuhause wird wiederbelebt

Die Migros Aare stellte nach dem Lockdown eine deutlich erhöhte Nachfrage nach Produkten des täglichen Bedarfs fest. Unmittelbar nach dem 16. März standen Körperhygieneartikel, Beilagen, Konserven, Mehl und Zucker zuoberst auf den Einkaufszetteln, heisst es bei der Migros Aare auf Anfrage. Von diesen Produkten sei in den Filialen das Doppelte bis teilweise sogar Vierfache verkauft worden.

Um Konserven und langhaltbare Produkte stand es besonders in den ersten zwei Wochen nach dem Lockdown knapp.

Um Konserven und langhaltbare Produkte stand es besonders in den ersten zwei Wochen nach dem Lockdown knapp.

Nach dem Ansturm auf lang haltbare Lebensmittel seien vermehrt Früchte und Gemüse gefragt gewesen. Eine «Normalisierung» des Kaufverhaltens habe sich zwar circa Ende März eingestellt – die Nachfrage nach Backzutaten sei bis anhin aber auf enorm hohem Niveau geblieben.

Migros Ladedorf

Auch Fleischregale waren ungewöhnlich leer.

Migros Ladedorf

Der Lockdown brachte Solothurnerinnen und Solothurner dazu, vermehrt um die Ecke einzukaufen, weswegen die kleineren Migros Aare Filialen einen hohen Kundenzuwachs verzeichneten. Die Take-Aways hingegen waren deutlich weniger frequentiert – offenbar erlebte das Kochen ein neues Revival.

Nun sind die Kleider dran: Seit diesem Montag stieg in den Migros Aare Filialen auch der Kauf von Baby- und Kinderkleidern deutlich an, da diese erneut zum Verkauf angeboten werden dürfen. 

1. Mai geht in Solothurner Food-Delivery-Geschichte ein

Aufgrund des Lockdowns konnte zwar nicht mehr im Lieblingsrestaurant diniert werden, viele Lokale richteten aber einen Lieferdienst ein. Dass Solothurnerinnen und Solothurner zunehmend auf die Bestell-Option zurückgriffen, merkte auch der Schweizer Marktführer im Lieferservice, EAT.ch: In den zwei Wochen nach dem Lockdown (16.-31. März) stiegen die Bestellungen im Kanton um fast das dreifache, nämlich um satte 170 Prozentpunkte an.

Obwohl die Option des auswärtigen Mittag- oder Abendessens ab dem 11. Mai wieder bestand, bevorzugten viele Solothurnerinnen und Solothurner immer noch nach Hause geliefertes Essen. In dieser Woche (Montag 11. bis Donnerstag 15. Mai) stiegen die im Kanton getätigten Bestellungen bei EAT.ch erneut um 35 Prozentpunkte an.

Weg mit Gerümpel und altem Gartenwerkzeug

Zu grossen Mengen wurden Tontöpfe und altes Gartenwerkzeug entsorgt.

Die Almeta Recycling AG in Bellach hatte seit dem Lockdown alle Hände voll zu tun.

Zu grossen Mengen wurden Tontöpfe und altes Gartenwerkzeug entsorgt.

Die Entsorgungs- und Recyclingsanlage der Almeta Recycling AG in Bellach verzeichnete zwar keinen spezifischen «Ansturmtag», trotzdem gab es deutlich mehr zu tun, wie Geschäftsführerin Claudia Wermelinger auf Anfrage erklärt. Dies sei unter anderem darauf zurückzuführen, dass viele private Sammelhöfe schliessen mussten, während Industriebetriebe wie die Almeta Recycling AG, die auch Privatentsorgungen entgegennimmt, offenbleiben konnten.

Aufgrund des Lockdowns zuhause bleiben zu müssen hiess bei vielen Solothurnerinnen und Solothurnern, dass es dem im Keller oder im Garten angestauten Gerümpel an den Kragen ging. Besonders fleissig wurden in Bellach altes Gartenwerkzeug, alte Gartenhage und Tontöpfe entsorgt. Auch die Abgabe von Elektroschrott nahm zu.

Insgesamt wurden in den Solothurner Gemeinden zudem viel mehr Glas, Büchsen und Konservendosen abgegeben. Schliesslich befanden sich die Meisten zum Essen nun nicht mehr in Restaurants, sondern zuhause. Da auch nicht mehr in den Läden eingekauft werden konnte, bestellte man Päckchen vor die Haustür, was Verpackungsabfälle generierte, die schlussendlich in grossen Mengen bei der Almeta Recycling AG landeten.

Gespenstische Zustände auf der Autobahn

In den letzten zwei Monate ist der Verkehr bei Härkingen im Gäu deutlich zurückgegangen. Das mit täglich circa 75'000 bis 80'000 Fahrzeugen befahrene Härkingerkreuz sah am 21. April fast gespenstisch aus.

Härkingen

In den letzten zwei Monate ist der Verkehr bei Härkingen im Gäu deutlich zurückgegangen. Das mit täglich circa 75'000 bis 80'000 Fahrzeugen befahrene Härkingerkreuz sah am 21. April fast gespenstisch aus.

Der Lockdown wirkte sich auch auf den Verkehr aus, der gemäss dem Bundesamt für Strassen (Astra) schweizweit um 44 Prozentpunkte sank. Auf der Hauptschlagader des Schweizer Verkehrs, der A1, wurde den Autofahrern durchs Gäu anfang April ganz ungewohnt freie Fahrt geboten. Am stärksten zeigte sich die Reduktion des Verkehrs auf der Hauptstrasse in Oberbuchsiten: Im März fuhr an Wochentagen rund ein Viertel weniger Autos durch die Gäuer Gemeinde, am Wochenende nahm der Verkehr sogar noch stärker ab. In Folge des reduzierten Verkehrs verbesserte sich auch die Luftqualität in der Region. Doch bereits nach den ersten Lockerungen wurde wiederum eine deutliche Zunahme an verkehrenden Fahrzeugen verzeichnet.

Her mit Setzlingen und Erde

Nach dem fleissigen Entsorgen alter Gartenausrüstung konnte ab dem 27. April endlich neue besorgt werden. In der Jumbo-Filiale in Solothurn wappnete man sich bereits eine Woche vor der Wiedereröffnung für den sich abzeichnenden Ansturm: Die Schutzmassnahmen wurden umgesetzt, an Ware wurde deutlich aufgestockt, sie wurde mit Beginn der Öffnung täglich geliefert. Eine besonders hohe Nachfrage verzeichnete die Filiale in den ersten 14 Tagen nach der Öffnung, besonders gefragt waren Gartenartikel wie Pflanzen, Rasen und Dünger. Seit Montag dieser Woche habe sich die Lage jedoch wieder eingependelt.

Die Nachfrage nach Gartenprodukten war in der Jumbo Filiale in Solothurn hoch

Die Nachfrage nach Gartenprodukten war in der Jumbo Filiale in Solothurn hoch

Einen Anstrum gab es auch auf die Do it + Garden sowie OBI-Filialen der Migros Aare AG, welche am Tag der Wiedereröffnung so hohe Tagesumsätze wie noch nie verzeichneten. Zwar hatten zuvor bereits mehr Kunden als an diesem Tag den Laden besucht – nur wurde in weit grösseren Mengen eingekauft. Sehr gefragt war auch hier alles rund um den Garten: von Erde über Setzlinge und Pflanzen bis hin zu Grill und Gartenmöbeln.

Die Migros Aare geht trotz des Ansturms davon aus, dass über alle Geschäftsbereiche hinweg rund 20 bis 30 Prozent an Umsatz eingebüsst werden. Der Onlineverkauf auf den Fachmarktkanälen habe zwar einen Teil des stationären Ausfalles kompensieren können, aber längst nicht alles.

10-15 prozentiger Rückgang im Stromabsatz

Die Schliessung der Bars, Restaurants und Läden hatte auch Auswirkungen auf den Stromverbrauch in der Region. Bei der Aare Energie AG in Olten sank der Stromabsatz in den Werktagen nach dem Lockdown um 10-15 Prozent, wie sie auf Anfrage mitteilt. Der Stromabsatz habe sich in den folgenden Wochen auf tieferem Niveau eingependelt und sei ab dem 27. April (der ersten Lockerungsphase) und dem 11. Mai wieder angestiegen. Auf Vor-Lockdown-Niveau befinde er sich aber immer noch nicht. 

Existenzängste und Überforderung 

Die Drähte der Caritas und der «Dargebotenen Hand» waren deutlich ausgelasteter.

Hilfe per Telefon

Die Drähte der Caritas und der «Dargebotenen Hand» waren deutlich ausgelasteter.

«Die Pandemie verunsichert zutiefst», dies spürte auch die «Dargebotenen Hand». Fragen zu Gesundheit oder Einsamkeit, zu beruflichen Unsicherheiten und persönlicher Überforderung nahmen deutlich zu, die Drähte bei 143 liefen nach dem Lockdown heiss. Bei der Sektion Aargau/Solothurn gingen in der ersten Woche nach dem Lockdown 325 Anrufe ein – rund 20 Prozent mehr als in einer normalen Woche.

Auch die Kirchliche Regionale Sozialberatungen war seit dem Lockdown gefragter. Laut Caritas Solothurn meldeten sich zunehmend Personen, deren Probleme durch die Coronakrise ausgelöst oder verschärft worden seien. «Oft handelt es sich um Working Poor, die bereits zuvor am Rand des Existenzminimums lebten», so Caritas.

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