Gastkolumne
Wie bitte…? Weniger ist mehr!

Eine Gastkolumne zur Fastenzeit.

Koen De Bruycker
Koen De Bruycker
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Weniger ist mehr in der Fastenzeit.

Weniger ist mehr in der Fastenzeit.

Keystone

In diesen Tagen habe ich als Kind aus einem römischkatholischen Zuhause gefastet: Ich verzichtete in den 40 Tagen vor Ostern auf Süssigkeiten. Am Sonntag nach dem Gottesdienst kaufte ich aber weiterhin mit meinem wöchentlichen Taschengeld von zwei belgischen Franken meine Portion Süssware, sparte diese in einem Topf auf, damit ich am Ende der Fastenzeit einen Berg an Leckereien zum Verputzen hatte... Und so konnte ich einmal im Jahr ohne die Einmischung meiner Eltern Naschereien verschlingen. Jedes Mal war dies ein Festtag! Diese «kreative» Form des Fastens war meine erste Erfahrung zum Motto «weniger ist mehr».

In diesen Tagen mache ich als Erwachsener und reformierter Pfarrer diese Sparaktion nicht mehr. Doch ist mir das Motto «weniger ist mehr» in der jährlichen Fastenzeit speziell wichtig, obwohl das Fasten im traditionellen Sinn in den Hintergrund geraten ist. Nach der Fasnacht bedenke ich mein Leben in einer globalisierten Welt: Ein Teil des Wohlstands in der Schweiz ist untrennbar mit der Armut in anderen Teilen der Welt verflochten. Die Menschen dort krampfen oft für einen Hungerlohn und in miserablen Umständen, damit wir hier billig einkaufen können.

Auch belastet der hohe Lebensstandard in einem kleinen Teil der Welt die Erde stark. Durch die Überflusskultur, die Konsum- und Wegwerfgesellschaft gehen die Ressourcen der Erde rasant zurück und wachsen kaum nach. Aus Verbundenheit mit der Menschheit und Liebe zur Schöpfung möchte ich deswegen verzichten: Ich brauche nicht das neuste Smartphone und ein neues Hemd, die billig produziert sind. Ich kann gut mit weniger leben, wenn die Mitmenschen und die Erde mehr davon haben.

Ausserdem liegt sowieso viel zu viel rum im Haus. Durch die Jahre hat sich ein Berg an Sachen angesammelt, die eigentlich nicht gebraucht werden. Elektrosachen, die in einem schwachen Moment und aus Lust gekauft wurden, Kleider, die nicht mehr getragen werden, anderen aber noch dienen können. Material, das gerecht entsorgt werden soll. Zeitungsartikel und Bücher noch aus Belgien, die seit Jahren gelesen werden wollen... Ich bin deshalb daran, mich in diesen 40 Tagen vor Ostern von diesem Berg von Altlasten zu befreien. Ein befreiendes und schönes Gefühl, fast so schön als ich den Berg von Süssigkeiten schnabulierte.