«Ganz egal, was man tut, wer die Menschen gern hat, hat Erfolg. Mir geht es nicht ums Spital, mir geht es nicht ums Velo, mir geht es nicht ums Geld. Bei mir dreht sich alles um den Menschen.» So beschreibt Anton Schnetzer sein Credo. «Als Chirurg war es immer mein Ziel, dem Patienten die bestmögliche Lebensqualität zu ermöglichen. Und in meinem Laden will ich in Zukunft dem Kunden nicht das teuerste Velo verkaufen, sondern eines, das zu ihm passt und das ihn glücklich macht.»

Wer Anton Schnetzer in seiner Werkstatt zuschaut, wie er im blauen Kittel mit einem Inbusschlüssel an einem Velo hantiert, kann sich kaum vorstellen, dass es derselbe Mann ist, der noch vor wenigen Stunden im Solothurner Bürgerspital in einer delikaten Notoperation das Leben eines Menschen gerettet hat. Er selber sieht eher die Gemeinsamkeiten als die Unterschiede seiner beiden Tätigkeiten. «Ich habe schon immer gerne mit den Händen gearbeitet und als Kind träumte ich davon, Motorradmechaniker zu werden.»

Der Chirurg als Handwerker

In einfachen Verhältnissen in Trimbach aufgewachsen, ging er in Olten an die Kanti. «Da ich einen Druck brauche, um zielstrebig und fleissig zu sein, entschied ich mich für ein straff strukturiertes Medizinstudium.» Doch die Zuneigung zum Handwerk setzte sich durch. «Als Arzt war es ein logischer Schritt, mich zum Chirurgen weiterzubilden. Es ist der handwerklichste aller medizinischen Berufe.»

Das Leben des heute 60-Jährigen, der in Wangen bei Olten wohnt, hätte aber auch ganz anders verlaufen können. «Hätte ich von meinem Grossvater den Hof bekommen, wäre ich Bauer geworden. Das hätte mir auch gefallen», erzählt Schnetzer aus seiner Jugend.

Dann betritt ein älterer Mann den Laden in Strengelbach. Er will wissen, ob er sich besser ein vollgefedertes Bike kaufen oder beim «Hardtail» bleiben soll. Zuerst vermisst Schnetzer auf einem speziellen Gerät den Körper des Kunden. «Das Wichtigste ist der richtige Rahmen. Wer auf dem Rad die ideale Position einnehmen kann, hat einen bis zu 15 Prozent besseren Wirkungsgrad.» Dann schiebt Schnetzer mehrere Bikes vor die Tür, mit denen der Kunde ein paar Runden zur Probe fahren soll. «Das ist es, Toni», sagt der Mann nach wenigen Minuten. Schnetzer notiert die Wünsche und verspricht: «Am Samstag kannst du das Velo abholen.»

Titan heisst das edle Metall, mit dem die Chirurgen arbeiten. Titan Bikes das Fahrradgeschäft, das Anton Schnetzer übernommen hat. «Vor etwa 30 Jahren kam ich das erste Mal in den Laden und ich wurde schnell zu einem Stammkunden», erzählt der Chirurg, wie er zum Velohändler wurde. Bald habe er für seine Kollegen vom Veloclub Victoria Gerlafingen – Schnetzer ist der Präsident – die Fuji-Rennräder des Ladens «massgeschneidert». «Als Hansrudolf Merz keinen Nachfolger fand und Titan Bikes aufgelöst werden sollte, fand ich das schade. Also kaufte ich meinen Lieblingsladen.»

Ein Médecin sans Frontières

Anton Schnetzer hat viel erlebt: «Als junger Arzt bin ich mit einem kleinen Koffer nach Südafrika gereist, um dort den Opfern des Bürgerkriegs zu helfen. Ich bekam ein Haus und ein Auto zur Verfügung gestellt, aber nichts gehörte mir. Nach einem Jahr bin ich mit demselben Koffer wieder nach Hause geflogen. Materielle Güter haben mir nie viel bedeutet. Ich bin in meinem Leben immer mit leichtem Gepäck gereist und habe diese Freiheit genossen.»

Er habe nicht das Gefühl, dass er sich nun zur Ruhe setze. «Ich fange noch einmal etwas Neues an. Deshalb habe ich mich bei den Médecins sans Frontières angemeldet.» Ein Einsatz in Afghanistan oder Syrien würde ihm keine Angst machen. Er habe in Angola und in Südafrika den Krieg erlebt und wisse, was auf ihn zukommen könnte.

«Man hörte nachts die Schiessereien rund um das Spital. Da wussten alle, dass es Zeit war, sich für die nächsten Operationen bereitzumachen. Es dauerte etwa zehn Minuten, dann wurden uns die ersten Opfer eingeliefert. Das Spital war die einzige neutrale Zone, die in Südafrika von allen Parteien respektiert wurde. Aber einmal, an einem Sonntag, kam es zu einem Überfall durch die Rebellen und es gab über zwanzig Tote.»

Zu viel Bürokratie im Spital

«Ich habe immer gewissenhaft gearbeitet und musste mir nie fahrlässige Fehler vorwerfen lassen. Aber auch einem guten Arzt gelingt nicht alles. Besonders, wenn ich selber vor einer Operation optimistisch war, brennt sich der Tod eines Patienten für immer ins Gedächtnis ein. Wenn ein Patient stirbt, überlege ich mir jedes Mal, was hätte ich anders machen können», beschreibt Anton Schnetzer die psychische Belastung, die ein Chirurg aushalten muss.

Der Übergang vom Chef der Gefässchirurgie zum Velomech erfolgt fliessend. «Mein grosses Büro im Bürgerspital habe ich bereits geräumt. Jetzt arbeite ich noch meinen Nachfolger ein. Dann kann ich mich mit gutem Gewissen zurückziehen und in einem Jahr wird man mich im Bürgerspital vergessen haben», philosophiert er. «Sicher, ich hätte noch ein paar Jahre die Gefässchirurgie leiten können. Aber irgendwann braucht es einen Generationenwechsel. Und wenn man schon einen derart guten Kandidaten als Nachfolger gefunden hat, dann muss man die Chance auch packen.» Das Lob gilt dem neuen Gefässchirurgen Pascal Kissling, dem Anton Schnetzer nun nach und nach die Verantwortung übergibt.

«Ich war immer ein Handwerker und die Bürokratie war nie mein Ding», nennt Anton Schnetzer einen weiteren Grund, weshalb er findet, dass er noch einmal etwas Neues beginnen sollte. «Das System mit den Fallpauschalen macht die Situation für mich noch schwieriger. Es gibt Ärzte, die jedes noch so kurze Telefongespräch notieren und in Rechnung stellen, um ihr Einkommen aufzubessern. Auch laufen die Spitäler immer mehr Gefahr, die Patienten aufgrund ihrer Wirtschaftlichkeit zu beurteilen. Der Druck, den die Verwaltung auf uns Ärzte ausübt, nimmt immer mehr zu. Die Bürokratie macht uns starre Vorgaben, aber der Einzelfall passt oft nicht ins Schema. Oft ist das Beste für den Patienten nicht das, was für ein Spital am besten rentiert. Ich habe mich immer als Treuhänder der Gesundheit der Patienten gesehen. Dem Patienten den bestmöglichen Service anzubieten, wird immer schwieriger.»