Gastkolumne
Who cares?

Dominique Lysser
Dominique Lysser
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In Zürich wurde am Wochenende demonstriert.

In Zürich wurde am Wochenende demonstriert.

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Letzten Sonntag war internationaler Tag der Frau. In der Schweiz fand der erste Frauenkampftag bereits 1911 statt und stand ganz im Zeichen des Frauenstimmrechts. Mehr als 100 Jahre später war das Wahlrecht von Schweizer Bürgerinnen erfreulicherweise kein Thema mehr. Am 8. März 2020 drehte sich alles um Arbeit. Genauer gesagt um die unbezahlte und unterbezahlte Arbeit, die sogenannte Care-Arbeit. Der englische Begriff «care» bedeutet Fürsorge. Care-Arbeit bezeichnet all jene Formen von Arbeit, die für das Wohlergehen unserer Gesellschaft notwendig sind: die Pflege und Betreuung von Menschen (physisch, psychisch sowie emotional), die Kindererziehung, die Organisation und Bewältigung der Hausarbeit. Bezahlt wird diese Arbeit nicht (oder sehr schlecht), geleistet wird sie in der überwältigenden Mehrheit von Frauen.

Was bedeutet das? Das bedeutet etwa rund 1 Milliarde Stunden unbezahlte Kinderbetreuungsarbeit jährlich. Das bedeutet 100 Milliarden Franken weniger Einkommen für Frauen jedes Jahr, obwohl sie gleich viele Stunden arbeiten wie Männer. Der Geldwert dieser unbezahlten Arbeit der Frauen in der Schweiz ist 248 Milliarden Franken und damit grösser als alle Ausgaben von Bund, Kantonen und Gemeinden zusammen. Diese Zahlen verdanken wir Mascha Madörin, Pionierin der feministischen Ökonomie in der Schweiz. Sie zeigen: Ohne diesen Beitrag der Frauen würde die Schweizer Wirtschaft zusammenbrechen. Trotzdem suchen wir diese Zahlen in unserer nationalen Volkswirtschaftsrechnung vergeblich. Die Care-Arbeit bleibt so unsichtbar wie die Hand, die den angeblich «freien» Markt steuert. Wer es sich leisten kann, lagert die Tätigkeiten aus an weniger privilegierte Frauen: sozial schlechter gestellte Frauen, Migrantinnen, Illegalisierte.

Eine gerechte Umverteilung der Fürsorgearbeit zwischen Männern und Frauen in der Schweiz liegt damit in weiter Ferne. Vielmehr wird Care-Arbeit länderübergreifend unter Frauen weitergegeben. Diese globale Betreuungskette, auch «global care chain» genannt, ist nur eine der unmenschlichen Auswirkungen unseres kapitalistischen Weltwirtschaftssystems. Es ist an der Zeit, den Arbeitsbegriff neu zu denken. Es ist an der Zeit, die Arbeitswelt neu zu organisieren. Es ist an der Zeit, die Arbeitsverteilung radikal zu ändern.

Die Frage der Care-Arbeit ist keine Frauenfrage, sondern eine Systemfrage. Wir leben in einem System, das darauf aufbaut, die Arbeitskraft von Menschen, insbesondere von Frauen gezielt auszubeuten. Wir leben in einem System, das nur über die Konstruktion, Abgrenzung und Unterdrückung eines «Aussen» den Wohlstand eines imaginierten und vermeintlich legitimen «Inneren» finanzieren kann. Es ist dasselbe System, das die Frauen in der Schweiz zu unter- und unbezahlter Arbeit zwingt, das für die menschenverachtenden Zustände und die Gewalt an illegalisierten MigrantInnen an den EU-Aussengrenzen durch Polizei und Rechtsextreme verantwortlich ist. Die Ignoranz, diese systemischen Zusammenhänge nicht anzuerkennen, tötet Menschen.

Dominique Lysser, Historikerin und Mitglied von fem*so