Kinder- und Jugendpsychiatrie
Werden junge Menschen in einer psychischen Krise ausreichend behandelt?

Politiker fordern, dass der Kanton seine Angebote für Kinder- und Jugendpsychiatrie verbessert. Geplant und geprüft wird derweil schon eine Menge – Konkretes gibt es noch nicht.

Noëlle Karpf
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Hier gibt es 18 stationäre Plätze (inklusive Beschulung) für psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche: An der Waisenhausstrasse in Solothurn.

Hier gibt es 18 stationäre Plätze (inklusive Beschulung) für psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche: An der Waisenhausstrasse in Solothurn.

Hanspeter Bärtschi

Gibt es genügend Plätze in der Solothurner Kinder- und Jugendpsychiatrie? Ausreichend Therapeuten, die sich um psychisch erkrankte Kinder kümmern? Kann der Kanton gut genug auf psychische Krisen in der Schule reagieren? Diese Fragen sind nicht neu – derzeit aber wieder aktuell. Politiker mehrerer Parteien des Kantonsrats fordern von der Regierung, diesen Fragen mit einer Arbeitsgruppe nachzugehen und falls nötig das Angebot zu verbessern.

Allen voran Franziska Roth von der SP. Als «fatal» bezeichnet sie die Situation im Kanton. Sie spricht von zu langen Wartezeiten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, zu wenigen Fachpersonen. «Ich bin nicht zufrieden mit der Betreuung und der Beschulung psychisch erkrankter Kinder im Kanton», stellt die Lehrerin fest. Für die Versorgung sind einerseits die psychiatrischen Dienste der Solothurner Spitäler AG (soH) und andererseits freischaffende Kinderpsychiater zuständig. Laut Roth ist das Angebot der soH, die im Besitz des Kantons ist, zu knapp, die Praxen freischaffender Kinderpsychiater sind überlastet. Die Folge: «Kinder werden diagnostiziert und dann abgeschoben – das ist fatal».

Abgänge «nicht unkritisch»

Die Akteure kurz erklärt

Wer genau macht was?

Franziska Roth, SP Kantonsrätin, ist mit dem Angebot von psychisch erkrankten Kinder und Jugendlichen nicht zufrieden. Gemeinsam mit anderen Politikern hat sie der Regierung den Auftrag gestellt, die Angebote im Kanton zu überprüfen und allenfalls zu verbessern.

Der Regierungsrat versteht die Anliegen des Auftrags grundsätzlich – weist aber darauf hin, dass es bereits verschiedene Arbeitsgruppen gibt, die sich um das Thema kümmern, und es deshalb keinen Sinn mache, noch eine ins Leben zu rufen.

Die Solothurner Spitäler AG ist für die ambulante (KJPD) und stationäre (KJPK) Versorgung psychisch erkrankter Kinder und Jugendlicher im Kanton zuständig. Sie überprüft derzeit ihr stationäres Angebot auf Anzahl Plätze und Standort.

Das Projekt OptiSO+ widmet sich der «Angebotsplanung Sonderpädagogik 2021-2030»: eine Resonanzgruppe und vier Arbeitsgruppen überprüfen Angebote für die Kinder, die sonderpädagogische Massnahmen brauchen – also etwa ein Jahr in einer Kleinklasse ausserhalb der Regelschule. In dieser Angebotsplanung sollen auch schulische Angebote für psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche berücksichtigt werden.

Bereits früher war die Rede von Kündigungswellen im Bereich Kinderpsychiatrie bei der soH (wir berichteten). Auch dass es schweizweit zu wenige Kinderpsychiater gibt, ist nicht neu. Die soH nahm bereits Stellung zum Thema Fachkräftemangel und erklärte damals, es sei zunehmend schwierig, qualifizierte Fachkräfte zu finden.

Laut Kantonsregierung ist es in den letzten Monaten zu vermehrten Wechseln bei Ober- und Kaderärzten in der Kinder und Jugendpsychiatrie der soH gekommen.

Diese Abgänge werden damit begründet, dass viele Fachärzte in eigene Praxen wechseln, wo sie mehr Flexibilität hätten. Die Situation sei zusammengefasst «nicht als unkritisch zu beurteilen», findet die Regierung. Eine neue Arbeitsgruppe, die den Abgängen nachgeht, brauche es aber nicht, denn: Die soH hat ihre eigene Projektgruppe eingesetzt.

In erster Linie geht es bei der Analyse um das stationäre Angebot: die Kinder- und Jugendpsychiatrische Klinik (KJPK) in Solothurn mit ihren 18 Plätzen und internen Schule. Wieso wird überprüft? Auf Anfrage heisst es bei der soH, es gehe um die «demografische Entwicklung» und das «Versorgungsumfeld» im Kanton sowie «Trends von Behandlungskonzepten.»

ie Regierung schreibt etwas konkreter, es gebe heutzutage mehr Notfallaufnahmen als früher. Und sie spricht von betrieblichen und finanziellen Herausforderungen der Institution KJPK. Nähere Erklärungen gibt es nicht. Antworten sollen laut soH-Mediensprecher Gian Trionfini bis Ende 2019 folgen; dabei gehe es auch um Fragen nach der Anzahl Plätze, des Standortes und des Angebotes der KJPK.

Auch die Beschulung regeln

Aus diesem Grund sieht die Regierung auch beim stationären Angebot keinen Bedarf, eine zusätzliche Arbeitsgruppe einzusetzen. Gleich sieht es beim Thema Beschulung von betroffenen Kinder und Jugendlichen aus. Diese sollen auch während psychischen Krisen Unterricht erhalten und den Anschluss an den Schulstoff nicht verpassen.

Mehr Tageskliniken gefordert

Tageskliniken – Spitäler, wo psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche tagsüber in Therapie und Unterricht gehen können, und abends wieder zurück nach Hause kehren. Auch das fordert der überparteiliche Auftrag. Er fordert konkret eine Lösung bei der Finanzierung solcher Tageskliniken. Diese gelten als ambulante Angebote. Und bei ambulanten Angeboten beteiligt sich der Kanton nicht an den Kosten – bei stationären hingegen zu 50 Prozent. Um die Ausarbeitung von Leitlinien kümmere sich derzeit die schweizerische Konferenz der Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren, schreibt die Kantonsregierung. Damit solle dann auch die Situation von Tageskliniken im Kanton geregelt werden. SP Kantonsrätin Franziska Roth sagt auf Anfrage, sie spiele auch mit dem Gedanken, eine Standesinitiative einzureichen, damit es im Bereich Tageskliniken vorwärts geht. (NKA)

Laut Roth findet eine Diskriminierung statt, da diese Kinder und Jugendlichen gleich behandelt würden wie solche, die etwa Lernschwierigkeiten haben und dafür speziell gefördert werden. Spezielle Angebote für psychisch erkrankte Schüler gibt es nicht.

Nicht eine, sondern gleich fünf Gruppen kümmern sich aber bereits um die «sonderpädagogische Massnahmenplanung» für die nächsten Jahre. Dabei handelt es sich um Angebote für Kinder mit Behinderung, Verhaltensauffälligkeiten – Kinder, für welche die Beschulung in der Regelschule nicht ausreichend ist. Laut Regierungsrat müssen diese Angebote angepasst werden als Reaktion darauf, dass es heute mehr Kinder mit Wahrnehmungsstörungen und psychischen Erkrankungen gibt.

Wie konkret solche Angebote aussehen könnten, ist offen. Ergebnisse gibt es bis Ende 2019. Auf Anfrage bei einer Arbeitsgruppe wird auf eine Regelung im Volksschulgesetz hingewiesen, laut welcher der Kanton für die Beschulung von Kinder, die länger als zwei Wochen im Spital sind, sorgen muss. Also auch für Kinder in Kliniken anderer Kantone, auch für Kinder mit psychischen Erkrankungen.

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