Obergericht
Wer trug die weisse «Scream-Maske» beim Überfall auf die Tankstelle?

Das Obergericht befasst sich mit einem Raubüberfall in Hägendorf. Hat der Angeklagte die Tat wirklich begangen oder sass er zuhause, wie seine Frau sagt? Für die Richter war der Fall klar.

Daniela Deck
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Diesen Tankstellenshop in Hägendorf soll Milot W.* 2015 überfallen haben. Die Polizei fand eine weisse Maske mit seiner DNA. Seine Mutter bezeugte, dass er sie zwei Wochen vor der Tat in die Altkleidersammlung geworfen hatte. Seine Frau sagte zudem, er sei bei ihr zuhause gewesen.

Diesen Tankstellenshop in Hägendorf soll Milot W.* 2015 überfallen haben. Die Polizei fand eine weisse Maske mit seiner DNA. Seine Mutter bezeugte, dass er sie zwei Wochen vor der Tat in die Altkleidersammlung geworfen hatte. Seine Frau sagte zudem, er sei bei ihr zuhause gewesen.

kps/ae

Wer war es? Mit einem Messer bewaffnet erbeutete ein maskierter Mann am 12. Juli 2015 im BP-Tankstellenshop in Hägendorf rund 1000 Franken.

Am Donnerstag stand Milot W.* deswegen vor dem Obergericht. Er war es, hatte zuvor das Amtsgericht Olten-Gösgen geurteilt. Es hatte Milot W. basierend auf DNA-Spuren auf Tatmaske und -jacke zu 26 Monaten Freiheitsstrafe verknurrt. Er aber will es nicht gewesen sein. Der 27-jährige Kosovare macht geltend, er habe beide Gegenstände drei Wochen vor dem Raub in die Altkleidersammlung gegeben.

Beim Überfall gefilmt Mit diesem Bild suchte die Kantonspolizei im Juli 2012 den Täter, der von einer Überwachungskamera im Tankstellenshop gefilmt worden war. Der Zeugenaufruf der Polizei war erfolgreich: Passanten fanden Jacke und Maske des Täters und meldeten sich bei den Ermittlern. Diese wiederum konnten an den Gegenständen die DNA des Täters nachweisen.

Beim Überfall gefilmt Mit diesem Bild suchte die Kantonspolizei im Juli 2012 den Täter, der von einer Überwachungskamera im Tankstellenshop gefilmt worden war. Der Zeugenaufruf der Polizei war erfolgreich: Passanten fanden Jacke und Maske des Täters und meldeten sich bei den Ermittlern. Diese wiederum konnten an den Gegenständen die DNA des Täters nachweisen.

Kapo SO

Gemäss Anklageschrift scheint alles klar: Kurz vor zehn Uhr abends betritt ein Mann mit einer weissen «Scream-Maske» aus Plastik und einer dunklen Jacke den Tankstellenshop an der Solothurnerstrasse, zwingt die Verkäuferin unter Androhung von Gewalt die Kasse zu leeren und flüchtet zu Fuss. Jacke und Maske werden nach einem Zeugenaufruf von Passanten gefunden. Aufgrund der Aussage eines Kollegen, dem Milot W. Geld schuldete, wurden die Gegenstände dem Angeklagten zugeordnet.

Mehr Unterbruch als Verhandlung

Zum Auftakt der Verhandlung dann die Überraschung. Staatsanwalt Pascal Flückiger präsentierte neue Erkenntnisse und machte neue Vorwürfe geltend: hängige Verfahren um drei Diebstähle im letzten und diesem Jahr, die angeblich ebenfalls vom Beschuldigten begangen worden sein sollen. Milot W.s amtlicher Verteidiger, Viktor Müller, kritisierte das Manöver als «Überrumpelungstaktik» und verlangte einen Unterbruch zur Aktensichtung.

Zurück im Saal beorderte das Gericht sogleich alle wieder hinaus, um über die Zulassung der neuen Vorwürfe zu beraten – und wies diese zurück. Als Nächstes zeigte sich, dass der Zeuge fehlte, jener Kollege, der im Streit um Geld W.s Jacke zerrissen hatte, wie dieser selbst sagte, und der darum das Kleidungsstück auf dem Überwachungsvideo mühelos erkennen konnte. Das bedingte eine erneute Beratung des Gerichts über die Fortsetzung des Verfahrens. Dieses wurde schliesslich fortgesetzt.

DNA-Spuren: (K)ein Beweis?

Müller forderte den Freispruch seines Mandanten und eine Entschädigung für die erlittene Untersuchungshaft. Bei der Sicherung der DNA-Spuren an der Maske sei geschlampt worden. Dass ausschliesslich W.s Spuren da sein sollten und nicht auch die seines jüngeren Bruders, der die Maske in der Schule vom Lehrer erhalten hatte, sei unerklärlich. Zweitens sei da die Zeugenaussage der Mutter, die bestätigte, dass Jacke und Maske am 21. Juni, Wochen vor der Tat, in die Altkleidersammlung gingen, sowie die Aussage der Ehefrau, W. sei am Abend der Tat zuhause gewesen und habe sich um sie, die damals hochschwanger war, gekümmert. Drittens sei zu bedenken, dass zu diesem Zeitpunkt über 30 identische Masken in Hägendorf im Umlauf waren, und viertens habe die überfallene Kassierin den Beschuldigten nicht identifizieren können.

Die Ausführungen der Staatsanwaltschaft waren kurz gehalten, im Gegensatz zum langen Plädoyer der Verteidigung. Pascal Flückiger verwies auf Milot W.s bedingt ausgesprochene zweijährige Vorstrafe für «bandenmässige» Vermögensdelikte. Er forderte drei Jahre unbedingte Haft für den Raubüberfall, den W. «nachgewiesenermassen begangen» habe. «Weitere Straftaten sind zu befürchten. Er hat nichts gelernt», ist der Staatsanwalt überzeugt.

Am Freitag bestätigte das Obergericht die Freiheitsstrafe der ersten Instanz von 26 Monaten. Erschwerend kommt hinzu, dass Milot W. die Vorstrafe von 24 Monaten nun ebenfalls absitzen muss. Zudem muss er die Gerichtskosten aus beiden Verfahren im Umfang von gut 14'000 Franken bezahlen.

Name von der Redaktion geändert