Nationalfeiertag

Wer Schweizer werden will, muss früh aufstehen

Fahrt zum Innersten der Schweiz: Eine Familie reist zum Rütli. Archiv

Fahrt zum Innersten der Schweiz: Eine Familie reist zum Rütli. Archiv

Am 1. August feiert sich die Schweiz selbst. Aber was macht eigentlich diese Schweizer aus? Ein Besuch in einem Kurs, wo das «Schweizer-Sein» gelehrt wird.

Die Männer und Frauen in diesem Raum haben in etwa so viel gemeinsam wie die Passagiere in einem Eisenbahnwagen zwischen Bern und Thun. Jung und älter, Lagerist und Ingenieur, Türke und Russin. Doch sie haben alle das gleiche Reiseziel: Endstation roter Pass. Meine neue Heimat Schweiz.

Knapp zwei Dutzend junge Frauen und Männer aus neun Nationen sitzen im Einbürgerungskurs im Solothurner Gewerbeschulhaus. Sie wollen bald Rechte und Pflichten. Sie wollen panaschieren, kumulieren und streichen. Und dafür stehen sie samstags auf. Es ist acht Uhr früh und keiner ist zu spät.

Wir lernen: Wer Schweizer werden will, muss auch samstags früh aufstehen.

Ungeschriebene Gesetze

Die Türkin aus der Stadt, deren Kinder hier zur Schule gehen, der Pflegefachmann aus Serbien und der Lagerist aus Marokko sitzen im gleichen Schulzimmer. Sie haben Schreibzeug und Leuchtstift dabei. Die Namensschilder stehen auf dem Tisch, in einem blauen Ordner liegen die Kursunterlagen bereit und vom Heft prangt das Berner Bundeshaus vor blauem Himmel.

Vier Stunden lang lernen sie an diesem Morgen, «wie die Schweizer ticken». Fünf Samstagmorgen dauert der Kurs, der sie über Swissness, Gewaltenteilung, Demokratie, Bildungssystem, Sozialversicherung, Parteien, Geschichte und aktuelle politische Themen informiert. Und sie lernen ungeschriebene Gesetze: etwa wann man abends nicht mehr anruft. Am Ende gibt es eine Prüfung. Wird sich in ihrem Leben etwas ändern, wenn sie Schweizer sind? Und kann man lernen, Schweizer zu sein? Es liegt eine Erwartungshaltung wie am ersten Schultag in der Luft.

«Ich will den Pass, weil ...»

Vorstellungsrunde: Warum wollen Sie Schweizer werden?

Der Tamile, der seit 30 Jahren hier ist und bei der ETA arbeitet, sagt: «Ich habe schon fast vergessen, wie es zuhause war. Meine Tochter studiert hier.»

«Abstimmen kann man nur in der Schweiz», sagt die Kroatin, die die Zukunft ihrer Kinder mitgestalten will.

«Wir haben ein Haus gekauft», erklärt der Abteilungsleiter aus Deutschland, der an der Türe zuvor «Grüezi» gesagt hat. «Nach 15 Jahren ist die Brücke in die Heimat abgebrochen.»

«Werum wotti Schwiizere wärde», beginnt die junge Albanerin. «Ich bin seit der Geburt hier. Mit dem Ausländerausweis ist die Stellensuche schwieriger.»

Der Bauarbeiter aus der Türkei ist schon sein Leben lang hier ist. «Ist das ein guter Grund?», fragt er.

«Auch 40 Jahre in der Schweiz zu sein, ist kein Grund», erwidert Kursleiter Thomas Angehrn. «Es gibt kein Anspruchsrecht.» Kursleiter Angehrn, Mittsechziger, Bart, Ostschweizer Dialekt, ist der einzige Schweizer im Raum. 20 Jahre lang hat er für internationale Organisationen gearbeitet. Er scheint schon mal mit seiner Heimat zu hadern. Und doch merkt man: Irgendwie muss er dieses Land lieben. So sehr legt er sich ins Zeug für diesen Kurs.

«Die Einbürgerung ist der Abschluss der Integration, nicht der Anfang», sagt Angehrn. «Aber Sie werden an sich nie Schweizer, sondern nur Bürger einer Gemeinde. Wir kennen eigentlich nur den Bürger einer Gemeinde.»

Wir lernen: Den Schweizer gibt es nicht. Es gibt in diesem föderalistischen Land Berner, Solothurner, Genfer, Attiswiler, Hopperster und Bellacher, Städter und Dorfbewohner. «Manchmal haben die Schweizer selbst Mühe, zu beschreiben, was sie ausser dem Pass mit ihren Mitbürgern, mit anderen Sprachregionen verbindet», sinniert Angehrn. «Aber trotz der Unterschiede wollen wir eine Nation sein. Freiwillig eine Einheit, ohne einheitlich zu sein.» Die Schweiz als Willensnation.

Sinnloses Auswendiglernen?

Ortswechsel. Die Schaltzentrale der Solothurner Einbürgerungen liegt in einem früheren Gefängnis, dem «Prison», in der Solothurner Vorstadt. Im kleinen Garten zwischen hohen, dicken Steinmauern sitzt André Grolimund und nippt an einer Tasse Kaffee. Zwischen Rosen, Tulpen und Vergissmeinnicht wirkt der Chef des Amtes für Gemeinden nicht wie ein strenger Schweizermacher, auch wenn faktisch alle Solothurner Einbürgerungen durch seine Hände gehen. «Schweizer ist, wer Teil dieser Gesellschaft sein will, wer hier leben und partizipieren will», sagt er. Wieder treffen wir auf einen Mann, der internationale Erfahrung hat. Grolimund hat in Korea, in den USA und auf dem Balkan gelebt.

Während Vögel zwitschern, blättert Grolimund im kleinen Garten vor dem Prison durch den Prüfungsbogen, den angehende Schweizer beantworten müssen. «Ein Drittel der Schweizer würden die Fragen nicht beantworten können», sagt der Amtschef. Und trotzdem verteidigt er die Prüfung, die der Solothurner Nationalrat Kurt Fluri schon als sinnloses Auswendiglernen bezeichnet hat. Es gehe schliesslich nicht nur ums Ankreuzen, sondern auch ums freie Beantworten von Sachfragen zu gesellschaftlich relevanten Entwicklungen.

Dann wird es ernster. Der Amtschef weiss, dass gewisse Bürgergemeinden über Jahre die Gesuche hinauszögerten, damit sich nicht mehrere Personen aus dem Balkan an derselben Gemeindeversammlung um das Bürgerrecht bewerben. Inzwischen wüssten die meisten Gemeinden, «wie der Hase läuft», so Grolimund. Das Bundesgericht habe einen Paradigmenwechsel bewirkt. Heute haben Gesuchsteller eine gewisse Rechtssicherheit, dass ihr Gesuch angenommen wird, wenn sie alle Kriterien erfüllen. So will es das Bundesgericht. «Die Willkür, die bei demokratischen Entscheiden möglich ist, gibt es nicht mehr», sagt Grolimund. «Das Bundesgericht hat die Verfahrensgrundsätze definiert. Dadurch ist es zu einer Standardisierung gekommen.»

Rund zehn Beschwerden auf von der Bürgergemeinde abgelehnte Gesuche kommen jährlich zum Amt, schätzt Grolimund. Aber noch immer haben die Bürgergemeinden als erste Anlaufstelle grosse Einflussmöglichkeit. «Die Bürgergemeinden haben eine wichtige Filterfunktion, sagt Grolimund. «Viele aussichtslose Fälle werden bereits ausgesiebt.» Aussichtslos, das heisst keine Sprachkenntnis, Einträge im Betreibungsregister, Schulden, Sozialhilfebezug oder Strafverfahren. Und: «Die Kompetenz der Bürgergemeinden liegt dort, wo es einen Ermessensspielraum gibt», sagt Grolimund. «Sie beurteilen, ob jemand genügend integriert ist.»

Wollen Sie ins Militär?

Anwärter treten an einem Abend vor den Bürgerrat, stellen sich vor, geben zu Protokoll, warum sie sich einbürgern lassen möchten, beantworten Fragen: Warum wollen Sie sich einbürgern lassen und Ihre Frau nicht? Sind die Kinder in einem Fussballclub? In welcher Sprache reden sie mit Freunden und Geschwistern? Wollen Sie ins Militär? Welche Beziehung haben Sie zum Heimatland?

Am Ende steht im Protokoll, ob die Person polizeilich aktenkundig ist oder welcher Religion sie angehört und wie es um die Sprachkenntnisse steht. Dann gehen die Akten an die nächste Instanz, ein kompliziertes Verfahren beginnt, in das das Oberamt, das Amt für Gemeinden, der Bund, und die Bürgergemeinde involviert sind. Höchstens zwei Jahre sollte der Prozess dauern, im Kanton ist diese Frist bis vor kurzem oft überschritten worden.

Klar ist: Wer sich einbürgern lassen will, bezieht keine Sozialhilfe, hat einen guten Leumund und keine Einträge im Betreibungsregister. Und Anwärter auf den roten Pass sind bereit, Geld in die Hand zu nehmen, obwohl es heute eigentlich keine Einbürgerungstaxen mehr gibt. Die Gemeinden verlangen Gebühren, die im Schnitt um 2000 Franken liegen, aber auch mal 3500 Franken betragen können. 1600 bis 2200 Franken kostet das Verfahren nochmals bei Bund und Kanton.

Wir lernen: Schweizer sind wirtschaftlich erfolgreich, arbeiten und haben keine Schulden. Und die Sprache ist wichtig: «Niveau B1» hat der Kantonsrat eben beschlossen. «Das Niveau, um sich auch eine eigene Meinung zu bilden», wie Kursleiter Thomas Angehrn sagt. Ohne Sprache keine Integration, keine politische Diskussion.

Swissness: Mehr als Klischee?

Zurück im Einbürgerungskurs. Wir lernen: Auch Klischees machen eine Nation aus. Sie helfen, die Identität zu finden. An der Leinwand vorne im Schulzimmer stehen jetzt alle Dinge, die die Schweiz aus Sicht der Schweizer attraktiv machen: Alphorn, Bernhardiner und Bankgeheimnis, Birchermüesli, Cervelat und das Gewehr im Schrank; Gotthard, Raclette, Rösti, Rigi, Rütli und rotes Kreuz. Der Franken, die Swatch, Schwingen, Tell und Toblerone. Nestlé und Pestalozzi. Bergier und die Igelmentalität.

Wir lernen weiter: Qualität, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Kompromiss, Stabilität, Neutralität, das Volk als letzter Entscheidungsträger. Kursleiter Thomas Angehrn will hier nicht nur Klischees präsentieren. Er will Werte diskutieren und ein politisches Wissensbewusstsein schaffen. Schon bald provoziert er mit der deutschen Mittvierzigerin eine Diskussion ums Bankgeheimnis, das die Noch-Deutsche vehement verteidigt. «Es ist doch nicht das Problem der Schweiz, wenn andere Staaten zu viele Steuern verlangen.»

Was ist diese Schweiz? Ragusa und Roche? Vier Landessprachen oder der Mythos, dass man eine wenig pompöse Wiese als Geburtsort wählt? Am Ende bleibt als grösste Erinnerung: Man darf mitreden. Zumindest als Schweizer.

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