Pandemie
«Wer sagt Stop?»: Die Solothurner Spitex läuft am Limit

Mehr Aufträge, doppelte Schichten: Auch die Spitex ist überlastet. Eine Musterlösung gibt es nicht. Doch solange die Pandemie in diesem Ausmass grassiere, werde sich das Problem kaum komplett lösen lassen.

Noëlle Karpf
Merken
Drucken
Teilen
«Die Situation ist sehr angespannt», so Kuhn.

«Die Situation ist sehr angespannt», so Kuhn.

Hanspeter Bärtschi

Die Spitäler im Kanton Solothurn sind am Anschlag – 63 Corona-Erkrankte wurden Stand Freitag im Spital gepflegt, 12 davon auf der Intensivstation. Drei Viertel der sonst üblichen Behandlungen werden nicht mehr durchgeführt, Betten sollen freibehalten werden für weitere Coronafälle. Und dies spürt die Spitex – 1000 Mitarbeitende betreuen und pflegen in 26 Regional-Sektionen über 6000 Menschen im Kanton in deren Zuhause.

Derzeit verzeichnen einig Sektionen deutlich mehr Aufträge: Eine Höchstzahl an Betten, in denen Klienten betreut werden können, gibt es bei der Spitex nicht, erklärt Sigrun Kuhn-Hopp, Präsidentin des kantonalen Spitexverbandes. Dies weil Klientel jeweils im eigenen Bett betreut wird. Gleichzeitig steht der Spitex bei mehr Aufträgen nicht mehr Personal zur Verfügung. «Die Mitarbeitenden sind sehr belastet, arbeiten mehr als vertraglich festgelegt», so Kuhn. «Die Situation ist sehr angespannt.» Man stelle zudem eine regionale Konzentration fest, die sich rasch verschiebe – einmal sei die Region um Olten betroffen, aktuell sei es Solothurn.

Mehr Personal rekrutiert, «aber es reicht nicht»

Kathrin Lanz ist Geschäftsleiterin der Spitex Region Solothurn, bei welcher rund 80 Mitarbeitende täglich bis zu 300 Personen pflegt. Momentan hat die Sektion viel mehr zu tun. Einerseits aufgrund der Situation in den Spitälern. Laut Kuhn und Lanz entlassen Spitäler derzeit zudem frühzeitig Patienten, deren Pflege dann auch die Spitex übernehme. Die Solothurner Spitäler AG widerspricht dieser Aussage.

Gleichzeitig erwähnt Lanz auch die Alters- und Pflegeheime, in denen es vereinzelt Ausbrüche von Corona gegeben hat. Einige Menschen hätten deswegen Angst einzutreten – «je nach Situation können sie auch nicht, da die Heime gesperrt sind». «Ich habe zusätzliches Personal angestellt», so die Geschäftsleiterin, «aber es reicht nicht». Seit Wochen arbeiteten die Mitarbeitenden neun bis elf Stunden täglich. Sie sei zwar sehr stolz auf ihr Team, und auch Verbandspräsidentin Kuhn spricht allen Spitex Mitarbeitenden grosses Lob aus – aber es müsse sich dringend etwas ändern.

Lösungen müssen her – für das ganze System

Enormen Mehraufwand habe man auch, weil man inzwischen auch an Corona erkranktes Klientel pflege. So gibt es zudem zunehmend Mitarbeitende, die in Quarantäne müssen – im schlimmsten Fall erkranken. Zum Teil können sich Spitex-Organisationen untereinander aushelfen. Allenfalls könnten auch Angehörige angeleitet werden und einige Pflegeaufgaben selbst übernehmen, berichtet Lanz. Auch wolle man versuchen, pensionierte Mitarbeitende wieder zu rekrutieren.

Den kommenden Wochen sehe sie mit grosser Sorge entgegen, berichtet Lanz, auch weil erfahrungsgemäss vor Weihnachten ein Anstieg an Pflegeleistungen zu erwarten sei. «Wer sagt Stop?», so die Geschäftsleiterin der Spitex Region Solothurn. «Wir können kaum jemanden mehr aufnehmen.»

Aus Pool könne nur wenig Personal rekrutiert werden

«Es ist nun wichtig, dass wir Lösungen haben», das sagt auch die Präsidentin des kantonalen Spitex-Verbandes. Bereits im März schuf der Kanton einen Pool mit Pflegefachpersonal, das bei Überlastung in den Gesundheitsinstitutionen aushelfen sollte. Aus diesem könne die Spitex aber nur wenig Personal rekrutieren, sagt Kuhn-Hopp. Die Frage, ob im erwähnten Pool genügend Personal zur Verfügung stehe, lasse sich nur schwerlich beantworten, so David Kummer, Kommunikation Fachstab Pandemie. «Für einfachere pflegerische Tätigkeiten oder die Betreuung stehen eher genügend Personen zur Verfügung.» Je anspruchsvoller die Tätigkeit, umso schwieriger sei es, Ausfälle im Gesundheitswesen mit Personal aus dem Pool zu kompensieren.

Aktuell wird nach Zwischenlösungen gesucht

Dem Kanton sei die Lage der Spitex bekannt, so Kummer weiter. Das gesamte Gesundheitswesen im Kanton habe mit personellen Engpässen zu kämpfen. Weshalb in aktuelle Gespräche auch alle Player des Systems einbezogen werden. Aktuell wird etwa nach Zwischenlösungen für Patientinnen und Patienten gesucht, die das Spital verlassen – damit «nachgelagerte Systeme», wie eben die Spitex, nicht zu stark belastet werden. Kummer schreibt aber weiter auch: «Solange die Pandemie in diesem Ausmass grassiert, wird sich das Problem kaum komplett lösen lassen.»