Berufsvorbereitungsjahr
Wer noch keine Lehrstelle hat, der lernt Selbstverantwortung

Anfang August startet am Berufsbildungszentrum Olten das völlig neu konzipierte Berufsvorbereitungsjahr. Es richtet sich an Schulabhängerinnen und Schulabgänger, die noch keine Lehrstelle gefunden haben. Angemeldet haben sich 120 Schüler.

Elisabeth Seifert
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Schule und Arbeit: Das neue Berufsvorbereitungsjahr am BBZ Olten verbindet beides. Archiv

Schule und Arbeit: Das neue Berufsvorbereitungsjahr am BBZ Olten verbindet beides. Archiv

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Was tun, wenn am Ende der obligatorischen Schulzeit nicht klar ist, wie es weitergehen soll? Gab es für Unentschlossene bislang ein breites Spektrum an Brückenangeboten, werden diese mit Beginn des neuen Schuljahres gebündelt. 120 Jugendliche, und damit der grösste Teil der jungen Männer und Frauen, die für die Planung ihrer Zukunft noch etwas Zeit brauchen, werden ab Anfang August am Berufsbildungszentrum (BBZ) Olten das neu konzipierte Berufsvorbereitungsjahr besuchen. Während dreier Tage pro Woche sammeln sie praktische Erfahrungen in der Berufswelt, an zwei Tagen drücken sie die Schulbank.

Neben diesem Berufsvorbereitungsjahr gibt es weiterhin den «Startpunkt Wallierhof», wo sich die Jugendlichen einen grossen Teil des Jahres auf einem landwirtschaftlichen Betrieb oder in einem Privathaushalt nützlich machen (siehe Text unten).

Alle anderen Brückenangebote gehören indes der Vergangenheit an: die Vorlehre, das Hauswirtschaftsjahr und ein Berufsvorbereitungsjahr für Werkklässlerinnen und Werkklässler. Keine Alternative mehr ist ab August auch das 10. Schuljahr. Obwohl der Regierungsrat den Gemeinden eine Übergangsfrist bis Ende des Schuljahres 2015/2016 gewährt, verzichten sämtliche Schulträger bereits jetzt auf eine Weiterführung des «Auslaufmodells».

Mehr Anmeldungen als erwartet

Die Neukonzeption – und Bündelung – des Brückenangebots erkläre sich insbesondere mit der Reform auf der Sekundarstufe I, hält Heinz Flück im Gespräch mit dieser Zeitung fest. Er ist Leiter Förderpädagogik am BBZ Olten und verantwortlich für das neue Berufsvorbereitungsjahr. Analog zu den «Zubringern», vor allem Sek E und Sek B, können die jungen Leute etwa für die beiden Schultage pro Woche zwischen den Profilen Technik/Handwerk sowie Dienstleistung/Soziales wählen.

Sek E, Sek B und auch Sek K verstehen sich als Vorbereitung für den Eintritt in die berufliche Grundbildung. Schülerinnen und Schüler, die nach dem neunten Schuljahr den Übertritt in die Berufswelt nicht schaffen, sollen mit einem auf die Praxis ausgerichteten Berufsvorbereitungsjahr dabei unterstützt werden. Ein rein schulisches Brückenangebot wie das 10. Schuljahr, das auch als «Ehrenrunde» für Mittelschul-Anwärter genutzt worden ist, hat hier keinen Platz.

Das neue Berufsvorbereitungsjahr richtet sich dabei an die ganze Bandbreite künftiger Lernender – vom Kleinklässler bis hin zur Absolventin der Sek E. «Wir haben Anmeldungen aus allen Abteilungen der dreijährigen Sekundarschule», so Heinz Flück. Erstaunt ist er vor allem über die Zahl der interessierten Schülerinnen und Schüler. «Gerechnet haben wir mit 80 bis 90 Anmeldungen, jetzt haben sich rund 120 Schüler angemeldet.» Das sind zwar immer noch nicht ganz so viele Interessenten, wie sich in den Vorjahren für die Vorgängerangebote angemeldet haben, aber eben doch überraschend viele. Heinz Flück: «Aufgrund des ausgetrockneten Lehrstellenmarktes, der demografischen Entwicklung sowie der Reform auf der Sekundarstufe I hätten wir mit einer geringeren Anzahl gerechnet.»

Obwohl Sek E, Sek B und Sek K die Berufsorientierung stark gewichten, finden etliche Absolventen keine geeignete Lehrstelle. Im Rahmen der Aufnahmegespräche für das Berufsvorbereitungsjahr stellt Heinz Flück bei der Begleitung der jungen Leute beträchtliche Unterschiede zwischen den Schulorten fest. «Während die Schulabgänger bestimmter Schulen bereits an diversen Orten geschnuppert haben und über eine gut geführte Berufswahl-Mappe verfügen, haben andere gerade mal eine einzige Schnupperlehre absolviert.» Für eine solch dürftige Ausbeute, so Flück, kann man freilich nicht einfach die entsprechenden Lehrpersonen verantwortlich machen. Zu wünschen übrig lasse auch das Engagement so mancher Schülerinnen und Schüler.

Eigeninitiative ist gefragt

Mit der Gestaltung des neuen Brückenangebots soll denn auch die Eigeninitiative der jungen Frauen und Männer gefördert werden. Gefragt ist diese schon beim Anmeldeverfahren. Definitiv aufgenommen werden die Interessierten nämlich erst dann, wenn sie einen Praktikumsplatz vorweisen können. «Zurzeit hat etwa rund die Hälfte der Angemeldeten eine Zusage für ein Praktikum in der Tasche», weiss der Berufsbildungs-Experte vom BBZ Olten. Und: «Wer bis Ende August keinen Praktikumsplatz hat, der wird nicht ins Programm aufgenommen.» Sollte zudem jemand während des Jahres seinen Praktikumsplatz aus eigenem Verschulden verlieren, hat er oder sie sechs Wochen Zeit, eine neue Praktikums-Stelle zu finden.

«An den beiden Schultagen pro Woche legen wir grossen Wert auf selbstverantwortliches Lernen», betont Heinz Flück. Mittels verschiedener Unterrichtseinheiten reflektieren die jungen Leute über ihr eigenes Lernverhalten, ihre Lernfortschritte und ziehen Bilanz aus den Bewerbungsbemühungen. Der Selbstreflexion dienen auch regelmässige Berichte über ihre Arbeit im Praktikum. Eingeschworen auf die Herausforderungen des Berufsvorbereitungsjahres werden die zukünftigen Lernenden mit einer Sportwoche, in der sie «Mut zeigen, Geduld üben und an die eigenen Grenzen kommen lernen».