Mit grossem Interesse las ich in dieser Zeitung die Besprechung über den im Jahrbuch 2016 für Solothurnische Geschichte erschienenen Erlebnisbericht von Dr. Peter Gross zur Sanierung der Uhrenindustrie.*

Ich nahm die Ausführungen von Peter Gross jedoch mit einem von Zeile zu Zeile zunehmenden Schrecken zur Kenntnis. Ja, es ist problematisch, wenn ‹‹ein Mann, der einst an vorderster Front tätig war, selbst ein historisches Urteil über seine Arbeit fällt».

Es ist nicht verwunderlich, dass die Ausführungen von Gross mir einige Telefonanrufe bescherten, mit der Bitte, ich möge die Sachlage korrekt darstellen. Denn im Text von Peter Gross fehlt der Name Ernst Thomke. Dabei verdanken wir dem gebürtigen Bieler, von 1978 bis 1985 Direktor der ETA Grenchen, nicht nur die Swatch und ihr geniales Marketingkonzept.

Er zog 1983/84 auch die technische Fusion der SSIH mit der Asuag durch. Damit legte Thomke die Grundlage für die Firma, die als SMH (seit 1997: Swatch Group) in die Hände von Nicolas G. Hayek (NGH) kam.

Diese Fusion wäre nie und nimmer gelungen, wenn nicht Thomke mit der Belegschaft der ETA Grenchen folgende ‹‹Vorarbeiten›› vollbracht hätte: Aus der Erkenntnis heraus, dass die Schweizer Uhrenindustrie nur überleben kann, wenn sie auch im elektronischen Billigsektor eine gewichtige Stellung innehat, gab Thomke im Oktober 1979 das Startsignal zur Entwicklung der Swatch.

Dabei war ihm von Anfang an klar, dass bei den hohen Lebens- und Produktionskosten in der Schweiz die Fabrikation einer preiswerten und robusten Billiguhr nur möglich ist, wenn man sie vollautomatisch fabriziert. Ein Vorgang, der bis 1980 als nicht realisierbar galt.

Unter der Ägide Thomkes vollbrachten die verschiedenen Konstruktionsabteilungen der ETA Grenchen diese Weltpremiere. Am 23. Dezember 1981 geschah in der ETA Grenchen (seit 1979 der Fels in der Brandung in der Uhrenkrise) ein wichtiges Ereignis: Nach zwei Jahren intensiver Forschung wurden die ersten fünf Swatchuhren auf den Prüfstand gelegt; leider gaben diese nach fünf Tagen ihren Geist auf.

Thomkes Reaktion: ‹‹Wenn Uhren fünf Tage laufen, ist das Ziel erreicht», und er gab den Befehl, das Projekt ‹‹Swatch›› durchzuziehen. 1982 erfolgte die Lancierung der Swatch.

Als gewiefter Marketingmann wusste Thomke, dass ohne ein die Gefühle ansprechendes Marketing im Uhrenmarkt keine Lorbeeren zu holen sind. 1980 gründete er ein Marketing-Team. Die Swatch wurde als Modeaccessoire angepriesen. In den USA holte man Ratschläge.

Von Marvin Traub stammt die Idee, alle sechs Monate neue Swatchserien auf den Markt zu bringen. Der Grenchner Peter Gschwind (Jg 1957) hat im Oktober 1983 die Idee der ‹‹Riesenswatch›› von 135 m Länge und einem Totalgewicht von 16 Tonnen. Sie hing vom 29. März bis 03. April 1984 am Gebäude der Deutschen Bank in Frankfurt und sorgte weltweit für Furore.

Unbestritten ist: Im ersten Quartal 1982 hatten Hayek und seine Mitarbeiter mit der Durchleuchtung der Asuag begonnen. Doch auch Ernst Thomke vollbrachte im Jahr 1982 eine weitere wichtige Tat. Im Frühling begann er mit der Sanierung der Ebauches SA: Ihre Fabriken wurden in drei Zentren zusammengefasst.

Das Resultat: Die schädlichen Familienkonkurrenzkämpfe waren damit eliminiert. Es war denn auch Ernst Thomke, der 1983/84 den Journalisten auffiel: Der «Tages-Anzeiger» verlieh ihm den Titel ‹‹der momentan profilierteste und tatkräftigste Manager der Uhrenbranche».

1984 wurden auch neue Strukturen bei Omega und Longines geschaffen. Denn Thomke hatte erkannt: Manufakturen wie Omega und Longines waren nicht mehr zeitgemäss, weil die Herstellung eigener Komponenten wegen der kleinen Stückzahlen viel zu teuer war. Sie mussten ihre eigene Komponenten-Fabrikation aufgeben. O-Ton Thomke: «Wir sind keine Sozialinstitution. Wenn ich in La Chaux-de-Fonds Uhrwerke für zwei Franken montieren lassen kann, dann mache ich das nicht in Biel für drei Franken.»

Klar: Ab Mitte 1985, als Boss der SMH vermarktete auch Nicolas G. Hayek (NGH) die Swatch. Hayek hatte eine stupende Selbstdarstellungskunst. Und trug so viel zum weltweiten Erfolg der Swatch bei. Später liess NGH bei seinen Auftritten immer wieder durchblicken, dass er der Mann sei, der... Zu recht? Bereits am 30. November 1992 hatte der Solothurner Regierungsrat aber dem Duo Ernst Thomke und Nicolas G. Hayek den Solothurner Anerkennungspreis von 10 000 Franken verliehen.

Ernst Thomke wies die Ehrung zurück ‹‹weil der in der Laudatio beschriebene Ablauf in keiner Art und Weise den Tatsachen entspricht.›› Anlässlich der Verleihung des Uhrennobelpreises, des Prix Gaia in La Chaux-de-Fonds 2010, an die Swatcherfinder Jacques Muller und Elmar Mock, liess sogar Nicolas G. Hayek einen Brief verlesen, in dem er erklärte, nicht der Vater der Swatch zu sein.

*Der Autor reagiert auf einen Beitrag von Peter Gross im historischen Jahrbuch des Kantons Solothurn und die Rezension dazu in dieser Zeitung. In seinem Beitrag blickt Gross, der frühere Generaldirektor der Bankgesellschaft und Vizepräsident des Swatch-Verwaltungsrates, auf seine Mitwirkung bei der Sanierung der Schweizer Uhrenindustrie zurück. Gross betont dort die Bedeutung der Banken und von Nicolas G. Hayek.