Gastredaktorin Marlies Czerny

Wer hat denn da einen Schuss?

Gut in Schuss: Für 3600 Solothurner ist Schiessen ein Sport (Symbolbild)

Gut in Schuss: Für 3600 Solothurner ist Schiessen ein Sport (Symbolbild)

Aufgeschreckt vom Schiesslärm beweist Gastredaktorin Marlies Czerny Mut und geht der hiesigen Schiess- und Schützen-Kultur auf den Grund. Dabei stellt sich die Frage, wer denn da den Knall hat.

Es zwitschern die Vögel, es rascheln die Blätter der Bäume - beim Durchstreifen des Juras herrscht die Stille der Natur; eine fast kitschige Stille. Bis zu diesem Knall. Und diesem Knall. Und diesem. Diesem. Diesem. Diesem.

«Wer hat da den Knall?», frage ich mich, erschrocken vom Stakkato des Geballers. Das tönt in meinen Ohren nicht nach der viel gerühmten Schweizer «Neutralität». Manche meiner Wegbegleiter blenden diese Lärm-Einlagen intuitiv aus wie ein schlechtes Lied im Radio - ich glaube, ich höre nicht ganz richtig.

Alle Angaben mit Gewehr: 188 Schiessvereine sind im Kanton Solothurn registriert, 18 000 Waffen sind insgesamt gemeldet. «Seit Inkrafttreten des eidgenössischen Waffengesetzes 1999, welches zum Erwerb bewilligungspflichtiger Waffen einen Waffenerwerbsschein voraussetzt, hat die Polizei Kanton Solothurn 4068 Personen einen oder mehrere Waffenerwerbsscheine ausgestellt», sagt Polizeisprecher Andreas Mock. 253 Frauen befinden sich darunter. Mock merkt an, dass jeden Monat eine beträchtliche Anzahl Waffen freiwillig abgegeben würde - als Folge der im Jahr 2009 lancierten Einsammelaktion.

Ist es nur ein «kleines» Versäumnis, welches der «besten Armee der Welt» (Copyright: Verteidigungsminister Ueli Maurer) unterlaufen ist? Der Walliser Rentner Sepp Truffer hätte vor 14 Jahren sein Sturmgewehr abgeben müssen, vor drei Wochen hat es die Armee bemerkt, sie hatte den Einzug seiner Waffe verschlafen, wie der «Blick» gestern berichtete. Im April hatte das Verteidigungsdepartement angegeben, wie viele Armeewaffen vermisst würden: mehr als 700. 188 Personen, bei denen ein Bedrohungspotenzial festgestellt wurde, seien bis Ende 2011 entwaffnet worden, sagte Armeesprecher Walter Frik. Risikokandidaten seien bei den Säumigen nicht registriert. Aber so viel ist auch für Frik sicher: «Es gibt leider keine absolute Sicherheit.»

«Ich finde es bedenklich, dass die Erfassung nicht besser funktioniert», kritisiert Heinz Hammer, der Präsident des Solothurner Schiesssportverbandes. Aber er hält fest: «Man muss keine Angst haben, dass die Waffen illegal verwendet werden.»

7168 Personen verrichten im Kanton Solothurn aktuell ihren Wehrdienst, darunter befinden sich 60 Frauen. Untauglich oder im Zivilschutz sind 17 660 Personen. Die Zahl jener, die ihre Ordonnanzwaffe nach dem Dienst noch in die eigenen vier Wände mitnehmen (und einmal jährlich am obligatorischen Schiessen teilnehmen müssen), nimmt laut Kreiskommandant Diego Ochsner kontinuierlich ab.

Zu spüren bekommen das die lokalen Vereine. 8650 Mitglieder zählt der Solothurner Schiesssportverband, die Zahlen sind stark rückläufig. «Die Verschärfung des Waffengesetzes spüren wir», sagt Präsident Hammer. Die lizenzierten, also aktiven, Schützen nehmen seit fünf Jahre nicht mehr ab, sie haben sich bei rund 3600 eingependelt. Zehnjährige dürfen Schützenvereinen beitreten. Ob Hammer ein mulmiges Gefühl hat, wenn ein Kind, das aus Jugendschutzgründen nicht einmal alle Kinofilme sehen darf, zur Waffe greift? Er will nicht von «Waffen» sprechen, «wir reden von Gewehren und Pistolen. Das ist eine Sportart. Und die Jugendlichen haben meistens keine eigenen Gewehre, die gehören den Vereinen. Die Akzeptanz der Eltern ist gross.»

Hier ein Knall, dort ein Knall - die Schützen scheinen gut in Schuss zu sein. Viele trainieren zweimal wöchentlich, besuchen diverse Anlässe, wie das Feldschiessen vor zwei Wochen. Man muss kein Klugschiesser sein, um zu erahnen, dass sich die Interessen der Vereine (die Ausübung ihres Sports) mit den Interessen mancher Anrainer (ruhige Stunden im Garten) nicht völlig decken. «Solange sich die Vereine in den Schiesszeiten bewegen, stehen die Gemeinden hinter ihnen. Sonst gibt es Reklamationen. Im Grossen und Ganzen läuft es aber ruhig ab», sagt Hammer. So viel ist wieder sicher: «Ruhig» ist nicht für alle gleich «ruhig».

Meistgesehen

Artboard 1