Nachgefragt
«Wer etwas will, sucht Wege. Wer etwas nicht will, sucht Gründe» — so der Direktor der Jungfraubahnen

Urs Kessler (58), seit 2008 Direktor der Jungfraubahnen, hat am 5. Dezember 2020 die V-Bahn eröffnet, die mit ihrem Komfort und ihrer Geschwindigkeit neue Massstäbe setzt. Der «Eiger Express» führt vom Terminal in Grindelwald zur Haltestelle Eigergletscher, dem Umsteigepunkt zum Jungfraujoch.

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Urs Kessler, Vorsitzender der Geschäftsleitung Jungfraubahnen

Urs Kessler, Vorsitzender der Geschäftsleitung Jungfraubahnen

Severin Bigler

Herr Kessler, wie sind Sie auf diesen aussergewöhnlichen Gedanken der V-Bahn gekommen?

Urs Kessler: Bei meinen Besuchen auf den globalen Märkten habe ich seit der Jahrtausendwende festgestellt, dass Geschwindigkeit, also möglichst schnell von A nach B kommen, ein Marktbedürfnis ist. Und das möchten alle mit Komfort und Qualität. Mit der neuen V-Bahn und vor allem der Dreiseilumlaufbahn «Eiger Express» bieten wir genau das. Die Kapazität auf dem Jungfraujoch – Top of Europe beschränken wir freiwillig schon seit 2009 auf 5500 Personen pro Tag. Wir wollen nicht mehr Gäste auf dem Jungfraujoch, sondern Qualität und Komfort mit schnellerer Reisezeit bieten. Zudem waren wir im Wintersport nicht mehr konkurrenzfähig. Dank der neuen Bahnen kehren wir zurück in die Champions League des Wintersports. Mit der V-Bahn haben wir ein Generationenprojekt geschaffen, das für die nächsten Generationen Arbeitsplätze in einem Berggebiet und die touristische Zukunft der Jungfrau Region sichert.

Wie sehr hat Ihnen der anfängliche Widerstand zu schaffen gemacht?

Es gab manchmal schon schlaflose Nächte. Ich bin mit Problemen ins Bett gegangen – und habe morgens unter der Dusche über mögliche Lösungen und Kompromisse nachgedacht. Am meisten geärgert hat mich, dass jeder Einsprecher behauptet hat, es gehe ihm um die Sache. Dabei ist es jedem am Schluss um den eigenen Vorteil gegangen.

Sie sind ein ausgesprochener Macher-Typ und haben in der Bergbahn-Szene der Schweiz ausserordentliches vollbracht. Woher nehmen Sie die Energie, Ihre Ziele zu erreichen?

Ich bin grundsätzlich ein Optimist. Mein Motto war immer: Wer etwas will, sucht Wege. Wer etwas nicht will, sucht Gründe. Mit der V-Bahn haben wir nun ein Projekt für die nächsten Generationen. Sicher habe ich Ideen eingebracht und den gesamten Prozess begleitet. Es braucht dazu auch ein Team, das mitzieht – die Generalplaner, Garaventa, zahlreiche Firmen aus der Region, Mitarbeitende der Jungfraubahnen. Alle haben einen super Job gemacht.

Die V-Bahn wird nun die Gäste schneller aufs Jungfraujoch bringen als die beiden Zahnradbahnen von Lauterbrunnen und Grindelwald aus. Wie sieht die Zukunft dieser beiden Strecken aus?

Die Zahnradbahn ist ein Unique Selling Point, also ein einzigartiges Verkaufsargument. Sie wird immer im Angebot bleiben, da weltweit keine solchen Bahnen mehr gebaut werden. Nebst dem, dass der Betrieb der Zahnradbahn mit den Bergschaften vereinbart ist, können wir in besseren Zeiten unseren Gästen eine alternative zum «Eiger Express» anbieten.

Ist die Erschliessung der Jungfrauspitze, wie sie ursprünglich angedacht war, noch ein Fernziel?

Das war der ursprüngliche Plan von Adolf Guyer-Zeller. Nachdem bereits seine Söhne mit der Jungfraubahn den Endbahnhof 1912 beim Jungfraujoch eingerichtet hatten, wäre es heute noch unrealistischer, die Bahn durch den Berg bis zur Jungfrau weiterzu­ziehen.

Mit welchen neuen Visionen von Urs Kessler wird in Zukunft zu rechnen sein?

Wir haben noch einige Projekte im Kopf, um dem Ziel von 12 Monaten Hochsaison näher zu kommen. Höchste Priorität hat der Ausbau des Jungfraujochs, um den Gästen die einzigartige Berg- und Gletscherwelt noch näher zu bringen. Weiter ist der Ausbau des Ostgrats, der ehemaligen Swisscom-Station, als «House of Clocks» geplant. Die Jungfraubahnen wollen auch den Schub des Wirtschaftsmotors V-Bahn nutzen. Dazu gehört die Unterstützung von Hotelprojekten in Interlaken und in Grindelwald. (ld)

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