Es entzieht sich unserer Kenntnis, ob Willi Ritschard von ihm gehört hatte. Es geht um einen wie üblich haarscharfen politischen Kommentar von Friedrich Dürrenmatt, einem der beiden grossen Schriftsteller der Schweiz der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wir blenden zurück ins Jahr 1959. Die Schweizer Männer hatten eben in einer «Volksabstimmung» mehrheitlich den Schweizer Frauen das Stimm- und Wahlrecht verweigert. Ein eindeutig undemokratischer Entscheid. Eine Blamage für ein Land, das sich für eine der ältesten Demokratien der Welt hält. Und Dürrenmatt mit seinem Sinn für Paradoxien und Absurditäten meinte kurz und bündig: «Die Demokratie ist wieder einmal der Demokratie im Weg gestanden».

Wie hätte Willi Ritschard auf diesen träfen Kommentar reagiert? Was wäre sein Kommentar gewesen zu dieser Analyse? Ich bin mir sicher, Ritschard hätte gesagt: «Richtig, das kann passieren. Doch wir können die Demokratie nur mit der Demokratie verbessern. Dass dies auch gelingt, müsst Ihr aber die Menschen, in diesem Fall die Männer, politisch besser bilden.

Ihr habt Euch eben zu wenig und viel zu spät angestrengt, den Männern zu zeigen, dass das Stimm- und Wahlrecht ein Menschenrecht ist, das den Frauen nicht verweigert werden darf in einer Demokratie. Sonst bleibt diese unvollständig. Sie wäre sonst nicht einmal eine halbe Demokratie, sind doch die Frauen die Mehrheit der Menschheit.» Und Dürrenmatt hätte Ritschard recht gegeben. Denn Dürrenmatt war sich bewusst, dass Fortschritte nur möglich waren als Früchte kollektiver Lernprozesse, die auch dank Bildungsanstrengungen vorangebracht und gestärkt werden können.

Der «Mann des Volkes» verstand sich auch als «Volkspädagog»

Willi Ritschard hätte ganz gewiss auf die mangelnde politische Bildung vieler Landsleute verwiesen. Denn er war sich bewusst, dass er ganz persönlich der politischen Arbeiterbildung alles verdankte, das er geworden ist. Ohne die von Max Weber, dem zweiten SP-Bundesrat der Schweizer Geschichte, aufgebaute «Schweizer Arbeiterbildungszentrale» (SABZ) hätte aus dem Luterbacher Waisenkind und Heizungsmonteur nie 1945 der Sekretär der Solothurner Sektion des Schweizerischen Bau- und Holzarbeiterverbandes (SBHV) werden können.

Niemals wäre Ritschard ohne die vielen Abend- und Wochenendkurse in der SABZ Luterbacher Gemeindeammann (1947-1959) geworden, niemals Kantons-, National-, Solothurner Regierungs- und schliesslich 1973 als erster und bisher einziger Arbeiter sogar Bundesrat.

Ritschard war sich zeitlebens dessen bewusst, was er der politischen Bildung verdankt hat. Und wollte deshalb das, was er bekommen hatte, auch allen anderen zurück-, beziehungsweise weitergeben. Deshalb organisierte er den Bau des Arbeiter-Bildungs-Haus auf dem Balmberg und übernahm selber von 1957 bis zu seinem Tod das Präsidium des Vereins zur Förderung der Arbeiterschule; 1965 war aus der SABZ die «Stiftung zur Förderung der Erwachsenenbildung» geworden.

Willi Ritschard lebte vor, was ein freisinniger Kollege und Seminarvorsteher aus dem Thurgau einmal gesagt hatte: «Politik ist zur Hälfte Pädagogik». Ritschard war nicht nur ein «Mann des Volkes», sondern verstand sich auch als «Volkspädagog». So sagte Bundesrat Willi Ritschard noch 1983, in seinem Todesjahr: «Nur wer etwas weiss, kann auch etwas verändern. Wer Demokratie will, muss ein gebildetes Volk wollen. Das Recht auf Bildung scheint mir nicht einfach eine sozialdemokratische, sondern eine allgemein demokratische und deshalb eine liberale Forderung zu sein.

Mit ein wenig mehr Staatsbürgerkunde in der Gewerbeschule ist hier aber wenig getan. Wer etwas in diesem Staat oder von diesem Staat will, muss in der Lage sein, sein Anliegen schriftlich und mündlich zu formulieren. Er muss diskutieren und sich geistig mit einer Sache auseinandersetzen können. Ich weiss, dass das ein hoher Anspruch ist. Aber die Demokratie ist eben eine anspruchsvolle Sache. Wer sich zu ihr bekennt, muss sich bemühen, diese Ansprüche zu erfüllen.»

Willi Ritschard dachte immer an das ganze Volk

Und an einem Parteitag der Sozialdemokraten meinte Ritschard: «Zu oft erlebt der einfache Bürger und die einfache Bürgerin unseren Staat nicht als Ausdruck des politischen Willens aller Bürger. Der Staat steht zwar jedem Bürger ohne Unterschied zur Verfügung. Aber er ist nicht für jeden Bürger in gleicher Weise benützbar.

Der Gebildete und der Wissende haben einen Vorsprung. Die demokratische Gesellschaft ist nicht damit hergestellt, dass man gleiches Recht für alle schafft. Die demokratische Gesellschaft muss auch wirklich Gleichheit (Égalité) herstellen: gleiche Bildungschancen. Gleiche soziale Chancen, gleichen Anteil an Lebensqualität.» Und ich bin mir sicher, dass Willi Ritschard bei dieser Forderung nach gleichen Lebenschancen und gleichen Anteilen unseren gemeinsam erarbeiteten Reichtum an wirklich alle gedacht hat, an die Männer und die Frauen. Ritschard dachte immer an das ganze Volk, nicht nur an dessen vermeintlich stärkere Hälfte.