Kriminalstatistik
Wer bei Autobahnausfahrt lebt, ist öfter von Einbrüchen betroffen

Wo lebt es sich besonders sicher? Warum gibt es in Grenchen viel weniger Straftaten als in Solothurn und warum lebt man in Balm sicher, auch wenn die Statistik das Gegenteil sagt? Einige Erklärungen zur Kriminalstatistik 2013.

Lucien Fluri
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Ein Einbruch schenkt in der Statistik stärker ein als ein Ladendiebstahl. (Symbolbild)

Ein Einbruch schenkt in der Statistik stärker ein als ein Ladendiebstahl. (Symbolbild)

Keystone

Je ländlicher eine Gemeinde liegt, desto weniger Straftaten gibt es. Das zeigt sich in den Kriminalstatistiken, die die Kantone Bern und Solothurn in den letzten Wochen veröffentlicht haben.

Dort finden sich nämlich die Angaben, wie viele Straftaten pro 1000 Einwohner geschehen. Im Solothurner Bucheggberg und im grössten Teil des äusseren Wasseramtes ist die Kriminalitätsrate sehr gering. Fast paradiesisch ruhig ist es auch im Kanton Bern in höher gelegenen Gemeinden am Jurasüdfuss. Farnern und Rumisberg, aber auch Attiswil zählen nur wenige Vergehen.

Gar keine Straftaten zählten 2013 die Gemeinden Wolfisberg, Meienried, Biezwil, Hüniken und Busswil bei Melchnau. Der Schnitt über den Kanton Solothurn gesehen liegt bei knapp unter 70 Vergehen pro Tausend Einwohner, viele Gemeinden findet sich im Bereich zwischen 45 und 65 Taten.

AZ

Aus der Erfahrung weiss die Polizei, dass Gemeinden, die direkt um Autobahnschlüsse liegen, tendenziell eine höhere Kriminalitätsrate aufweisen. «Täter sind aufgrund der Hauptverkehrsachse schnell wieder weg», nennt Urs Bartenschlager, Chef Kriminalabteilung der Kantonspolizei Solothurn, einen der Gründe dafür. Ob Kriegstetten, Wangen an der Aare oder Niederbipp: In allen Fällen ist die Quote etwas höher als in den umliegenden Gemeinden. Besonders deutlich ist die Lage in Oensingen.

Dort gab es aufgrund der Industrie und der Verkehrslage 2013 93 Einbrüche. Und diese treiben die Statistikzahlen in die Höhe, denn das Delikt «Einbruch» gibt es im Strafgesetzbuch gar nicht. Geschieht ein Einbruch, findet dies gleich dreifach Niederschlag in der Statistik: als Diebstahl, als Sachbeschädigung und als Hausfriedensbruch. «Ein Einbruch schenkt in der Statistik stärker ein als ein Ladendiebstahl», erklärt Urs Bartenschlager. Häusliche Gewalt ist ein weiteres dieser Delikte, das – etwa mit Drohung und Nötigung – gleich mehrere Einträge in der Statistik nach sich zieht.

Dunkelrot fallen in der Karte oben tendenziell die Städte auf: Ob gestohlene Velos am Bahnhof, Ladendiebstähle oder Raufereien und Sachbeschädigungen nach dem Ausgang: Sogenannte Zentrumsfunktionen treiben die Zahl der Straftaten in den Städten in die Höhe. Solothurn hat 193 Straftaten auf 1000 Einwohner, Olten 132, Biel 162 und Langenthal 102. Aus dem Rahmen fällt Grenchen, das mit knapp 80 Vergehen pro 1000 Einwohner zu den sichersten Städten gehört. Für Urs Bartenschlager von der Kantonspolizei Solothurn auch ein Zeichen dafür, dass die Zentrumsfunktionen geringer sind als in anderen Städten.

Solothurn liegt dagegen mit 193 Vergehen pro 1000 Einwohner besonders hoch. Ein Grund dafür ist der Sitz der kantonalen Verwaltung in der Hauptstadt. Der Bruch amtlicher Verfügungen ist eines der Delikte, das relativ oft in der Statistik auftaucht, das aber keinen Einwohner direkt betrifft. Wären Solothurner betroffen, würden diese sich in ihrer Stadt kaum mehr sicher fühlen.

Statistische Vorsicht ist bei kleinen Gemeinden geboten, denn je kleiner die Gemeinden sind, umso stärker wirkt sich auch nur eine kleine Verschiebung der Fallzahlen aus. Gerade bei kleinen Gemeinden sei die Statistik deshalb «stark durch Zufälligkeit geprägt» und «wenig aussagekräftig», sagt Melanie Schmid vom Mediendienst der Kantonspolizei Solothurn. Balm bei Günsberg ist eine dieser Gemeinden, die in der Statistik weit oben rangieren. Mit 108 Straftaten pro 1000 Einwohner könnte einen die Angst packen. «Ich würde mich in Balm sehr sicher fühlen», sagt Urs Bartenschlager von der Solothurner Kapo. Es gab in der Gemeinde 2013 gerade mal 21 Vergehen, darunter zwei Einbrüche, die gleich dreifach zählen, eine Tätlichkeit, je zwei Diebstähle und Sachbeschädigungen, dazu Drohungen und Beschimpfungen. Bei 194 Einwohnern fällt dies allerdings statistisch ins Gewicht. Kammersrohr, und Aetingen sind weitere dieser Gemeinden. Und einer dieser Ausnahmefälle dürfte Berken sein. Mit 238 Fällen pro 1000 Einwohner ist es unter den Spitzenreitern im ganzen Kanton Bern. Bei 42 Einwohnern sind zehn Straftaten allerdings nicht viele.

Was die Statistik sagt, ist das eine, das subjektive Sicherheitsempfinden der Bevölkerung das andere. In Bättwil im Schwarzbubenland gab es 2013 12 Einbrüche in kurzer Zeitspanne. «Das beeinträchtigt das Sicherheitsgefühl stärker als die gleiche Zahl in einer Stadt», sagt Urs Bartenschlager. Die Wahrnehmung ist viel sensibler, in Dörfern erfahren vielleicht auch mehr Nachbarn vom Vorfall als in einer grossen Gemeinde.

«Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast»: Das gilt sogar bei der vom Bundesamt für Statistik erfassten Kriminalstatistik. Denn es zählen, dem Föderalismus sei dank, offenbar nicht alle Kantone gleich. So werden nicht überall bei einem Einbruch automatisch drei Delikte erfasst. Hausfriedensbruch und Sachbeschädigungen bis 10 000 Franken gelten als Antragsdelikt – und werden im Kanton Bern etwa nur gezählt, wenn Anzeige eingereicht wird, was meist getan wird. Kantone, die konsequent drei Delikte zählen, liegen dann trotzdem etwas höher.