Herr Dr. Romanens, Sterbehilfe oder assistierter Suizid ist umstritten. Gehört Ihr Verein Ethik und Medizin zu den Befürwortern oder zu den Gegnern?

Michel Romanens: So wie es heute in der Schweiz praktiziert wird, gehören wir zu den Gegnern. Private Firmen bieten assistierten Suizid an und praktizieren ihn auch gleich selber. Dieser Ablauf ist nicht korrekt.

Der Wunsch nach einem selbst bestimmten Sterben ist wohl vielen verständlich. Niemand wünscht sich Leiden ohne Aussicht auf Besserung.

Wir sind nicht absolute Gegner des autonomen Wunsches nach Sterbehilfe. Die Frage ist, wie liberal das gehandhabt werden soll. Eine Person, die sich in einer Klinik aufhält, ist möglicherweise nicht so autonom, wie sie glaubt. Vielleicht käme sie nach zwei Wochen aus einer suizidalen Phase heraus. Solche Menschen muss man auch vor sich selbst schützen. Was ist das für eine Freiheit, sein Leben zu beenden?

Warum ist Sterbehilfe für Ihren Verein ein Thema?

Bei der Sterbehilfe kommen mehrere Themen zusammen, mit denen wir uns seit langem befassen: So die verdeckte Rationierung und medizinische Unterversorgung, aber auch eine utilitaristische Sichtweise, die das Leben als «Nutzwert» betrachtet. Da droht die Tür zur Euthanasie aufgestossen zu werden. Wir wollen vermehrt auf die Risiken der Sterbehilfe aufmerksam machen.

Haben Sie konkrete Anhaltspunkte für Ihre Befürchtungen?

Eine 2014 publizierte Studie des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern hat 1301 Fälle von assistiertem Suizid durch Schweizer Sterbehilfeorganisationen in den Jahren 2003 bis 2008 untersucht1. Dabei zeigte sich, dass in 16 Prozent dieser Fälle gar keine zugrunde liegende medizinische Diagnose dokumentiert ist.

Was schliessen Sie daraus?

Da werden Tür und Tor geöffnet für gesellschaftliches Mobbing. In einem diese Woche veröffentlichten Interview mit der Schweizer Wochenzeitung für Ärzte «Medical Tribune» (23. Oktober 2015) erwähnt Ständerat Roland Eberle im Zusammenhang mit Massnahmen gegen die Kostenexplosion im Gesundheitswesen die Sterbehilfe als «wichtiges Thema», die kein Tabu sein dürfe. Da muss man sich fragen: Stehen am Ende Krankenkassenmodelle mit günstigeren Prämien für Exit-Mitglieder?

Ist Ihrer Meinung nach die Sterbehilfe in der Schweiz ungenügend geregelt?

Auf rechtlicher Ebene gibt es klare Vorgaben für den assistierten Suizid: Es muss ein anhaltender Sterbewunsch vorliegen; es muss eine Zweitperson anwesend sein, die bezeugt, dass der Patient sich das tödliche Mittel selbst verabreicht hat; Sterbehilfe darf nicht aus finanziellen Gründen geleistet werden; der Todesfall wird mit einem Dossier dokumentiert, das von der Staatsanwaltschaft überprüft wird. Diese Regeln würden einen gewissen Schutz bieten.

Wo sehen Sie dann das Problem?

Das Problem ist die Überprüfung, ob der Sterbewunsch anhaltend und irreversibel ist. Wir bezweifeln, dass die Sterbehilfeorganisationen in jedem Fall die nötige Sorgfalt walten lassen. Wir sehen eine Tendenz, dass das immer leichtfertiger gemacht wird. Darauf deutet die oben erwähnte Studie hin, wenn 16 Prozent der Personen, denen Sterbehilfe geleistet wurde, gar nicht krank waren. Auch Depressionen erachten wir als keinen genügenden Grund für Sterbehilfe, denn für depressive Patienten gibt es Hilfe, sie können Depressionen überwinden.

Was schlagen Sie vor?

Grundlegend falsch ist, dass die Sterbehilfeorganisationen, die den Suizid durchführen, den Sterbewunsch auch selbst abklären. So übt die Gesellschaft keine genügende Kontrolle aus. Wir fordern, dass es eine unabhängige Überprüfung durch berufene Organe gibt. Dafür braucht es Instrumente und Abklärungsmethoden. Als Lösung sehen wir das Modell von Swisstransplant, einer gemeinnützigen Stiftung, die im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG) für die Organspenden zuständig ist. Bevor einem Menschen lebenswichtige Organe für eine Transplantation entnommen werden dürfen, müssen zwei voneinander unabhängige Chirurgen, von denen einer nichts mit der Transplantation zu tun hat, den Hirntod des Spenders feststellen.

Was empfehlen Sie Gesunden, die sich vorausdenkend mit einer Situation unheilbarer Krankheit befassen?

Für sie gibt es das Instrument der Patientenverfügung. Darin wird beispielsweise bestimmt, dass nicht aktiv gewisse lebensverlängernde Massnahmen ergriffen werden sollen. In einer Patientenverfügung kann aber nie ein assistierter Suizid verlangt werden.

Dennoch: Sterbehilfe scheint ein verbreiteter Wunsch zu sein, wenn man an die Mitgliederzahlen von Organisationen wie Exit oder Dignitas denkt.

Die Berichterstattung in den Medien verzerrt die Wirklichkeit. Die Zahl derjenigen, die dieses Thema für sich selbst überlegen, beträgt vielleicht 3 Millionen, die Zahl der Exit-Mitglieder aber nur 80 000. In den Medien verbreitete Beispiele wie etwa das von This Jenny sind völlig einseitig.

Was raten Sie Angehörigen eines Menschen, der den Wunsch nach einem assistierten Suizid äussert?

Die Angehörigen kennen diese Person am besten. Sie sollen sie nicht in die eine oder andere Richtung drängen. Ihre Aufgabe ist, zu unterstützen, dass der Suizid nicht passiert. Sie können Hilfe holen und sich für eine adäquate medizinische Versorgung einsetzen. Etwas anderes wäre unverständlich. Wenn Angehörige sagen, sie seien einverstanden mit dem Suizid, ist das suspekt. Da muss man fragen: Was ist ihr Motiv?

Und wenn jemand selber mit diesem Wunsch zu Ihnen kommt?

Dann geht es darum, eine individuelle, massgeschneiderte Lösung zu finden. Es gilt, nach den Gründen für diesen Wunsch zu forschen und Wege zu finden, dass dieser Mensch aus dem Loch herauskommt. Vielleicht hat er eine Vertrauensperson, einen guten Freund, der ihm dabei helfen kann. Es geht darum, ihm bewusst zu machen, was er an Selbstwertgefühl hat, und ihn dabei zu stärken, das nicht zu verlieren. Wenn man zurücktritt von dem Wahn, was man alles sein soll, kann man wieder Boden unter den Füssen gewinnen.

Dr. med. Michel Romanens, Facharzt FMH für Kardiologie und Innere Medizin in Olten, Präsident des Vereins Ethik und Medizin Schweiz (VEMS).

Symposium am Kantonsspital Olten

Der Verein Ethik und Medizin Schweiz (VEMS) organisiert am Donnerstag, 29. Oktober, von 16 bis 19 Uhr im Auditorium des Kantonsspitals Olten ein Symposium zum Thema «Ärztliche Sterbehilfe oder assistierter Suizid?»

Unter der Moderation des Ethik-Professors Christoph Rehmann-Sutter (Universität zu Lübeck) diskutieren am Podium Dr. med. Daniel Büche, Leiter des Palliativzentrums am Kantonsspital St. Gallen, Rechtsanwältin Saskia Frei, Präsidentin Exit Deutsche Schweiz, Prof. Dr. Urs Brügger, Gesundheitsökonom der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW, und Dr. med. Michel Romanens (Olten), Präsident VEMS.

Das Symposium richtet sich sowohl an Fachleute wie auch an medizinische Laien, Interessierte sind willkommen.