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Wenn Täter Hilfe suchen: Neue Beratungsstelle für Gewalt

Bei einer Beratungsstelle können Täter Hilfe holen. (Symbolbild)

Bei einer Beratungsstelle können Täter Hilfe holen. (Symbolbild)

Seit zwei Monaten können sich Gewalttäter kostenlos bei einer kantonalen Beratungsstelle Unterstützung holen.

Wenn man sich im Streit nicht mehr im Griff hat und die Wut immer stärker überhandnimmt. Wenn man fürchtet, seine Mitmenschen beim nächsten Ausbruch zu verletzen oder wenn man schon einmal Gewalt angewendet hat. Wer sich in einer solchen Situation befindet, kann sich seit bald zwei Monaten helfen lassen, unkompliziert und kostenlos. Die kantonale Beratungsstelle Gewalt steht allen offen, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Religion.
Bisher haben sich zehn Personen bei der Fachstelle gemeldet, die Beraterinnen und Berater haben insgesamt 14 Sitzungen durchgeführt. Martin Schmid, Leiter der Bewährungshilfe, führt auch die Beratungsstelle. «Vom ganz grossen Andrang sind wir nicht ausgegangen», sagt er. Die Resonanz der ersten Wochen habe jedoch gezeigt, dass das Angebot ein wichtiges Bedürfnis deckt.

Die zehn Personen, die bei der Fachstelle vorsprachen, sind zwischen 13 und 70 Jahre alt, neun davon sind Männer, aber auch eine Frau hat sich gemeldet. Manche fürchten, es könne zu Hause etwas passieren, es gibt aber auch andere Gründe. In einem Fall ging es gemäss Schmid um einen Nachbarschaftsstreit. Einige der Personen wurden über andere Stellen oder Institutionen, wie beispielsweise ein Wohnheim, zur Gewaltberatung vermittelt.

In der Wut wird das Gegenüber versachlicht

In einer Beratungssitzung geht es gemäss Schmid vor allem darum, sich selbst und sein Verhalten besser kennen zu lernen und zu reflektieren. Zu merken, wenn man wütend wird und sich in eine Situation hineinsteigert. «Für einen Streit braucht es immer mindestens Zwei, wer Gewalt ausübt, ist jedoch zu 100 Prozent selbst dafür verantwortlich», so der Leiter. Die Berater wollen aufzeigen, wie Gewalt entsteht und wie man damit umgehen kann. «In der Wut wird das Gegenüber oft versachlicht, man nimmt die Person gar nicht mehr wahr», erklärt Schmid. So komme es auch viel schneller zu Gewalt.

Zum Prozess gehört gemäss Schmid auch, seine eigene Hilflosigkeit zu akzeptieren. Denn Gewalt entstehe meist aus Ohnmacht, wenn man eine Situation nicht anders auflösen kann. Bis sich jemand aber so gut kenne, brauche es jedoch viel Übung und Zeit. «Besonders Männer sehen solche Gefühle der Hilflosigkeit als Schwäche.»

Martin Schmid; Leiter Beratungsstelle Gewalt

Martin Schmid; Leiter Beratungsstelle Gewalt

«Gewaltfreie Gesellschaft ist eine Illusion»

Die Beratungen finden entweder in Solothurn oder in Olten statt, alle Beraterinnen und Berater sind Fachpersonen der Bewährungshilfe. Für einen ersten Termin muss die Beratungsstelle telefonisch oder per E-Mail kontaktiert werden. Die Sitzungen beruhen auf Freiwilligkeit, für eine nachhaltige Gewaltberatung empfiehlt man jedoch ungefähr 25 Gespräche.

Grenzen hat die Beratung, wenn die Gewalt als Folge einer psychischen Störung oder von Suchtproblemen auftritt. Dann können die Berater dem Betroffenen nur empfehlen, diese Probleme anzugehen. Wenn jemand droht oder akut gefährlich ist, können die Berater eine Gefährdungsmeldung aussprechen. Dies sei jedoch bis jetzt noch nicht vorgekommen.
Für Schmid ist klar: Wer Gewalt ausübt, kann sich ändern. «Wenn jemand in der Beratung lernt, Schwierigkeiten auch ohne Gewalt anzugehen, ist das ein grosser Erfolg.» Die Beratung soll mithelfen, die Problematik der häuslichen Gewalt im Kanton zu verringern. Eine zahlenmässige Prognose will Schmid jedoch nicht machen, eine gewaltfreie Gesellschaft sei ohnehin eine Illusion.

Vom Angebot der Beratungsstelle ist Schmid nach wie vor überzeugt. «Es ist niederschwellig und unkompliziert. Und dass sich für die Betroffenen die finanzielle Frage nicht stellt, ist extrem erleichternd.» Die Kosten könne man wieder einsparen, indem man teure Verfahren und Strafvollzugsmassnahmen vermeidet.

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