Coronakrise

Wenn plötzlich nichts mehr läuft: Einblick in sechs Betriebe zwei Wochen nach dem Lockdown

Hautnah sind sie normalerweise an ihrer Kundschaft. Weil sie deren Haut verzieren, die Zähne richten oder die Fransen schneiden. Seit der Bundesrat vor zwei Wochen den Lockdown beschloss, mussten die meisten Solothurner ihre Geschäfte dichtmachen. Wie sie damit umgehen, worauf sie hoffen und was sie bewegt.

Stefan Wyler, Tätowierer, Solothurn

«Ich bin enorm dankbar für unseren Sozialstaat»

«Ich bin enorm dankbar für unseren Sozialstaat»

Wie sehen Ihre Tage derzeit aus?

Ich bin jetzt in erster Linie Pädagoge und Koch (lacht). Im Ernst: Meine Tochter ist neunjährig und jetzt ist Homeschooling angesagt. Wir haben alle Lektionen zugestellt bekommen und sind in Kontakt mit ihrer Lehrerin. Das klappt bisher alles bestens und meine Tochter macht auch super-cool mit.

Was hat sich der Familien- Alltag verändert?

Wir bleiben am Morgen ein bisschen länger liegen, stehen nicht mehr um 7 Uhr auf, sondern eher um 8. Aber die Struktur ist und bleibt wichtig.

Und beruflich?

Ich bin eigentlich jeden Morgen noch im Laden. Auch wenn wir natürlich seit Montag vor einer Woche keine Kunden mehr empfangen. Wir haben nach der Ankündigung des Bundesrats umgehend dichtgemacht.

Dann können Sie jetzt die Beine hochhalten?

Arbeit gibt es natürlich immer noch. Zuerst Termine verschieben, Mails beantworten, Abklärungen treffen, ich zeichne auch regelmässig. Und das Schöne ist: Es kommen immer noch Anfragen per Mail. Aber ich rechne nicht damit, dass ich diese Leute schon bald sehe.

Warum?

Weil ich davon ausgehe, dass die Massnahmen über den 19. April hinaus Bestand haben. Meine Frau Alexandra hat zum Glück das Formular für Erwerbsersatz ausgefüllt und auch schon Antwort bekommen von einer Sachbearbeiterin der Behörden. Die arbeiten wirklich auf Hochtouren, das ist enorm beruhigend und hilft in dieser schwierigen Situation. Ich bin enorm dankbar für unseren Sozialstaat.

Was kriegen Sie an Unterstützung als Selbstständiger?

Mein Buchhalter meinte, dass ich den Maximalbetrag von 196 Franken bekommen sollte. Aber meine Fixkosten sind natürlich hoch. Ich zahle zweimal Miete, zweimal Strom, da bleibt nicht viel übrig. Deshalb habe ich mich bei meiner Bank auch schon erkundigt und Formulare eingereicht, um allenfalls einen Kredit aufzunehmen.

Fatima Arm, Kosmetikerin, Solothurn

«Jetzt arbeite ich an einem Onlineshop fürs Geschäft»

«Jetzt arbeite ich an einem Onlineshop fürs Geschäft»

Wie haben Sie vom Lockdown erfahren?

Ich war im Geschäft und schaute die Pressekonferenz des Bundesrates auf dem Natel. Der Lockdown kam nicht gerade überraschend. Schon nach der ersten Verschärfung der Massnahmen war die Stimmung angespannt. Wir hatten danach gleich zwei, drei Absagen. Sonst hätte ich die Pressekonferenz gar nicht schauen können.

Was passierte dann?

Meine Angestellte und die Lernende kamen danach sofort ins Geschäft, obwohl sie eigentlich frei gehabt hätten. Wir begannen umgehend, die vereinbarten Termine zu schieben. Zwei Stunden sassen wir dran und verschoben all die Termine dieser ersten Lockdown-Woche.

Auf wann verschoben Sie die Termine?

Auf die Zeit nach dem 19. April. Es ist natürlich gut möglich, dass wir sie dann noch einmal schieben müssen, wenn die Massnahmen länger andauern.

Und wie zahlen Sie nun Löhne und Rechnungen?

Noch am Montagabend letzter Woche habe ich Kurzarbeit für meine Angestellte beantragt. Nach der Ausweitung des Massnahmenpakets des Bundesrates konnte ich nun auch für die Lernende und mich Kurzarbeit anmelden. Das alles ist schon crazy, einfach surreal.

War es kompliziert oder brauchten Sie Hilfe?

Ich bin extrem dankbar, dass mich meine Buchhalterin in dieser Zeit stark unterstützt und mir immer die neusten Formulare zukommen lässt. Und eines muss ich sagen: Die Behörden sind in dieser schwierigen Zeit mega kulant und nett. Wir müssen jetzt auch Verständnis haben, wenn man mal ein bisschen länger in einer Warteschleife ist. Die werden ja auch überrannt.

Was tun Sie, wenn Sie keine Formulare ausfüllen?

Ach, machen Sie sich keine Sorgen. Meine To-do-Liste wächst fast täglich (lacht). Derzeit bin ich gerade dabei endlich einen Onlineshop fürs Geschäft aufzubauen. Und Frühlingsputz ist auch angesagt. Es wird nicht langweilig. 

Gilles Ducaud, Zahnarzt, Solothurn

«Notfälle werden natürlich immer noch behandelt»

«Notfälle werden natürlich immer noch behandelt» 

Wie sieht Ihr Praxisalltag derzeit aus?

Das Highlight ist, wenn der Pöstler kommt (lacht). Im Ernst, nachdem der Bundesrat am Montag vor einer Woche den Lockdown beschlossen hat, haben wir am Tag darauf alle Termine abgesagt. Nur die dringendsten Termine wurden noch durchgeführt. Der Betrieb ist mehr oder weniger eingestellt.

Sind Sie überhaupt noch in der Praxis?

Wir haben schnell gemerkt, dass kaum jemand vorbeikommt und nur selten jemand anruft. Deshalb haben wir das Telefon nach Hause umgeleitet und beantworten unterdessen das meiste aus dem Home-Office. Aber – und das ist wichtig – die Solothurner Zahnärzte sind natürlich immer noch für ihre Patientinnen und Patienten da.

Wie funktioniert das?

Wir beraten und entscheiden am Telefon, ob ein Fall dringend ist oder nicht. Notfälle werden natürlich immer noch behandelt. Ausserhalb der Praxisöffnungszeiten steht auch nach wie vor der Notfalldienst der Zahnärztegesellschaft des Kantons Solothurn zur Verfügung.

Aber Sie haben in diesem Fall Kurzarbeit angemeldet?

Ja, das habe ich – wie wohl fast alle Zahnärzte im Kanton. In einer Praxis sind in der Regel zwischen 3 und 15 Personen davon betroffen. Die Situation ist eigenartig, ja, beunruhigend. Aber die Entscheidung des Bundesrats macht Sinn. Ich versuche die Dinge nun möglichst gelassen zu nehmen, schliesslich kann ich an der Situation nichts ändern. Aber ich bin natürlich in engem Kontakt mit meiner Bank und mit meinem Treuhänder.

Was passiert eigentlich, wenn ein Coronapatient oder eine Person in Quarantäne einen zahnmedizinischen Notfall hat?

Wenn es irgendwie geht, versucht man den Termin bis zur Genesung herauszuschieben. Ist das nicht möglich, kann man sich am Inselspital in Bern behandeln lassen. Wichtig ist, dass man in jedem Fall zuerst seinen Familienzahnarzt kontaktiert. Dann wird einem geholfen.

J. Shekany, Coiffeur, Olten

«Es steht jetzt schon fest, dass wir 2020 keinen Gewinn machen»

«Es steht jetzt schon fest, dass wir 2020 keinen Gewinn machen»

Wie steht es momentan um Ihren Coiffure-Salon?

Vieles ist ungewiss. Das ist ein ziemlicher «Seich», aber wahrscheinlich ist es für die Allgemeinheit besser so. Für uns ist es aber heikel: Wir können nicht arbeiten, müssen aber weiterhin Löhne, Miete und Rechnungen zahlen.

Kriegen Sie keine Unterstützung vom Bund?

Mein Buchhalter hat soeben einen Antrag für Kurzarbeit eingereicht. Das wird allerdings noch etwas dauern – ich habe auf jeden Fall bis jetzt noch nichts gehört. Der Vermieter hat aber gesagt, dass er uns bezüglich der Miete eventuell entgegenkommen wird.

Das sollte Sie ein wenig entlasten.

Hoffen wir es. Wenn der Bund unseren Antrag gutheisst, wird es uns auf jeden Fall helfen, die Löhne der Mitarbeitenden zu begleichen. Aber es steht bereits fest, dass wir dieses Jahr keinen Gewinn machen werden.

Was machen Sie in der Zwischenzeit?

Wir bleiben zu Hause, was ich auch richtig finde. Es macht absolut Sinn, dass alle Läden zu sind. Der Bund bestimmt das nicht einfach so: Schliesslich kämpfen wir gegen etwas Unsichtbares. Ich habe nicht das Gefühl, dass wir bereits am 20. April wieder die Arbeit aufnehmen können. Wir können derzeit bloss hoffen, dass der Spuk irgendwann vorbei sein wird. 

Anh Ngoac, Naildesignerin, Olten

«Es kommt noch schlimmer»

«Es kommt noch schlimmer»

Wie gehen Sie mit der behördlich erzwungenen Schliessung Ihres Ladens um?

Ich muss zu Hause bleiben und folge ganz einfach den Vorschriften des Bundes, bis wir wieder öffnen dürfen. Es ist schwierig, aber es geht mir gut.

Wie steht es nun finanziell um Ihr Unternehmen?

Ich habe kein Einkommen, das ist ein grosses Problem. Wir sind selbstständig und müssen unsere Mitarbeiter bezahlen und natürlich auch die Miete …

Haben Sie Unterstützungsbeiträge von Bund und Kantone erhalten?

Ich warte ab, ob ich etwas von der Gemeinde erhalte.

Bedauern Sie, nicht arbeiten zu dürfen?

Wenn wir arbeiten würden, gäbe es andere Probleme: Wir würden vielleicht gesund bleiben, aber andere nicht. Vorerst bleiben wir jetzt mal zu Hause. Ich hoffe, in zwei, drei Wochen wird es besser, aber ich glaube, es kommt noch schlimmer. Ich freue mich aber, wenn ich wieder arbeiten darf! Aber letztlich gibt es nichts Wichtigeres als die Gesundheit.

Jantra Boonmak, Masseurin, Olten

Wo ist sie bloss geblieben?

Wo ist sie bloss geblieben?

Die Welt ist eine andere geworden in den letzten zwei Wochen. Als wir damals bei unserem Streifzug durch Olten bei Jantra Boonmak anklopften, empfing sie uns mit einem breiten Lächeln und in gebrochenem Deutsch in ihrem Massagesalon. Nun haben wir erneut versucht, mit der freundlichen Thailänderin in Kontakt zu treten, aber sie blieb unerreichbar. Wir können nur hoffen, dass es ihr gut geht und dass sie angesichts der aktuellen Krise wohlauf ist.

Menschen wie sie oder auch Anh Ngoac drohen in der aktuellen Situation durch die Maschen zu fallen. Wegen Sprachschwierigkeiten. Boonmak erzählte uns schon beim ersten Treffen, dass sie Schwierigkeiten hätte, genügend Kunden anzulocken und sich finanziell über Wasser zu halten. Ihre Situation dürfte sich umso mehr verschärft haben.

Meistgesehen

Artboard 1