Am Ende bleiben die Steine. Ohne sie wüsste Pierre Harb viel weniger über unsere Vergangenheit zu berichten. «Der Stein bekommt seine Bedeutung, weil er unvergänglich ist», erklärt der Solothurner Kantonsarchäologe. «Je weiter wir zurückgehen, umso weniger wissen wir. Und umso wichtiger werden die Steine.» Wenn es keine oder nur wenige schriftliche Quellen gibt, dann schlägt die Stunde der steinernen Zeitzeugen.

Steine und Archäologen: Wer das hört, denkt zuerst an die Römer; ein Klischee, das Harb kennt. «Ist etwas so alt, dass man nicht mehr weiss, wie alt es wirklich ist, gilt es schnell als römisch», lacht er und erzählt von der «Römerstrasse» bei Balsthal, die automatisch den Römern zugerechnet wurde, obwohl sie viel jünger ist – auch wenn schon zu Zeiten der Römer ein Weg über den Oberen Hauenstein führte.

Tatsächlich sind zwar die Römer und das Mittelalter im Alltag der Solothurner Kantonsarchäologie stark präsent. Was aber kaum bekannt ist: Gerade in Sachen Steinzeit hat der Kanton viel zu bieten.

Da wären etwa die Pfahlbauer am Burgäschisee. Oder aus der Jungsteinzeit das Bergwerk Chalchofen in Wangen b. Olten. Feuerstein, in der Fachsprache Silex genannt, wurde dort in Knollen aus dem Berg geholt. Schächte wurden dafür in den Felsen gehauen, drei bis vier Meter tief in den Kalkstein hinein, aber nur 40 bis 60 Zentimeter breit.

Mit dem Stein wurde über Hunderte Kilometer gehandelt. «Man findet den Oltner Silex in der ganzen Schweiz», erklärt Harb und blickt noch viel weiter zurück: Der Stein hatte sich aus Kieselalgen und Skeletten auf Siliciumbasis gebildet. Die Skelette von Kleintieren verfestigten sich und wurden zu Stein gepresst.

«Stein war der Stahl der Steinzeit»

«Damals war Stein der Rohstoff», erklärt Harb weiter aus der Steinzeit. Dieser wurde zu Werkzeugen, zu Klingen und Spitzen verarbeitet. «Stein war der Stahl der Steinzeit», so der Archäologe. «Holz war zwar mindestens so wichtig. Aber Stein hält ewig. Eine Holzzeit gibt es nicht, weil das Holz vergeht.»

Steinharte Fakten gibt es bei Archäologen nicht immer. Manchmal ist fast nichts da, oder nur ein Pfostenloch. Dann braucht es Phantasie und viel Hintergrundwissen, um zu erahnen, was dort gewesen sein könnte. Ist ein Pfostenloch da, sagt dies wenig aus. Sind es mehrere in einer Reihe, kann man vielleicht ein Haus rekonstruieren.

«Man muss sich etwas vorstellen können. Man hat als Archäologe immer nur Teile», erklärt Harb und gibt zu: Nicht immer ist dies einfach. «Man kann sich im Spekulativen verlieren.» Das Ziel des Archäologen: «Mit Wissenschaft und Phantasie das Wahrscheinliche herausholen.» Erfahrungen, Austausch und Experimente helfen dem Archäologen, ein Bild zusammenzusetzen. Dann gibt es auch die experimentellen Archäologen. Sie bauen Steinwerkzeuge selbst nach und probieren sie auch aus.

Etwas einfacher ist es bei Brunnentrögen oder Grabsteinen, die quasi von selbst sprechen, weil eine Inschrift drauf steht. So haben auch die in der Region Solothurn gefundenen Meilensteine zu den Archäologen gesprochen: Die Distanz zu Avenches ist in «Leugen» angegeben. Das Längenmass aus gallisch-keltischer Zeit blieb trotz der Römer hier erhalten und zeigt, wie in der Region sowohl römische als auch gallische Kultur wirkte.

Jeder Tag ist anders

Planbar ist der Alltag eines Archäologen nie ganz. Wo als nächstes nach Überresten gegraben wird, das entscheiden nicht in erster Linie die Experten selbst. Wo alte Steine ans Tageslicht geholt werden, entscheidet sich oft erst, wenn neue Steine aufgetürmt werden: Denn meist sind es Baugesuche, die den Anstoss für (Not)-Grabungen liefern.

Jede Woche sichten die Mitarbeitenden der Kantonsarchäologie die publizierten Baugesuche und gleichen sie mit den über 2000 Stellen ab, an denen die Archäologen einen römischen oder mittelalterlichen Fund vermuten – oder mit Sicherheit davon Kenntnis haben. Je nach Fund wird dann eine Ausgrabung gemacht, meist geschieht die Arbeit nur baubegleitend. «Wir schauen vieles an, oft ist nichts da», sagt Harb. «Wenn jedoch etwas kommt, dann dokumentieren wir das und bergen die Funde.»

Manchmal aber gibt es auch die Funde, die Bekanntheit erlangen. Die Venus von Bellach ist einer davon oder ein auf ein Knochenplättli gravierter Steinbock, das älteste Kunstwerk im Kanton. Und erst vor wenigen Jahren wurden der Kantonsarchäologie bei Bauarbeiten Knochenfunde gemeldet. So wurde die Richtstätte in Feldbrunnen gefunden.

Dieses Jahr wurde beim Scheltenpass gegraben, wo früher eine Glashütte stand. Dank der Archäologie weiss man nun besser, was fabriziert wurde. «Man wusste, dass es sie gab. Aber man hatte keine Musterbücher», so Harb, der es für einmal weniger mit Steinen denn mit Glas zu tun hatte.