Sehbehinderung
Wenn man nur noch schwarz sieht vor den Augen

Passanten konnten anlässlich des «Tag des weissen Stocks» am Bahnhofsplatz in Solothurn erleben, welche Hindernisse Blinde im Alltag vorfinden.

Simon Wyss
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«Blind» nur auf Probe: Patrick Flury (13) beim Selbstversuch.

«Blind» nur auf Probe: Patrick Flury (13) beim Selbstversuch.

Simon Wyss

Patrick Flury geht langsam voran mit kleineren Schritten. Nichts zu sehen, ist sich der 13-Jährige nicht gewohnt. Das schwarze Nichts vor seinen Augen stellt eine Herausforderung dar. Seine Füsse versuchen, die Markierungen auf dem Boden des Bahnhofplatzes in Solothurn zu lokalisieren. Geradeaus führt der Weg, den ihm die Markierung zeigt. Zusätzlich ertastet er die Streifen am Boden mit dem weissen Stock. Stopp, da befindet sich etwas! Der Blindenstock hat den Fuss einer Person erfasst, die sich ihm in den Weg gestellt hat. Der Jugendliche, der nichts sieht, verlässt den Kurs der Linien, um dem Hindernis auszuweichen. Seine Orientierungshilfen, die Linien am Boden, müssen danach wieder gefunden werden. Ein paar Meter weiter vorne ertastet der weisse Stock wieder einen herumliegenden Gegenstand. Ein Koffer steht im Weg. Danach ist der Parcours zu Ende. Versuchsperson Patrick Flury nimmt die Blindenbinde wieder ab. Offensichtlich ist der junge Mann froh darüber, dass er seinen funktionierenden Sehsinn wieder nutzen kann.

Der Werdegang des weissen Stockes

Die Idee, blinde Menschen mit einem weissen Stock als Schutz und Erkennungszeichen auszurüsten, entstand 1930 in Paris. 1931 wurde sie in die Tat umgesetzt. Im Rahmen einer kleinen Feier mit mehreren Ministern und Vertretern von Blindenorganisationen übergab die Erfinderin Guilly d’Herbement die ersten weissen Stöcke. Acht Jahre später übergab d’Herbement in Lausanne die ersten 100 Exemplare an Blinde und Sehbehinderte im Kanton Waadt. Gleichzeitig sorgte sie für die öffentliche und amtliche Anerkennung. In der Folge wurde der weisse Stock in die schweizerische Strassenverkehrsordnung aufgenommen. 1969 riefen die vereinigten Nationen den Internationalen Tag des Weissen Stockes ins Leben. Die Arbeitsgruppe Tag des weissen Stockes wurde in der Schweiz 1981 gegründet. (SWH)

Parcours mit Hindernissen

Der 15. Oktober ist bei blinden und sehbehinderten Menschen traditionsgemäss als «Tag des weissen Stocks» bekannt. Jedes Jahr führen Blindenverbände weltweit Aktionen durch, um auf die schwierige Situation der betroffenen Menschen aufmerksam zu machen. Die Regionalgruppe Nordwestschweiz des schweizerischen Blindenbundes liess Passanten beim Hauptbahnhof in Solothurn einen Parcours mit verbundenen Augen laufen.

Die Fussgänger liessen sich auf den Versuch ein. «Das ist nicht einfach», gesteht ein Absolvent des Parcours. «Das ist ein komisches Gefühl», bestätigt ein weiterer. «Man muss sich auf den Stock verlassen. Alles ist schwarz», erzählt Catherine Eng, Schülerin. Sie habe bei dieser Aktion etwas gelernt, sagt sie. «Ich werde künftig Blinden oder Sehbehinderten öfter Hilfe anbieten und es auch mehr schätzen, dass ich einen ausgeprägten Sehsinn besitze.»

Schuhe spielen eine Rolle

Von aussen betrachtet, sieht es nicht schwierig aus. Wer die Augenbinde anzieht, bemerkt aber schnell, wie gross die Herausforderung wirklich ist. Selbst wenn man die Markierungen am Boden spürt, fällt es einem nicht leicht sich zu orientieren. Die weissen Streifen sind nicht so gut spürbar. Das Profil der Schuhe kann dabei eine entscheidende Rolle spielen. Sie achte beim Einkauf von Schuhen auf deren Flexibilität, erklärt Ruth Zschokke, Mitglied der Regionalgruppe Nordwestschweiz. «Dann kann ich die Streifen besser erkennen.»

Einschränkungen im Alltag

Im Alltag begegnen blinde und sehbehinderte Menschen einer Menge Hürden und Einschränkungen. Manchmal haben sie Mühe, sich zurechtzufinden. Bereits eine normale Treppe kann eine Gefahr darstellen. «Wenn ich eine Treppe hinaufsteige, zähle ich die Stufen, damit ich später weiss, wie viele Tritte ich hinuntersteigen muss.» Als klassische Hindernisse bezeichnen die Betroffenen auch Fahrräder, die einfach so rumstehen oder Restauranttische auf einem Gehsteig. Weiter geht es beim Einkaufen. Wenn die betroffenen Früchte kaufen wollen, wissen sie oft nicht, welche Nummer sie bei der Waage drücken müssen. «Es gibt noch viel Verbesserungspotenzial», erklärt Sabine Reist, Organisatorin der Aktion in Solothurn. Baustellen auf der Strasse seien oft schlecht markiert. Erst richtig gefährlich kann es bei einem Fussgängerstreifen werden. «Wenn laute Geräusche vorhanden sind, kann ich beispielsweise nicht hören, ob ein Auto kommt, beziehungsweise, ob es hält», erklärt Mitglied Rolf Wintsch.