Sucht

Wenn Mama mit der Bierflasche aufsteht: Aktionswoche will Kinder unterstützen

Wenn Eltern trinken leiden die Kinder. (Symbolbild)

Wenn Eltern trinken leiden die Kinder. (Symbolbild)

Kinder leiden häufig im Stillen, wenn ihre Eltern suchtkrank sind. Eine Aktionswoche will auf ihre Leiden aufmerksam machen.

Statt der Packung Cornflakes stehen am Morgen drei leere Weinflaschen auf dem Tisch, statt des gemeinsamen Sonntagsausflugs bleiben die Eltern bis in die frühen Nachmittagsstunden verkatert im Bett liegen.

Der Alltag von Kindern suchtkranker Eltern unterscheidet sich in vielen Punkten vom Alltag ihrer Altersgenossen, deren Eltern nicht suchtkrank sind. Sie müssen früh Verantwortung für ihre Geschwister oder gar die Eltern übernehmen. Und häufig stehen sie unter grossem Druck, weil sie mit niemandem über die Sucht von Mama oder Papa reden können. Kurz: Die Sucht eines Elternteils trifft die ganze Familie – und besonders hart die Jüngsten.

Diesem Problem widmet sich diese Woche die Kampagne «Kinder von suchtkranken Eltern» von Sucht Schweiz. Im Kanton Solothurn haben die Fachstellen Perspektive Region Solothurn-Grenchen und die Suchthilfe Ost GmbH in Olten Informationskampagnen geplant, um auf die Probleme von Kindern suchtkranker Eltern aufmerksam zu machen.

Bei der Beratungsstelle Perspektive Region Solothurn-Grenchen ist Ueli Imhof einer der Verantwortlichen im Bereich der Suchtprävention. Er hat dabei geholfen, die nationale Kampagne von Sucht Schweiz im Kanton Solothurn umzusetzen. Sein Ziel: Die Menschen im Kanton für die Probleme von Kindern suchtkranker Eltern zu sensibilisieren.

«Nur ein Drittel dieser Kinder schafft es, ihr Leben ohne Spätfolgen zu meistern», erzählt er. «Ein Drittel hat im Erwachsenenalter selber mit Suchtproblemen zu kämpfen, und ein weiterer Drittel landet in einer Beziehung mit einem suchtkranken Partner oder einer Partnerin».

Das Problem erkennen und darüber reden

Die Beratungsstellen wollen deshalb im Rahmen der Aktionstage aufzeigen, wie die Gesellschaft diese Kinder unterstützen kann. Wie viele Kinder im Kanton Solothurn mit suchtkranken Eltern aufwachsen, ist nicht genau erfasst. Zu gross ist die Scham der Betroffenen, darüber zu reden oder Hilfe zu suchen.

Möglich ist aber eine Schätzung: Sucht Schweiz geht davon aus, dass schweizweit rund 100'000 Kinder mit süchtigen Eltern aufwachsen. Für den Kanton Solothurn bedeutet das, dass rund 3200 Kinder in einer Familie leben, in der die Sucht nach Drogen, Alkohol oder Medikamenten den Alltag dominiert.

Mit einem Büchertisch in den Lüthy-Filialen in Solothurn und Grenchen und einer Plakatkampagne im Raum Olten und den Bezirken Dorneck und Thierstein wollen die Beratungsstellen im öffentlichen Raum Bewusstsein für Kinder mit suchtkranken Eltern schaffen, im Bezirk Wasseramt verteilen die Beratungsstellen Visitenkarten in den Briefkästen. Die Kinder suchtkranker Eltern sollen so ins Bewusstsein der Gesellschaft rücken.

Den Kindern zu Selbstbewusstsein verhelfen

Mit Aufmerksamkeit sei den Kindern am ehesten geholfen, sagt Ueli Imhof. Lehrer und Sozialarbeiter, aber auch Verwandte und Freunde sollen erkennen, wenn ein Elternteil ein Suchtproblem hat. Und dann entsprechend handeln. In schweren Fällen bedeutet das, die Behörden zu informieren. Aber: «Dass Kinder aus einer Familie genommen werden, kommt nur selten vor und ist nicht immer hilfreich», sagt Ueli Imhof. Viel wichtiger sei es, Kinder mit einem suchtkranken Elternteil gezielt zu fördern und zu unterstützen. Den Kindern ist laut Imhof bereits geholfen, wenn sie ohne Scham über ihre Probleme reden können und auch mal Zeit zum Abschalten haben. Auch diese Botschaft ist ein Schwerpunkt in der Kampagne der Aktionswoche.

«Positive Erlebnisse ausserhalb der Familie sind für diese Kinder besonders wichtig. Etwa in der Pfadi oder im Fussballclub», sagt Imhof. «Die Kinder können Kraft tanken und gewinnen an Selbstbewusstsein. Das hilft ihnen, mit den Problemen daheim umzugehen.» So wird laut Imhof die Resilienz der Kinder gestärkt und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie später nicht selber in den Kreislauf einer Sucht geraten. Wenn das Gotti also mit dem Kind regelmässig Ausflüge unternimmt, dann hilft das dem Kind mehr, als wenn das Umfeld die Eltern in eine Suchtberatung schleppt. Denn ob die Eltern die Sucht überwinden können, liegt nicht in der Hand des Kindes.


Hinweis
Informationen finden Betroffene unter mamatrinkt.ch oder www.safezone.ch

Verwandte Themen:

Autor

Rebekka Balzarini

Meistgesehen

Artboard 1