Stein-Serie

«Wenn Kultur zum Zwang wird, sollte man sie infrage stellen»

Der Bildhauer Beat Meierhans in seinem Atelier in Dulliken mit seinem Lieblinsmotiv, dem Engel.

Der Bildhauer Beat Meierhans in seinem Atelier in Dulliken mit seinem Lieblinsmotiv, dem Engel.

Der Oltner Beat Meierhans ist seit Kindestagen von Steinen fasziniert. Wie der Steinbildhauer damit umgeht, dass es immer weniger Grabsteine braucht.

Es ist noch gar nicht lange her, da wurden Verstorbene selbstverständlich auf dem Friedhof begraben und als Andenken wurde beim Grab ein Stein dazu gesetzt. Deren Herstellung war über lange Zeit hinweg ein einträgliches Geschäft, mittlerweile ist es sehr stark geschrumpft. Grosse Betriebe mussten aufgeben. Auch Beat Meierhans (59) spürt den Rückgang, will aber nicht klagen, wie er bei einem Besuch in seinem Bildhaueratelier in Dulliken berichtet. Ferner erzählt er, wie er mit dem heiklen Thema Tod umgeht und warum er sich ein Leben ohne Stein nicht vorstellen kann.

Beat Meierhans, Sie hatten als 15-Jähriger bereits gewusst, dass Sie Bildhauer werden wollen. Wie kommt das?

Beat Meierhans: Als Kind war ich fasziniert vom Stein, allein schon den Duft nach Stein hatte ich gerne. Zusammen mit anderen Kindern habe ich aus Sandstein Höhlen ausgebuddelt. Bei einer Bildhauerwerkstatt sah ich einen Elefanten, aus Stein herausgehauen. Davon kam ich nicht mehr los und ich sagte mir: «Das will ich auch können.»

Sie traten dann aber eine Lehre als Grabsteinbildhauer an.

Ja, den Beruf Steinbildhauer als solches konnte man nicht lernen. Die Lehre als Grabsteinbildhauer habe ich allerdings nach zweieinhalb Jahren abgebrochen, weil ich gar nicht dazu kam, ein Bild aus einem Stein herauszuhauen. Dann lernte ich halt Steinmetz.

Wo ist der Unterschied zwischen Steinmetz und Steinbildhauer?

Der Steinmetz ist vorab bei Renovationen im Einsatz, er bearbeitet den Stein nach Originalvorbildern oder Zeichnungen. So wie es bei einer Bauhütte etwa bei einem Münster der Fall ist. Wobei da heute zum Teil auch anders vorgegangen wird, man ersetzt nicht unbedingt mehr ganze Teile, sondern modelliert auf mit Mörtel. Der Steinbildhauer gestaltet, entwirft selber Sujets und setzt sie um, er bewegt sich mehr im künstlerischen Bereich, betätigt sich je nach dem auch ganz als freischaffender Künstler.

Bezeichnen Sie sich als Künstler?

Wenn ich ganz nach meinen eigenen Ideen Objekte gestalte, dann trifft es am ehesten zu. Aber in erster Linie verdiene ich mein Brot mit dem Herstellen von Grabsteinen, da fühle ich mich als Gestalter.

Wer bestimmt, wie der Grabstein aussehen soll?

In der Regel die Kundschaft, meist sind konkrete Vorstellungen vorhanden und ich mache Vorschläge. Wobei das nicht immer so war. Am Anfang habe ich versucht, den Leuten etwas zu verkaufen, was ich gerne sehen würde. Aber das war nicht so erfolgreich und ich begann, mich zurückzunehmen und genau hinzuhören, was die Kundschaft sagt und wie sie es sagt. Und welche Sujets sie wünschen.

Was für Sujets sind das?

Zum grossen Teil solche, die immer und immer wieder gewünscht sind: Engel, Rose, Ähre, Baum. Diese füge ich in ein harmonisches Gesamtbild ein, halte mich an den Goldenen Schnitt, das kommt gut an.

Driftet man da nicht in den Kitsch ab?

Wer definiert, was Kitsch ist? Da geht es um Emotionen, um sehr Persönliches, genau so wie bei einer Hochzeit. Ein Stück weit kann ich Einfluss nehmen, doch meine Aufgabe ist es, dem Kunden einen handwerklich perfekt ausgeführten Grabstein zu liefern.

Die Digitalisierung macht auch vor den Grabsteinen nicht Halt. Es werden solche mit Quick-Response-Codes angeboten, wie bei der Werbung. Hatten Sie auch schon Anfragen?

Ich weiss davon, ja, aber für mich ist das kein Thema. Auch nicht einen Bildschirm einzubauen, auf dem ein Video über den Verstorbenen zu sehen ist. Man versucht wohl auf diese Art, den Grabeskult zu modernisieren. Da mache ich nicht mit.

Wie erleben Sie die Kundschaft, wenn Sie zu Ihnen ins Atelier kommt?

Es gibt Leute, die können sehr gut mit der Trauer umgehen, andere dafür gar nicht. Es kommt sogar vor, dass eine Person böse auf alles ist, einfach weil jetzt gerade sie einen Verlust durch Tod erleiden muss. Oder wenn mehrere Familienangehörige dabei sind, kann es zum Streit kommen, bei dem es letztlich gar nicht mehr um den Grabstein geht.

Und wie reagieren Sie darauf?

Am Anfang haben mich solche Situationen stark belastet, ich liess alles zu nahe an mich herankommen, es machte mich fast schwermütig, ganz besonders, wenn es um ein Kind ging. Ich habe mich dann mit dem Tod und der Trauer ganz allgemein auseinandergesetzt, ich wollte so gut wie möglich verstehen, was in den Leuten vor sich geht. Mittlerweile finde ich die Gespräche mit der Kundschaft richtig spannend.

Leisten Sie so eine Art Trauerarbeit?

Nein, Trauerarbeit ist etwas anderes. Ich halte mich absolut zurück, bringe mich niemals ins Gespräch ein.

Was kostet ein Grabstein und wie weit spielt der Preis eine Rolle?

Ab 3000 Franken aufwärts kostet ein Grabstein. Das wird meist akzeptiert. Manchmal gibt’s Diskussionen mit Leuten, die ein aufwendiges Sujet wünschen und dann «märten» wollen. Ich erkläre ihnen, dass da bis zu vierzig und mehr Stunden Handarbeit nötig sind. Oder ich empfehle, etwas Einfacheres zu wählen. Doch in der Regel wissen die Leute meine Arbeit zu schätzen.

Woher beziehen Sie die Steine? Oft gerät ja der Import in negative Schlagzeilen aufgrund von Kinderarbeit.

Ja, aber man darf nicht übersehen, dass die Arbeitsumstände im Steinbruch nicht nur in Indien, China oder Südamerika oft bedenklich sind, das kann auch in europäischen Ländern der Fall sein. Ich kaufe jenen Stein, der mir gefällt und qualitativ gut ist. Und bei den Grabsteinen entscheidet der Kunde. Ich erkläre jeweils ganz offen, woher der Stein kommt, den sie auswählen und, dass je nachdem Kinderarbeit nicht ausgeschlossen werden kann. Das beeindruckt die Leute aber nicht.

Es gibt doch aber sicher auch in der Schweiz gute Steine zu kaufen.

Ja, aber da bin ich wählerisch. Ich will zum Beispiel keinen Stein, der Wasser trinkt. Das ist ein Stein, der Wasser vom Boden aufzieht. Er geht deshalb zwar nicht kaputt, aber man sieht es mit der Zeit.

Wie gross ist der Preisunterschied zwischen einem Schweizer Stein und einem importierten?

Bei mir praktisch null. Die Grosshändler, von denen ich die Steine beziehe, halten die Differenz bewusst tief, damit sie auch Schweizer Steine verkaufen können.

In Deutschland zum Beispiel werden Occasionsgrabsteine angeboten. Wäre das eine Lösung?

Für mich nicht, nein. Das kann übrigens sehr heikel sein wegen des Aberglaubens, wonach der Geist des Toten noch immer im Stein drin sei. Ich bearbeite nur dann einen bestehenden Grabstein, wenn etwa Angehörige mit jenem der Grossmutter daher kommen und den Stein für das Grab eines Nachfahren verwenden möchten. Früher hatte man manchmal extra dicke Steine verwendet, damit man sie ein weiteres Mal bearbeiten und so die Materialkosten einsparen kann. Denn das Material war es damals, das Geld gekostet hat, die Arbeitslöhne hingegen waren tief. Heute ist die Arbeit das Teuerste.

Wie kommen Sie zu den Aufträgen?

Ich akquiriere fleissig. Ich gehe auf Friedhöfe und schaue Gräber an. Dadurch bekomme ich einen Eindruck davon, welchen Wert die Angehörigen der Grabstätte beimessen. Dann schreibe ich den Leuten und biete ihnen meine Dienste an. Selbstverständlich tue ich das nicht ganz kurz nach der Beerdigung, sondern warte eine gewisse Zeit ab. Tun muss ich es halt, sonst bleibe ich ohne Arbeit.

Wie sehen Sie die Zukunft ihres Berufs als Grabsteinbildhauer?

Für ihn gibts zu wenig Arbeit, der Markt ist total übersättigt. Herkömmliche Erdbestattungen mit Grabstein werden weniger, es stehen reichlich Alternativen zur Auswahl. Grosse Betriebe mussten schliessen. Ich selber kann nicht klagen, ich hatte und habe noch immer gut zu tun, bin ja auch alleine.

Halten Sie das allmähliche Verschwinden des klassischen Grabsteins für einen Kulturverlust?

Ja und nein. Ja, weil das Aufstellen eines Grabsteins aus meiner Sicht, nicht nur wegen meines Berufes, ein schöner Brauch ist. Nein, weil ich das allmähliche Verschwinden als eine Kulturveränderung sehe. Wenn eine Kultur zum Zwang wird, sollte man sie infrage stellen. Im Dorf hatte man früher den gesellschaftlichen Druck gespürt, sich den Bräuchen zu unterwerfen, heute würde man von Mobbing reden. Dass sich das verändert hat, finde ich gut. Wenn jemand nun eben keinen Bezug hat zu einem Grabstein oder darin keine Bedeutung sieht, dann soll er es doch bleiben lassen dürfen.

Obwohl es Ihrem Geschäft abträglich ist?

Ja, von daher ist es schade. Trotzdem bin ich dafür, dass jeder frei entscheiden kann. Mir ist viel lieber, dass jemand sich für einen Grabstein entscheidet, weil er wirklich einen haben möchte.

Neben ihrer Tätigkeit als Grabsteinbildhauer gestalten Sie auch Plastiken und malen Bilder. Ist das ein zweites Standbein?

Beides habe ich schon immer gemacht. Aber nicht aus finanziellen Interessen, damit lässt sich kein Geld verdienen. Ich tue es aus Freude.

Der Beruf Bildhauer scheint Ihnen aber ebenfalls immer noch Freude zu machen.

Ja, sehr. Stein ist ein sehr edles Material. Meine Einstellung zum ihm hat sich nie verändert. Schade finde ich, dass sich das Verhältnis zum Material Stein in der Allgemeinheit negativ verändert hat. Beim Bauen kommt man vom Verwenden von natürlichen Stein weg, weil die Bearbeitungskosten im Vergleich zu alternativem Material zu teuer sind.

Sie bleiben also Ihrem Beruf treu, obwohl er als eher ungesund gilt?

Ja, der Staub, der Lärm, das schwere Material und die ungünstige Körperhaltung beim Arbeiten über lange Zeit hinterlassen schon Spuren. Man kann es mit dem Bergsteigen vergleichen: Es braucht eine gewisse Besessenheit. Jetzt bin ich 59-jährig, mir vorzustellen, eines Tages keine Steine mehr zu behauen, das geht nicht.

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