Das Durchschnittsalter der Mönche in Mariastein beträgt 72 Jahre. Wie stellen Sie sich denn die Gemeinschaft in zehn Jahren vor?

Abt Peter von Sury: Für uns ist es schwierig, auf zehn Jahre zu planen. Es ist aber wichtig, eine Perspektive zu haben. Zum Beispiel, was den Wallfahrtsort Mariastein betrifft. Ich bin davon überzeugt, dass er auch in 30 Jahren seine Sendung erfüllen wird. Dafür setze ich mich ein. Das braucht aber wirklich Planung. Damit es in wirtschaftlicher und finanzieller Hinsicht eine gesunde Basis hat. Daraus ergeben sich auch personelle Fragen.

Welche?

Die Aufgaben, die der Wallfahrtsort mit sich bringt, können von unserem Personalbestand immer schlechter erfüllt werden. Wir haben nach wie vor viele Mitbrüder zwischen 75 und 80 Jahren, die noch sehr viele Arbeiten leisten. Man merkt aber, dass sich das schnell ändern kann.

Und dann muss jemand anders die Arbeit übernehmen.

Wir Mönche leisten unsere Arbeit am Wallfahrtsort unentgeltlich, sieben Tage die Woche. Ein 48-jähriger Mitbruder arbeitet zum Beispiel in der Sakristei. Und wenn wir ihn intern für eine andere Aufgabe einsetzen würden, müssten wir jemanden anstellen als Sakristan. Das gäbe dann hohe Lohnkosten. Ein weiterer Nachteil ist die tiefe Rente. Dreiviertel der Gemeinschaft ist im AHV-Alter, und die meisten haben den niedrigsten Ansatz, weil sie nie Geld verdient haben. Die aktuelle Altersstruktur unseres Klosters verursacht also im Nachhinein grosse finanzielle Probleme.

Haben Sie schon Lösungsansätze?

Wir haben erst seit kurzem die dringende Fragestellung erkannt. Es ist auch die Frage aufgetaucht, welche Rolle der Verein der Freunde Mariastein spielen könnte, der uns jetzt schon sehr unterstützt. Eine Möglichkeit sind generell Trägerschaften. Ich habe bereits verschiedene Kontakte geknüpft, die ich hier nicht im einzelnen nennen möchte.

Wie erfüllen die Benediktiner heute ihre Aufgaben am Wallfahrtsort?

Wir hatten schon immer Angestellte, zum Beispiel für den Reinigungsdienst. Früher konnten wir uns das besser leisten, da viele nebenbei als Pfarrer arbeiteten und ein regelmässiges Einkommen hatten. Jetzt kommen wir finanziell immer mehr in Bedrängnis. Wenn ein 75-jähriger Mönch nicht mehr genug Kraft hat, um gewisse Arbeiten zu tun, muss man ihn entlasten. Aber wir haben auch keine jüngeren Mönche, die das einfach übernehmen könnten. Die, die wir haben – unser jüngstes Mitglied ist 35-jährig – sind schon ausgelastet bis zum Geht-nicht-mehr.

Werben Sie überhaupt um den Nachwuchs im Kloster?

Das ist für uns eine fremde, ungewohnte Vorstellung, dass man aktiv werben muss, um neue Mitglieder zu finden. Wir gehen davon aus, dass Gott dafür sorgen wird. Und wenn dann keine Mönche mehr dazu kommen, dann hat Gott etwas anderes beschlossen für uns. Dann braucht er uns als Klostergemeinschaft vielleicht nicht mehr. Ich weiss es nicht. Es ist halt wie bei einem älteren Ehepaar, das keine Kinder hat. Deswegen geht die Welt nicht unter. Sie können genau gleich glücklich sein.

Also nehmen Sie in Kauf, dass diese Gemeinschaft in 20 Jahren nicht mehr bestehen könnte?

Ich will jetzt überhaupt keine Prognosen machen. Vielleicht kommen in zehn Jahren wieder Leute. Aber dann wird es vielleicht anders aussehen. Wenn jetzt ein paar 25-Jährige zu uns kommen, stehen wir vor zusätzlichen Herausforderungen. Denn diese Leute denken völlig anders. Laufen Tag und Nacht mit ihren Smartphones herum und sind die ganze Zeit auf Facebook. Und jetzt kommt so einer ins Kloster. Soll man dann von ihm verlangen, dass er ein Jahr lang strikt offline ist? Wenn sich jemand wirklich an eine konkrete Gemeinschaft, an Menschen aus Fleisch und Blut, anschliessen will, muss er sich auf sie einlassen können. Mit den Menschen, die neben ihm beten und essen. Oder er pflegt seine Online-Communities.

Kann man nicht beides haben? Wäre es nicht eine Option, am Tag in der Gemeinschaft und am Abend, in der Freizeit, auch online zu sein?

Warum geht man dann ins Kloster? Wir haben viele ältere Brüder, die gar nicht mehr verstehen, dass man online gehen kann. Es würde schnell eine Entfremdung geben. Aber ich habe keine Antwort. Als ich ins Kloster kam, da waren TV und Telefon völlig selbstverständlich für mich. Aber vor 50 Jahren haben sie hier diskutiert, ob man jedem Mönch ein Telefon aufs Zimmer geben soll. Man schaffte es dann, sich durchzusetzen.

Und es ist gut rausgekommen?

Ja und Nein. Es bleibt die Frage, wie man damit umgeht. Benedikt legt fest Wert darauf, dass in der Nacht die Stille respektiert wird. Er nennt es «das nächtliche Schweigen». Wenn das Nachtgebet fertig ist, müssten die Mönche eigentlich in ihr Zimmer gehen. Aber ich erlebe das selber: Da fängt bei mir die Telefoniererei erst an.

Also doch. Ich sehe, Sie haben sogar ein Smartphone.

Ja, aber es ist an sich nicht sehr ideal. Es gibt Leute, die rufen genau dann an, weil sie wissen, dass ich frei bin. Ich muss lernen, Nein zu sagen und an die nächtliche Stille zu denken. Manchmal arbeite ich noch am PC. Ich merke aber, dass es nicht so geschickt ist. Ich versuche immer wieder, den PC vor dem Nachtgebet auszuschalten und nehme mir vor, nicht mehr ran zugehen. Es gibt aber einfach Situationen, in denen ich nicht anders kann und bis 22 Uhr oder Mitternacht arbeiten muss. Etwas leidet aber einfach darunter …

Also nutzen Sie Neue Medien, hätten aber ein Problem damit, wenn es ein Novize machen würde?

Das ist eben genau das Problem. Wenn jüngere Leute zu uns kommen, müssten wir uns überlegen, welche Regeln wir wie durchsetzen. Sollen sie zum Beispiel ein Jahr offline sein müssen und dürfen wieder online gehen, wenn sie das durchgehalten haben? In dieser Zeit sehen sie aber, dass die Hälfte der Mönche trotzdem TV schaut, arbeitet oder telefoniert. Dann wird es sehr unglaubwürdig.

Wie ist es denn jetzt?

Jetzt haben wir keine Leute in diesem Status. Wenn wir Novizen aufnehmen würden, bräuchten sie einen Betreuer. Das ist eine aufwendige Arbeit. Unsere jüngeren Mönche sind so ausgelastet, dass wir gar nicht zwei bis drei Neue so eng betreuen könnten, wie es notwendig wäre.

Wenn Sie also jetzt zum Beispiel eine konkrete Anfrage für ein Noviziat erhalten würden, würden Sie ihm dann absagen?

Wir erhalten aus der ganzen Welt Anfragen. Übers Internet. Die Leute googeln, schauen sich die Bilder an und sagen, «das würde mir auch noch gefallen». Ein Mitbruder ist verantwortlich für die Korrespondenz mit den Interessierten. Und in der Regel wimmelt er die Bewerber im vorherein ab, wenn er merkt, dass sie psychische Probleme haben. Wenn er aber merkt, dass seriöse Absichten dahinter stecken, dann meldet er es mir. Wir laden sie für eine kurze Probezeit ein. Erst wenn sie eine längere Zeit da gewesen sind, reden wir intern über eine Aufnahme in die Gemeinschaft. Es muss vieles stimmen; das Auftreten, die Persönlichkeit, der Charakter. Einfach alles.

Warum wurden dann Bewerber nicht aufgenommen?

Vor etwa drei Jahren kam zum Beispiel ein 30-Jähriger zu uns. Ein flotter Kerl mit Migrationshintergrund, hatte religiös aber null Ahnung. Faktisch sind wir hier alles Leute, die kirchlich voll sozialisiert sind und schon ein grosses religiöses Wissen mitgebracht haben. Bei diesem Bewerber waren wir überfordert. Wir hätten einen Mönch gebraucht, der sich nur dieser speziellen Betreuung widmen kann. Das ist wie bei einem Erstklässler im Religionsunterricht.

Wäre das nicht eine Investition wert gewesen?

Das haben wir auch diskutiert und haben gemerkt, dass wir hier wahrscheinlich nicht auf der Höhe unserer Aufgabe sind.

Wollen Sie das ändern?

Im Moment sind wir mit uns selber beschäftigt. Viele Mitglieder brauchen medizinische Betreuung. Deshalb sind wir mehr in diese Richtung absorbiert.

Sie sind also in einer Zwickmühle. Nehmen wir mal an, dass das Kloster aussterben würde. Was passiert dann?

Das wird sich ergeben. Wir sind schon einmal ausgestorben, im 16. Jahrhundert. Und 80 Jahre später ist wieder eine Gemeinschaft entstanden. Derzeit schliessen Klöster in ganz Europa. Ich denke, es ist eine epochale Verschiebung im Gang.

Die Sie einfach so hinnehmen.

Ich nehme die Fakten zur Kenntnis. Und dann kann man versuchen, angemessen darauf zu reagieren. Illusionen vernebeln einem nur die Sicht. Man kann nicht sagen, wir haben zu wenig gebetet für den Nachwuchs. Die Sache ist viel komplexer. Seit einiger Zeit gibt es ein Phänomen, das mir zu denken gibt: Einige Leute, im Alter zwischen 35 und 40 Jahren, treten in die Gemeinschaft ein und gehen aber nach 10 Jahren wieder.

Was ist Ihre Wunschvorstellung für das Kloster in 20 Jahren?

Mein Wunsch ist, dass es in 20 Jahren – dann bin ich 85 Jahre alt – noch möglich ist, ein Gemeinschaftsleben zu führen, wo man zusammen beten, essen und Gottesdienst feiern kann. Vielleicht reduziert, in einer einfacheren Art.

Auch mit neuen Leuten?

Das lasse ich offen. Das ist für mich nicht prioritär. Mein Leben hängt ja nicht davon ab, dass es Nachwuchs gibt.

Aber das Leben vom Kloster schon.

Ich bin ich nicht verantwortlich, für das, was in 20 oder 50 Jahren ist. Das möchte ich gerne Gott überlassen.