Sorgentelefon
Wenn Jugendliche ausreissen: Flucht kann ein letzter Hilfeschrei sein

Die Gründe dafür, dass Jugendliche weglaufen, sind vielfältig. Eine Beraterin des Sorgentelefons erklärt, warum Kinder oder Jugendliche zu Ausreissern werden.

Gabriela Strähl
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Dass Kinder von zu Hause abhauen, kann viele Gründe haben. (Symbolbild)

Dass Kinder von zu Hause abhauen, kann viele Gründe haben. (Symbolbild)

Keystone

Noch ist nicht klar, warum ein 12-Jähriger verschwunden ist. Nach wie vor besteht die Möglichkeit, dass er aus freiem Willen abgehauen ist. Laut dem Beratungsteam um Leiterin Marianne Peyer vom Sorgentelefon für Kinder mit Sitz in Burgdorf ist es nicht ganz unüblich, dass sich Jugendliche das Ausreissen durch den Kopf gehen lassen. Rund zwei- bis dreimal monatlich ruft ein Kind oder ein Jugendlicher an, der mit der Situation zu Hause nicht mehr zurechtkommt. Die Gründe dafür sind vielfältig.

«Meist ist in irgendeiner Form ein Druck auf die betroffenen Jugendlichen vorhanden», so eine Beraterin des Sorgentelefons. Sie möchte ihren Namen nicht in der Zeitung lesen und gibt dieser Zeitung in Stellvertretung des ganzen Beratungsteams Auskunft.

Gründe für die Ausreissidee können beispielsweise Leistungsdruck in der Schule, ein bevorstehender Umzug, die Trennung der Eltern oder auch deren Erwartungen sein, dass das Kind etwas sein sollte, womit es sich selbst nicht identifizieren kann. «Wenn das Kind dann über längere Zeit nicht ernstgenommen wird und merkt, dass sein Gesagtes nicht gehört wird, kann der Wunsch entstehen, aus dieser Situation auszubrechen», schildert die Beraterin.

Bei Jugendlichen im Alter von 12 bis 15 Jahren beobachte sie gelegentlich, dass der Anruf beim Sorgentelefon in Wirklichkeit die Suche nach einer Ansprechperson sei, wenn die Betroffenen zu Hause nicht mehr weiterkommen. «Unser Angebot ist anonym und wir protokollieren die Anrufe auch nicht. Dadurch haben die Anrufer keine Sanktionen zu befürchten, was ihnen sicher die Hemmungen nimmt», so die Beraterin.

Manchmal über Monate geplant

Gerade ab einem Alter von 12 Jahren bemerke sie vermehrt die Fähigkeit, eine Flucht über längere Zeit zu planen. «Es kommt vor, dass ein jüngeres Kind für ein paar Stunden abhaut und dann zur Familie zurückkehrt, weil es hungrig ist. Aber ab ungefähr 12 Jahren kann eine Flucht über Monate hinweg geplant sein.»

Oftmals legen die Ausreisser dann zwar Geld und ein paar Schokoriegel für den Tag der Flucht beiseite, haben aber keine Vorstellung davon, wo sie hinwollen. «In solchen Fällen versuchen wir dem Jugendlichen Möglichkeiten aufzuzeigen, wo er Unterschlupf finden kann. Wir fragen ihn nach möglichen Ansprechpersonen, seien es Grosseltern, ein älteres Geschwister, das schon auf eigenen Beinen steht, oder die Schulsozialarbeit.» Auch Angebote wie das «Schlupfhuus» in Zürich seien Orte, wo Jugendliche von 13 bis 18 für eine begrenzte Zeit unterkommen können. Um die Auseinandersetzung mit den Eltern führt aber am Ende kein Weg herum.

«Oft ist die Flucht ein letzter Hilfeschrei und der Versuch, ein Zeichen zu setzen», so die Beraterin. Das müsse nicht in jedem Fall auf Suizidgedanken deuten, zeige aber, dass die Kommunikation zwischen Eltern und Kind nicht mehr funktioniert. Oft stiessen Jugendliche, die Fluchtgedanken hegen, mit ihren Sorgen zu Hause auf Zurückweisung. «Wir raten den Jugendlichen manchmal, den Eltern einen Brief zu schreiben, wenn sie sich nicht getrauen, zu reden. Das kann helfen, die Probleme anzusprechen.» Allerdings bekommt das Sorgentelefon oft keine Rückmeldung, weshalb das Beratungsteam nicht weiss, wie viele Jugendliche effektiv ausreissen.

Über den konkreten Fall des 12-Jährigen wollte sich die Beraterin des Sorgentelefons nicht äussern.

(23. Juni 2016)