Es waren keine aussergewöhnlichen Szenen dieser Beziehung. Als normal kann man es trotzdem nicht bezeichnen, wie Alice J.* und Lukas Z.* miteinander umsprangen. Die beiden liebten sich. Doch hin und wieder spuckten sie sich an, verletzten sich gegenseitig, manchmal waren Messer im Spiel, Kleider wurden zerschnitten. An jenem Abend kurz vor Weihnachten 2010 wurde es lebensgefährlich. Das Paar lag im Bett, als Lukas Z. von seiner Ex-Freundin angerufen wurde. Alice J. hörte mit, wie sich die beiden über sie lustig machten. Darauf entbrannte ein wüster Streit. Er wollte ihre Wohnung verlassen und nach Hause fahren.

Was danach passierte, kann nicht mehr genau rekonstruiert werden. Klar ist: Beide wurden gewalttätig, sie warf vor dem Haus einen Stein nach ihm. Irgendwann waren sie im Keller, wo er sich einen Motorradhelm anzog, um sich zu schützen. Schliesslich ging sie auf ihn los und trommelte mit den Händen auf seinen Oberkörper. Und dann holte sie mit der Klinge einer Haushaltschere aus und rammte sie von oben in seine Brust. Der Stich ging zwischen den Rippen hindurch, Herz oder Lunge wurden zum Glück nicht getroffen. Doch der Mann verlor viel Blut. Darauf fuhr sie ihn ins Spital. Nach der Operation kam es zu einem Infekt, der ohne Behandlung lebensgefährlich sein kann. Wegen versuchter vorsätzlicher Tötung wurde die heute 27-Jährige im vergangenen Januar vor dem Richteramt Solothurn-Lebern zu einer Freiheitsstrafe von 36 Monaten verurteilt. Davon hat sie 8 Monate unbedingt abzusitzen.

Tränen und Wut in Gerichtssaal

Sowohl die Staatsanwaltschaft wie auch die Angeklagte waren mit diesem Urteil nicht einverstanden und legten Berufung ein. Gestern wurde der Fall vor dem Obergericht noch einmal aufgerollt. Im Gerichtssaal kam es zu emotionalen Szenen. Die Angeklagte verlängerte das letzte Wort, das ihr vor der Urteilsfindung gebührt, zu einem langen Vortrag. Unter Tränen erzählte sie von ihrer nicht einfachen Vergangenheit und davon, wie sie von «einer Katastrophenbeziehung in die nächste» stolperte, von Suizidversuchen und wie sie von einem Ex-Freund misshandelt wurde. Und immer wieder sprach sie von ihrer Angst vor der drohenden Haft und vor der elektronischen Fussfessel. Und sie sprach von ihren Plänen und Wünschen. Bald kann sie eine neue Ausbildung beginnen und ihren Berufswunsch erfüllen. «Mir geht es heute gut, ich stehe mitten im Leben.» Wenn sie zurückschaue, laufe es ihr kalt den Rücken hinunter. Sie sei kein bösartiger Mensch, und sie habe Lukas Z. weder verletzen noch töten wollen. Doch während der Tat habe sie die Umwelt nur noch verzerrt wahrgenommen.

Die Verteidigerin Ida Salvetti verlangte eine Aufhebung des erstinstanzlichen Urteils. Von der versuchten vorsätzlichen Tötung sei ihre Mandantin freizusprechen, auch liege keine versuchte schwere Körperverletzung vor. Es handle sich um einfache Körperverletzung, weshalb eine bedingte Freiheitsstrafe von maximal 12 Monaten angemessen sei. Dass sich Alice J. in der Arbeitswelt integriert und für ihren Job gekämpft habe, müsse honoriert werden.

Um Anordnung foutiert

Ganz anders beurteilte Staatsanwältin Claudia Scartazzini die Tat. Für sie ist das Urteil der Erstinstanz «nicht sehr nachvollziehbar», weshalb die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt hatte. Angemessen sei eine Freiheitsstrafe von 5 Jahren und 4 Monaten. Alice J. habe wissen müssen, was sie mit dem Messerstich anrichten könnte. «Sie hat seinen Tod in Kauf genommen.» Zugunsten der Angeklagten spreche zwar, dass sie es nicht immer leicht gehabt und mittlerweile im Leben Tritt gefasst habe. Aber ihr Geständnis sei zu spät gekommen, sie habe sich unkooperativ verhalten und eine gewisse Tendenz, Regeln zu missachten. Zudem habe sich die Angeklagte um die richterliche Anordnung foutiert, sich in psychiatrische Behandlung zu begeben. Dies irritierte auch Gerichtspräsident Hans-Peter Marti: «Ihnen ist klar, dass eine gravierende Sache vorliegt und dies eine Anordnung ist. Wir haben eine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit, damit so etwas nicht mehr passiert.» Morgen verkündet das Gericht sein Urteil.

Auch nach der Tat waren Alice J. und Lukas Z. ein Paar. Erst im Mai 2013 endete die Beziehung. Im Leben von Alice J. gibt es mittlerweile einen neuen Mann. Einen, mit dem sie endlich eine normale Beziehung führen möchte.

* Namen der Redaktion bekannt.