Pflegeeltern
Wenn fremden Kindern ein zweites Zuhause gegeben wird

Organisationen wie die Fachstelle «kompass» im Kanton Solothurn suchen angemessene Lösungen für Kinder, die nicht bei den leiblichen Eltern bleiben können. Der Bedarf an Familien, die bereit sind, ein fremdes Kind bei sich aufzunehmen, steigt.

Marco Wyss
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Nicht alle Eltern sind in der Lage, ihren Kindern das zu bieten, was sie brauchen. Symbolbild

Nicht alle Eltern sind in der Lage, ihren Kindern das zu bieten, was sie brauchen. Symbolbild

Hanspeter Bärtschi

Nicht alle Eltern können ihren Kindern geben, was sie für eine gesunde Entwicklung brauchen: Liebe, Geborgenheit, Fürsorge, Respekt, Grenzen und Strukturen. Kommen Probleme wie Armut, körperliche Gebrechen, psychische Krankheiten, Gewalt- oder Drogenprobleme hinzu, sind die Eltern mit der Erziehung meistens überfordert. Oft bleibt nichts anderes übrig, als die Kinder in einer anderen Familie unterzubringen, die ihnen das nötige stabile Umfeld bieten kann.

Die in Solothurn tätige Fachstelle «Kompass» bietet seit 20 Jahren verschiedene Dienstleistungen für Eltern, Kinder und Jugendliche an. Sie betreuen momentan 29 Kinder und Jugendliche, die nicht bei ihren leiblichen Eltern leben können.

Pflegeeltern als gute Möglichkeit

Claudia* und ihr Mann sind bereits seit sechs Jahren als Pflegeeltern tätig. Zusammen haben sie vier eigene Kinder, die sich bereits im Erwachsenenalter befinden. Da jedoch alle noch zu Hause wohnen, werden auch sie in die Betreuung der Pflegekinder einbezogen. Die Idee, sich bei «Kompass» für diese Betreuungsarbeit zu bewerben, kam von Claudia. «Im Haushalt tätig zu sein, macht mir Freude, weil ich aber dennoch nicht ganz auf Erwerbsarbeit verzichten will, ist die Betreuung von Pflegekindern eine ideale Lösung», sagt sie im Gespräch mit dieser Zeitung. Natürlich funktioniere das nur mit dem Einverständnis der ganzen Familie.

«Die Kinder, die wir bis jetzt betreut habe, lebten zwischen einem Monat und einem Jahr bei uns», erläutert sie. Bevor die Familie wieder ein neues Kind bei sich aufnimmt, pausiert sie eine kleine Weile. «Wenn wir uns dann bereit fühlen für ein anderes Kind, geben wir der Fachstelle Bescheid.» «Es ist, als wäre man schwanger», ergänzt Claudia. Wenn es dann so weit ist, würden die ersten drei Wochen meist problemlos vorübergehen. «Weil die Situation neu ist für das Kind und sein Interesse gross», erklärt Pflegemutter Claudia. Das Kind wird in die örtliche Schule eingegliedert und findet neue Freunde. Für mich ist es das Schönste, die Talente und Interessen des Kindes herauszufinden und zu fördern», strahlt sie.

Nach der Einführungsphase, wenn man das Kind besser kennen gelernt habe, entdecke man zahlreiche Entwicklungspotenziale. «Meine Aufgabe ist dann die der Helferin», erläutert Claudia. Manchmal hätten die leiblichen Eltern das Gefühl, dass das Problem nur bei den Kindern liege. «So à la ‹Repariere mir mein Kind und bringt es wieder!›», seufzt Claudia. Dies entspreche nicht der Realität. Markus Tuba, Bereichsleiter und Koordinator der Platzierungen bei «Kompass», betont jedoch, dass diese Einstellung bei Eltern eher selten vorkomme.«Die Platzierung in einer Pflegefamilie ist eine Möglichkeit, die man erst in Betracht zieht, wenn andere Lösungsansätze nicht wirken», hält Markus Tuba fest. Bevor man zu dieser Massnahme greifen würde, versuche man es mit Unterstützung wie Erziehungsberatung oder Familienbegleitung. Es gelte, die Eltern so früh wie möglich mit ins Boot zu holen und sie auch auf eine eventuelle Platzierung ihres Kindes in eine Pflegefamilie vorzubereiten.

Wann und ob es dazu kommen wird, entscheide dann die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde. «Wenn der Entscheid gefallen ist, gibt es ein Abklärungsgespräch, bei welchem wir uns ein erstes Bild machen können», erläutert Tuba weiter. Gestützt auf dieses werde eine passende Pflegefamilie gesucht und angefragt. Nach einem Treffen und Rücksprache innerhalb der Familie werde dann entschieden, ob die Pflegefamilie bereit für die Aufnahme sei oder nicht.

Offene Familien gesucht

Laut «Kompass» steigt die Nachfrage nach Plätzen bei Pflegefamilien. Markus Tuba erklärt, dass diese je nach Bedürfnis des Kindes förderlicher wären als die Platzierung in einem Heim. Eine Pflegefamilie spiegle einen geschützten Rahmen, wie er sein sollte. «Gesucht sind vor allem Familien, die bereit wären, Kinder auch über eine kurze Zeitspanne aufzunehmen», so Tuba. Sie müssten auch fähig sein, loszulassen und sich in kurzer Zeit wieder zu öffnen für ein neues Kind. «Pflegeeltern zu sein, kann man nicht mit einer Adoption vergleichen», fügt Markus Tuba hinzu. Während Adoptiveltern sich mit dem adoptierten Kind identifizieren, sei die Betreuungsarbeit von Pflegeeltern doch mehr ein Beruf. Und dieser wird auch entlohnt. Die Pflegefamilie bekomme einen festgelegten Lohn pro Tag und Kind und werde von den Fachpersonen von «Kompass» eng begleitet. Dazu komme ein Nebenkostenbeitrag. Finanziert werde dies von den Sozialhilfeleistungen.

*Name der Redaktion bekannt

Informationsanlass: Die Fachstelle Kompass lädt am kommenden Dienstag zum Informationsabend «Pflegeeltern werden?». Der Anlass beginnt um 20 Uhr
im reformierten Kirchgemeindehaus in
Oensingen, Aspstrasse 8. Es wird um
Anmeldung gebeten an
willimann@kompass-so.ch oder Tel. 062 844 03 20.