In der Schweiz gibt es immer mehr Menschen, die mit einer Waffe Plastikkugeln auf andere Menschen schiessen. Nicht jeder, der Zeuge dieser «Spiele» wird, reagiert gelassen. Manch einer ist geschockt über diese in Tarnanzügen steckenden «Spieler» mit ihren echt aussehenden Waffen.

Solche waren auch am vergangenen Wochenende wieder auf der Motocrosspiste zwischen Balm und Rüttenen am Werk. Im Monatsrhythmus trifft sich die Airsoft-Szene, so nennt sich das «Spiel», auf dem Gelände des Balmer Andreas Gygli. Er ist einer, der dem Treiben gelassen zuschaut. Eine Bewilligung sei nicht nötig, sagt er, denn «das sind Privat-Anlässe».

Auch die Gemeindepräsidentin Pascale von Roll ist sich sicher: «Nein. Eine Anlass-Bewilligung ist nicht nötig, da es sich um private Anlässe handelt und weder Speisen noch Getränke verkauft werden.» Das für Aussenstehende kriegsähnliche «Spiel» will sie nicht kommentieren: «Da es sich bei den Spielen um private Veranstaltungen auf privatem Grund handelt und niemand dadurch beeinträchtigt wird, ist es nicht an der Gemeinde, das Geschehen respektive die Freizeitbeschäftigung dieser Personen zu beurteilen.»

Im Monatsrhythmus

Auch L.J. (Name der Redaktion bekannt) ist einer, der das Spiel mit den Waffen locker betrachtet. Bei ihm ist das verständlich, denn er ist Mitorganisator der Airsoft-Anlässe. Spricht man mit ihm, wird aus kriegsähnlichen Szenen mit martialischen Waffen und Granaten «Räuber und Poli» auf der Blumenwiese. «Ich habe als Kind damit begonnen, Räuber und Polizei zu spielen. Früher bastelten wir uns Holzgewehre. Später bin ich auf Airsoft gestossen.»

Die Spiele am Computer würden ihm nicht zusagen. «Ich spiele lieber draussen. Das macht mehr Spass.» Es gehe nicht darum, auf Leute zu schiessen. Das sei nicht der Kick. «Ich geniesse die Geselligkeit und lerne immer wieder neue Leute kennen.» In Balm würden jährlich 10 Anlässe stattfinden, bestätigt J., an denen maximal 30 Leute mitspielen dürften. Die Kämpfer bezahlen einen Unkostenbeitrag von 30 Franken und 5 Franken Depot für die Waffen, die sie für das «Spiel» erhalten. 

Das «Spiel» sei keine Verherrlichung des Krieges. «Man sagt oft, wir spielen Krieg, aber Krieg kann man nicht spielen. Beim Krieg ist Hass mit im Spiel, bei uns nicht.»
Vergeblich gewehrt

Mit «ethischen Grundsätzen ist das spielerische Töten von Menschen nicht vereinbar», ist sich Heiner Schmid sicher. Er wehrte sich im zürcherischen Riedikon gegen die Kriegsspiele auf dem Feuerwehr-Übungsgelände an Wochenenden. In einer von 60 Personen mitunterzeichneten Petition forderte er 2014 den Stadtrat dazu auf, die entsprechenden Mietverträge aufzulösen. Aber die Geschichte endete für ihn negativ. «Der Stadtrat hatte seinerzeit entschieden, dass er keine rechtliche Handhabe gegen die Anlässe habe», erklärt Schmid auf Anfrage.

Anlagen im Freien sind für Airsoftspieler Mangelware. Das führt dazu, dass oft lange Anfahrtswege in Kauf genommen werden. Das Gelände in Balm ist fast jeden Monat einmal belegt. Auf Anfrage erklärt die Kantonspolizei, dass ihr diese Anlässe in Balm nicht bekannt seien. L.J. widerspricht. «Ich telefoniere immer am Morgen eines Anlasses der Polizei und melde den Anlass an.» Nach einem Blick in die Rapporte bestätigt die Kantonspolizei die Meldungen. Diese seien aber nicht als Bewilligungen zu verstehen. Denn dafür zuständig ist das Amt für Wald, Jagd und Fischerei.

Dort erklärt Amtsleiter Jürg Froelicher: «Wir haben keine Kenntnisse von Airsoft-Anlässen im Gebiet der Motocrosspiste Balm bei Günsberg.» Die Motocrosspiste liegt ausserhalb des Waldareals. Finden diese Anlässe auf dem Areal der Motocrosspiste statt, sei sein Amt auch nicht für eine Beurteilung zuständig. Da sich auf dem Grundstück Gygli aber auch noch eine Teilfläche Wald befinde, könnte diese allenfalls für Airsoft-Anlässe beansprucht werden. Ein allfälliges Gesuch für eine diesbezügliche Beanspruchung von Wald würden das Amt wie auch bereits in anderen Fällen negativ beantworten (siehe Kasten unten). 

Lücke im Bewilligungsdschungel

Das Gelände zwischen Balm und Rüttenen, die Motocrosspiste, ist somit eine ideale Lücke im Bewilligungsdschungel. Niemand fühlt sich verantwortlich. So können weiterhin Männer und Frauen in Tarnanzügen und mit echt aussehenden Waffen ihr «Spiel» durchziehen. Welches Bild dies auf die Nutzer der Landstrasse nebenan abgibt, kümmert niemanden.

Eine Abstumpfung gegenüber realen, tragischen Kriegshandlungen verneint Mitorganisator L.J. «Es geht um den Spass. Wir haben es lustig miteinander. Das hat nichts mit Krieg zu tun. Wir wollen nur spielen.» Dem gegenüberstellen kann man die Aussage eines Mitgliedes, das der Airsoftszene den Rücken gekehrt hat: «Immer mehr störte ich mich an den militärischen Parallelen. Möglichst ‹realgetreue› Ausrüstung, um es dann den Vorbildern im Kriegseinsatz gleichzumachen. Ich bin mir nicht sicher, wie solche Darstellungen in der Öffentlichkeit für ein positiveres Bild sorgen können. Welches Bild bekommen gerade Familien mit Kindern oder welches Bild bekommen Jugendliche von Airsoft?»