Interpellation

Wenn Fluchtverkehr die Dörfer überrollt: Pannenstreifen soll als Entlastung zur Fahrspur werden

Vorzeigestrecke: Auf diesem Autobahnabschnitt zwischen Morges und Ecublens wird der Pannenstreifen bei Bedarf für den Verkehr freigegeben.

Vorzeigestrecke: Auf diesem Autobahnabschnitt zwischen Morges und Ecublens wird der Pannenstreifen bei Bedarf für den Verkehr freigegeben.

Nationalrat Kurt Fluri hat eine Interpellation eingereicht. Er möchte, dass auf der Strecke Luterbach–Schönbühl der Pannenstreifen bei Bedarf als Fahrspur genutzt werden kann. Das Bundesamt für Strassen ist skeptisch.

Plötzlich reiht sich auf einer Hauptstrasse ein Auto ans andere. Deutsche, Franzosen, Walliser, Waadtländer, Thurgauer und sogar Holländer mit Wohnwagen schleichen durch unsere Dörfer. Aber nur ganz selten einer mit einem Solothurner Nummernschild. Was ist passiert? Das GPS hat den Autofahrern wegen eines Staus eine Ausweichroute vorgeschlagen. Die Ortsunkundigen verlassen wie die Lemminge die Autobahn – und verstopfen die Strassen durch die Dörfer.

Kriegstetten, Luterbach, Härkingen. Die Namen der drei Solothurner Dörfer sind in der ganzen Schweiz berühmt – oder vielmehr berüchtigt. Sie stehen für stockenden Verkehr und Stau auf der Autobahn in unserer Region, wie ihn das Radio fast jeden Tag meldet. Und es dürfte noch schlimmer kommen. In den nächsten Jahren beginnen massive Bauvorhaben auf der A1.

So hat der Solothurner Nationalrat Kurt Fluri (FDP) vor den Sommerferien eine Interpellation mit dem Titel «Pannenstreifen-Umnutzung auf der Strecke Luterbach–Schönbühl» an den Bundesrat eingereicht und damit bei vielen Politikern in der Region Lob geerntet.

Angst vor der Blechlawine

Der Bund plant, die A1 vom Anschluss Wankdorf bis nach Schönbühl auf acht Spuren und von Schönbühl bis Kirchberg auf sechs Spuren auszubauen. Der Ausbau von Luterbach bis Härkingen auf sechs Spuren ist beschlossene Sache und wird im kommenden November öffentlich aufgelegt.

Ab 2020 soll zudem der Streckenabschnitt von Alchenflüh bis zur Solothurner Kantonsgrenze in Recherswil für 25 Millionen Franken totalsaniert werden. «Und wo bleiben wir?», fragt Roger Siegenthaler, Präsident der Regionalplanungsgruppe Solothurn und Umgebung (Repla), der über 40 Gemeinden angeschlossen sind.

Er befürchtet, dass sich die Situation in unseren Dörfern mit einem sich abzeichnenden Nadelöhr zwischen Recherswil und Luterbach noch verschlimmern wird. «Diese 25 Millionen würden besser für eine Pannenstreifen-Umnutzung zwischen Kirchberg und Luterbach eingesetzt», fordert Siegenthaler.

«Bereits jetzt gibt es in der ganzen Region sehr viel Ausweichverkehr, sobald sich auf der A1 ein Stau bildet», ergänzt Stefan Berger, Gemeindepräsident von Aeschi. «Zwischen Kriegstetten und Luterbach passiert auf der A1 baulich gar nichts. Der Verkehrskollaps ist vorgezeichnet.

«Wir werden bereits jetzt erdrückt durch den Fluchtverkehr.» Roger Siegenthaler fährt mit dem Finger auf der Karte über die typischen Ausweichstrecken. Kirchberg–Bätterkinden–Lohn–Biberist. Kriegstetten–Subingen–Wangen an der Aare und im schlimmsten Fall weiter bis Boningen. Wiedlisbach–Flumenthal–Luterbach–Zuchwil. «Niemand spricht von flankierenden Massnahmen. Aber wenn die Bauarbeiten auf der Autobahn beginnen, wird auch auf diesen Fluchtstrecken regelmässig der Verkehr zusammenbrechen. Und das während eines ganzen Jahrzehnts», meint Siegenthaler. 

Rasch und unbürokratisch handeln

Mit seiner Interpellation an den Bundesrat möchte Nationalrat Fluri den Stein ins Rollen bringen, damit das Astra die Kapazitäten der A1 möglichst rasch und unbürokratisch mittels Pannenstreifen-Umnutzung (PUN) erhöht. «Das wäre eine schnelle und preiswerte Lösung, denn die meisten Brücken und Wildüberführungen wurden schon beim Bau der Bahn 2000 auf sechs Spuren vorbereitet», sagt Siegenthaler. «Wir sprechen von drei, vier Brücken, die noch angepasst werden müssten. Der Aufwand hielte sich also im vernünftigen Rahmen. Das Astra könnte das aus dem laufenden Budget finanzieren und sofort umsetzen.»

«Die Kosten für Sanierungs- und Unterhaltsarbeiten, die der Ausweichverkehr in der Region verursacht, tragen die Gemeinden und der Kanton», ergänzt Stefan Berger. «Diese Kosten fallen nur an, weil das Astra seinen Job nicht richtig macht.»

Wenig Begeisterung beim Astra

«Man kann nicht einfach mit dem weissen Farbchübeli die Fahrspuren neu zeichnen, die Sache ist viel komplizierter», bremst Thomas Rohrbach, der Kommunikationsbeauftragte des Bundesamts für Strassen Astra, die Hoffnungen auf eine PUN. «Damit ein Pannenstreifen befahrbar wird, muss baulich eingegriffen werden und die Breite durchgehend auf mindestens 3,5 Meter erhöht werden. Dies bedingt auch Arbeiten am Unterbau. Die Breite eines Pannenstreifens reicht meistens nicht, um mit 80 oder gar 100 km/h befahren zu werden.»

Und, so Rohrbach weiter: «Meistens sind Pannenstreifen 2,5 Meter breit, manchmal nur 2 Meter. Eine Normfahrspur ist 3,75 Meter breit. Dies bedeutet, dass PUN-Projekte meistens auch Landerwerbsverfahren brauchen und öffentlich aufgelegt werden müssen. Führt eine PUN über einen Abschnitt mit Anschlüssen oder gar Verzweigungen, werden die Anpassung noch umfangreicher. Zudem benötigt eine PUN-Strecke auch Nothaltebuchten und ein umfassendes Verkehrsleitsystem.»

Pilotprojekt ist erfolgreich

Das PUN-Pilotprojekt zwischen Morges und Ecublens (Bild/Kasten) ist ein Erfolgsmodell: Ist der Pannenstreifen freigegeben, gibts praktisch keine Staus mehr, und die Unfallzahlen sind um bis zu 80 Prozent zurückgegangen. Sogar die Belastung der Luft hat in unmittelbarer Autobahnnähe um rund 20 Prozent abgenommen, weil weniger gebremst und beschleunigt wird.

«Dieser Abschnitt ist ein Idealfall», erklärt Thomas Rohrbach. «Ein grosser Anteil des Pendlerverkehrs ist exakt zwischen diesen beiden Anschlüssen unterwegs.» Sehr viele Autos fahren also bei der Auffahrt auf die zusätzliche Spur und dort, wo die PUN aufhört, wieder ab der Autobahn. «Bei dieser PUN entfallen viele Spurwechselmanöver. Wir können diese Ergebnisse deshalb nicht einfach auf andere Strecken übertragen.

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