Fritz Mustermann, 47, ist in einer schwierigen Lebensphase. Vor drei Jahren ist seine Ehe zerbrochen, die Frau mit den Kindern in den Kanton Zürich gezügelt. Kurz darauf erlitt er einen Töffunfall, von dem er sich nur schwer erholte. Die Schmerzen versuchte er abwechslungsweise mit Schmerzmitteln und Alkohol zu betäuben.

Bald darauf verlor er seine Arbeitsstelle. Ersparnisse hat er keine mehr, und so landet er nun in Kürze bei der Sozialhilfe – sobald die Arbeitslosenunterstützung ausläuft. Was er an Energie noch hat, steckt er in den Widerstand gegen den abschlägigen Rentenbescheid der IV.

Jetzt steht Fritz Mustermann am Bahnhof Solothurn vor einer Tür beim Bahnhofsgebäude am Gleis 1 und zögert. Seine Personalberaterin beim RAV, der Regionalen Arbeitsvermittlungsstelle, hat für ihn einen Termin bei der Case-Management-Stelle vereinbart. «Wenigstens kennt mich hier keiner», denkt Mustermann und läutet.

Zusammenarbeit – und dennoch unabhängig

«Unser Standort, komplett anonym, ist ein Faktor für den Erfolg. Am Bahnhof kann schliesslich jeder sein. Viel wichtiger sind unsere enge Begleitung der Klienten und unsere Kenntnisse der Sozialversicherungen, ohne dass wir Teil dieser Systeme sind. So sind wir neutral», sagt Lorenzo Aliano.

Er hat die Case-Management-Stelle des Kantons Solothurn (CMS) vor zehn Jahren aufgrund seiner Erfahrung als RAV-Leiter und Ökonom aufgebaut und leitet sie bis heute. Das Ziel der Fachstelle: Die Eingliederung von Personen mit so genannten Mehrfachproblematiken in den regulären Arbeitsmarkt.

Die Probleme, die jeden Tag auf dem Tisch von Leiter Aliano und seiner sieben Mitarbeitenden – Sozialarbeiter, Sozialversicherungs- und Eingliederungsfachleute – liegen, sind gravierend: gescheiterte Existenzen zwischen Resignation, langwierigen Krankheiten und gelegentlich Suchtproblematiken. Denn auf die CMS kommt nur, wer nicht nur in einem sozialen Auffangnetz gelandet ist, sondern in zwei oder gar drei gleichzeitig. Die Arbeitslosenversicherung, die Invalidenversicherung und die Einwohnergemeinden (Sozialhilfe) finanzieren die Case-Management-Stelle gemeinsam.

Die Fachstelle ist schweizweit einmalig

Zum Standort in Solothurn ist eine Dépendance in Olten hinzugekommen, in einem grossen Bürogebäude ebenso anonym platziert. In Breitenbach ist die CMS bei Bedarf mit einem mobilen Büro präsent. Zum runden Geburtstag zieht Aliano eine erfreuliche Zwischenbilanz: «23 Prozent der Klienten haben den (Wieder-)Einstieg in den Arbeitsmarkt geschafft. Das ist eine beachtliche Zahl, und wenn man die abzieht, welche die Betreuung abbrechen, sieht es noch besser aus», ist Aliano überzeugt.

Dank der Case-Management-Stelle habe der Kanton gemäss seinen Hochrechnungen in den zehn Jahren 5 Mio. Franken eingespart. Brutto geht der CMS-Leiter aufgrund gängiger Sozialhilfeberechnungsfallpauschalen von 15 Mio. Franken Ersparnis aus, wobei die Fachstelle pro Jahr rund eine Million kostet. «In dieser Systematik, mit der breit abgestützten Trägerschaft, ist die CMS landesweit einmalig», sagt Aliano.

Dass die Sozialkosten auch im Kanton Solothurn trotzdem wachsen, begründet der Stellenleiter einerseits mit der Alterung der Gesellschaft und «andererseits mit dem Strukturwandel im Arbeitsmarkt, in dem immer mehr niederschwellige Arbeitsangebote wegfallen. Damit steigt die Zahl der Leute, die aus dem System fallen.»

Motivation als Schlüssel zum Erfolg

Zurück zum Modellkunden Fritz Mustermann. Nach zehn Sitzungen ein oder zweimal pro Woche, kann Aliano Mustermann davon überzeugen, dass dessen Leben noch lange nicht am Ende ist und das Fachwissen und die Fremdsprachenkenntnisse, mit denen Mustermann einst seine erfolgreiche Berufskarriere bestritt, intakt sind. Mustermann entschliesst sich, den Kampf gegen die IV aufzugeben und stattdessen seine psychischen Probleme mithilfe eines Psychiaters anzugehen.

Für den Neuanfang, das hat sich Mustermann zum Ziel gesetzt, will er auch den Kontakt zur Ex-Frau verbessern. «Motivation ist der Schlüssel zur positiven Veränderung. Wenn die Motivation stimmt, bekommen die Leute eine Menge Dinge in den Griff. Dazu kann zum Beispiel das äussere Erscheinungsbild gehören», weiss Aliano.

Elf Monate später: Mustermann hat sich auf eine 60 Prozent-Stelle beworben. Auf seine Bitte hin nimmt Aliano am Vorstellungsgespräch ebenfalls teil. «Wir begleiten unsere Klienten auch in der Probezeit eng. Die Arbeitgeber und die Klienten sind froh, dass sie uns als Ansprechpartner haben. Denn auf der Zielgeraden zu einer möglichen Festanstellung wäre es fahrlässig eine Entlassung zu riskieren – wegen Schwierigkeiten, die sich aller Wahrscheinlichkeit nach mit wenig Aufwand lösen lassen», erklärt der CMS-Leiter.

Mustermanns Chef in spe gefällt es, dass sich der Bewerber an einem Tiefpunkt seines Lebens wieder aufgerappelt hat und ehrlich zu seinen Schwierigkeiten steht. Mustermann bekommt die Stelle – mit der Aussicht auf ein höheres Pensum in ein oder zwei Jahren.