Post aus Berlin

Wenn es mit der Sprache harzt

Lucien Fluris Duden Schweizer-hochdeutsch.

Lucien Fluris Duden Schweizer-hochdeutsch.

«Det geht nich», raunzte meine Kollegin mit der gefürchteten Berliner Schnauze. «Unsere Leser wollen keine Schweizer Wörter.» Versehentlich hatte ich das Wort «Detailhändler» in die «Berliner Zeitung» geschmuggelt. «In Deutschland sagt man Einzelhändler.» Verstanden, Herr Fluri?

Ich bin Schweizer. Und wenn ich den Mund öffne, hört das jeder Deutsche. Nach ein paar Wochen Berlin bin ich bereits stolz, wenn Nord- und Ostdeutsche nicht mehr sicher sind, ob ich nun aus Bayern, dem Schwäbischen oder aus der Schweiz komme.

Reden ist das eine. Aber auch wenn ich schreibe, fällt dem einen oder anderen auf, dass meine Muttersprache zwar Deutsch, aber eben nicht piekfeines Hochdeutsch ist. Die kleinen Unterschiede verraten den Schweizer. Die ganz plumpen Fehler mache ich natürlich nicht. Ich sage und schreibe Fahrrad statt Velo. Ein Natel habe ich nicht mehr. Dass es den Abwart oder den Anken hier nicht gibt, ist mir seit geraumer Zeit klar. Aber es geht tiefer.

Es ist mir diese Woche wieder passiert. «Die Umsetzung harzt», habe ich in einem Text über die deutsche Asylpolitik geschrieben. Das sanftmütig-mitleidige Lächeln meines Kollegen verhinderte, dass der Lapsus gedruckt wurde. «Harzen» hat für meinen Kollegen nichts mit dem klebrigen, zähflüssigen Baumsekret zu tun. «Hartz IV» ist das deutsche Sozialprogramm, das Menschen ohne Job die Existenzsicherung garantiert. Wer «har(t)zt», der lebt, zumindest im umgangssprachlichen Wortschatz, vom Sozialstaat. Mein Kollege hat über meinen harzig-herzigen Fehler nur leise gelacht und nicht losgeprustet. Er konnte sich also zügeln. Aber niemals würde er zügeln. Nur umziehen. Und «betrieben werden» kann in Deutschland auch kein Mensch, sondern nur eine Maschine, ein Handwerk oder ein Laden. Sogar die Grammatik ist anders. «Schön, bist Du da», gibt es im Hochdeutschen nicht. Und kein Deutscher findets «gut, gibts die Schweizer Bauern». Nichts gegen die Bauern. Gut, DASS es sie gibt, findet auch der Deutsche.

Manchmal schimmert auch durch Redewendungen ein Funke Mentalitätsunterschied: Wenn ich im Restaurant sage «dürfte ich bitte …», verrät das schon die zögerliche Schweizer Haltung. «Ich kriege …» oder «Für mich gibts …» ist die direktere deutsche Variante.

Mein Bekannter, ein Schweizer, der seit Jahren hier lebt, wollte zu Hause in Zürich Zigarren kaufen. Aber er sprach wohl, an das Berliner Tempo gewöhnt, zu schnell, ist er überzeugt. «Und vor allem die Melodie ist anders», sagt er. Und so sei er gar nicht mehr verstanden worden. «Ich fühlte mich wie besoffen.»

Verständigung geht über das geschriebene oder gesprochene Wort hinaus. Der Deutsche reagiert schon mal schneller, wenn er von der Verkäuferin etwas gefragt wird. Schweizer brauchen etwas länger, bis sie alles nochmals überlegt haben und antworten. Der Verkäufer in der Touristenstadt Berlin hat die Frage meist schon in Englisch wiederholt, bevor ich auf Deutsch endlich meine Antwort parat habe. Und es gibt Orte, da wird trotz deutscher Antwort einfach auf Englisch weitergeredet. So im Café, in dem ich morgens oft Zeitung lese.

Ist mein Hochdeutsch echt so sch …?, habe ich mich zuerst gefragt. Bis ich bald einmal gemerkt habe, dass einige Verkäuferinnen aus Osteuropa nur englisch sprechen. Aber ob deutsch oder nicht, ob gebrochen oder mit Akzent: Schön, verstehen wir uns trotz alledem.

Unser Redaktionskollege Lucien Fluri
arbeitet während dreier Monate bei der «Berliner Zeitung». Er berichtet hier
regelmässig von seinen Eindrücken.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1