Kh-Attacke auf dem Weissenstein
Wenn eine Kuhmutter auf einmal rot sieht

Auf dem Weissenstein wurde eine Wanderin von einer Kuhmutter schwer verletzt. Heinz Feldmann und Cornelia Fürst von der Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft haben sich vor Ort ein Bild gemacht. Fazit: Weder dem Bauern noch dem Opfer kann Fahrlässigkeit vorgeworfen werden - in diesem Fall.

Marco Zwahlen
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Landwirtschafts-Sicherheitsfachmann Heinz Feldmann steht zwischen Kalb und Kuh-Mutter.

Landwirtschafts-Sicherheitsfachmann Heinz Feldmann steht zwischen Kalb und Kuh-Mutter.

Cornelia Fürst/bul

Mittwoch, 4. Juli, um 14.30 Uhr: Beim «Röti»-Kreuz auf dem Weissenstein rennt eine Kuhherde auf Anna J.* und ihre zwei Enkelkinder Gabriel (2) und Nora (13) zu. An der Leine hat die Wanderin den Sheltie-Hund ihrer Enkelin. Eine Mutterkuh bleibt nicht stehen – sie rammt die Frau. Diese fällt zu Boden, wo die Kuh auf ihr rumtrampelt. Als sie von ihrem Opfer ablässt, liegt die 69-Jährige mit einem mehrfachen Beckenbruch und einer tiefen Wunde im Arm in der Weide.

Trotzdem kann sie mit ihrem Handy den Notruf alarmieren. Kurze Zeit später wird die Rentnerin mit der Rega ins Inselspital Bern geflogen. «Wir standen zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort», sagt Anna J. zwei Wochen nach dem Unfall. Mittlerweile ist sie wieder zu Hause. «Mal gehts mir besser, mal etwas schlechter, aber den Umständen entsprechend gut. Nun übe ich mich in Geduld.» Bis mindestens Mitte August wird sie immobil sein. Und wie haben die Enkel den Unfall verdaut? «Gabriel spricht vom Rega-Helikopter», lacht Anna J. Dann wird sie nachdenklich: «Ich bin einfach nur froh, dass den Kindern nichts passiert ist.» Wandern gehen möchte sie auf jeden Fall wieder.

Beim Hund reagierten die Kühe

Vorwürfe macht Anna J. niemandem. Unbeteiligte aber nehmen mit teilweise verletzenden und unsachlichen Schuldzuweisungen den betroffenen Landwirt «auf die Hörner». Er sagt deshalb nur: «Wir leiden unter dem Vorfall.» Die Kühe dieser Herde sind zur Sömmerung bei ihm. Er hat sofort die Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft (BUL) zurate gezogen. Einen Tag nach dem Unfall war Sicherheitsfachmann Heinz Feldmann vor Ort und untersuchte das Verhalten der gut 50 Mutterkühe, indem er selbst durch die Herde lief. «Doch selbst als ich mich mehrmals zwischen ein Kalb und eine Mutterkuh stellte, die Kühe anbrüllte und wie wild um mich fuchtelte, wurde ich nicht angegriffen.»

Heinz Feldmann Landwirtschafts-Sicherheitsfachmann

Heinz Feldmann Landwirtschafts-Sicherheitsfachmann

Ganz anders bei einem weiteren Test in der Herde zwei Tage später – diesmal mit einem Hund: «Hier reagierten die Kühe.» Nach Gesprächen mit der Betroffenen kommt Feldmann zum Schluss: «Anna J. hat auch alles richtig gemacht.» Das BUL empfiehlt Wanderern, zu Rindvieh Distanz zu halten und die Herden grossräumig zu umgehen. In keinem Fall sollten Kälber berührt werden. Feldmann berichtet diesbezüglich unglaubliche Müsterchen. So wollte ein Vater für ein Foto seine Kinder auf eine liegende Mutterkuh setzen, neben ihr das Kalb. «Eine Weide ist kein Freilicht-Streichelzoo», sagt Feldmann.

«Kühe sind nicht vergesslich»

Weiter empfiehlt das BUl, Hunde an der Leine zu führen und bei einer Attacke im Notfall loszulassen, «damit die Kuh allenfalls ihren Fokus auf den Hund richtet», erklärt Feldmann. Übrigens: Die Grösse des Hundes spielt keine Rolle. Im Fall von Anna J. liess sich die Kuh aber auch nicht ablenken, als sich der Sheltie losgerissen hatte. «Ein schwieriger Fall», sagt Feldmann. Da kein Fehlverhalten vorliegt, vermutet er nun, dass die Herde Tage vorher gestört worden sein muss. Wahrscheinlich durch einen Hund, denn: «Kühe sind nicht vergesslich. Mutterkühe schützen ihre Kälber.» So komme es nicht selten vor, dass sie nach einem Zwischenfall bei der nächsten «Bedrohung» sofort auf Angriff schalten würden.

Beratung für Bauern

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft (BUL) bildet zusammen mit agriss ein Kompetenzzentrum für die Prävention in der Landwirtschaft und in den verwandten Branchen. Erfahrungen von Betriebsbesuchen und Kontrollen fliessen direkt in die Beratung mit ein. Durch Unfallabklärungen wird sichergestellt, dass das Wissen aktuell bleibt und neue Arbeitsverfahren durchleuchtet werden. Die BUL ist eine private Stiftung mit verschiedenen Trägern - unter anderem dem Schweizerischen Bauernverband. (mz)

Kontakt: E-Mail bul@bul.ch oder Telefon 062 739 50 40.

Nebst schlechten Erfahrungen mit Menschen oder Hunden kann auch eine Veränderung in der Zusammensetzung oder im Tagesablauf der Herde deren Verhalten beeinflussen. Beim betreffenden Landwirt handle es sich um einen sehr gewissenhaften Tierhalter, weiss Feldmann. Die Weide hatte er aber nicht abgezäunt, was auch nicht Vorschrift ist. Aber: Per Gesetz haftet der Besitzer oder Halter für Schäden, welche seine Tiere verursachen. Im vorliegenden Fall kommt die Haftpflichtversicherung zum Zuge. Die Schuldfrage selbst spielt dann bei einem zivilrechtlichen Verfahren eine Rolle, falls es dazu kommt.

An den Rand verlegt

Mittlerweile ist der Wanderweg auf die Röti an den Rand der Weide verlegt und ausgezäunt – dies auf einer Länge von gut 1500 Metern. «Auch die Bänke und Brätelstellen sind verlegt», so Feldmann. Er hofft, dass die Wanderer das auch so akzeptieren. Neue Schilder informieren zudem über das korrekte Verhalten. Noch ungelöst ist der im Spätsommer anstehende Wechsel der Herde auf die Balmbergweide. Auf dieser kreuzen sich gleich mehrere Wanderwege, die sich aus topografischen Gründen nicht einfach so verlegen lassen. «Gemäss Gesetz über Fuss- und Wanderwege muss immer ein gleichwertiger Ersatz her. Das heisst, wenn ein Wanderweg mit Kinderwagen befahrbar ist, dann muss das auch auf dem Ersatzweg möglich sein», so Feldmann.

Eine Weide wiederum müsse eine Wasserstelle und einen Schattenplatz haben. Hinzu kommt, dass es schwierig sei, das Weidenmanagement umzustellen – erst recht während der Saison. Zur Diskussion steht nun, die Kühe ihren Besitzern früher zurückzugeben. «Persönlich lehne ich das ab, da der betroffene Bauer weniger Sömmerungsbeiträge bekäme.» Feldmann will nun versuchen, mit den Verantwortlichen der Solothurner Wanderwege und den Behörden eine für alle verträgliche Lösung zu finden.

Auch Wanderer sind in der Verantwortung

Da der Jura ein typisches Sömmerungsgebiet, aber auch ein Wanderparadies ist, hat die BUL nach dem Unfall auf dem Weissenstein rund 1000 Mutterkuhhalter in den Kantonen Solothurn, Aargau, Jura, Basel-Stadt und Baselland angeschrieben. Sie wurden auf die Problematik aufmerksam gemacht. Feldmann nimmt aber auch die Wanderer in die Verantwortung. Nur wenige seien sich bewusst, dass die in der Regel durch die landwirtschaftliche Bewirtschaftung historisch entstandenen Wanderwege auf Weiden durch Privateigentum führen. «Das Gesetz gibt Wanderern zwar das Recht, Weiden und Wiesen zu queren. Da es sich aber um ein Gastrecht handelt, sollen sich die Gäste auch entsprechend benehmen.»

Feldmann würde es zudem begrüssen, wenn während der Sömmerungszeit auf Wanderwegen durch Weiden mit Nutztieren Leinenzwang für Hunde gelten würde. Dies wäre vergleichbar mit dem temporären Leinenzwang in Wäldern zur Schonzeit der Rehe und ihrer Kitze. «Hundehalter sind zwar oft felsenfest davon überzeugt, dass sie ihre Hunde im Griff haben.» Nur: «Würden dieselben Leute das auch unterschreiben, wenn jemand sagen würde, seine Kinder immer im Griff zu haben?»