Fraubrunnen

Wenn die zivilisierte Fassade fällt: Schlosskeller-Theater überzeugt mit «Der Gott des Gemetzels»

Bekriegen sich (v. l.): Alain (Hans Peter Blaser), Michel (Simon Heiniger), Annette (Rebekka Rohrbach) und Veronique (Sandra Wertli).

Bekriegen sich (v. l.): Alain (Hans Peter Blaser), Michel (Simon Heiniger), Annette (Rebekka Rohrbach) und Veronique (Sandra Wertli).

Das Schlosskeller-Theater Fraubrunnen tritt mit Yasmina Rezas Erfolgsstück «Der Gott des Gemetzels» auf. Die Aufführung kommt gut an beim Publikum.

Darin sind sich die beiden Ehepaare Reille und Houillé anfänglich einig: dass die Schulhof-Prügelei ihrer beiden elfjährigen Söhne Bruno und Ferdinand friedlich und einvernehmlich aus der Welt geschafft werden soll. «Es macht doch keinen Sinn, die Sache emotional anzugehen», betonen sie die übereinstimmende «Hoffnung, dass alles gut wird».

Doch für die bei Bruno abgebrochenen Schneidezähne erwartet Mutter Veronique (Sandra Wertli) eben doch eine Entschuldigung. Bei ihr handelt es sich um eine sozialkritisch denkende Schriftstellerin, die gerade über Darfur schreibt und ein Hemd im «african-print» trägt. Ihr brav gekleideter Mann Michel (Simon Heiniger) arbeitet als Grosshändler für Haushaltsartikel und wirkt dem äusseren Auftreten nach überlegt und ausgleichend. Gar nicht so zu ihm passen will die herzlose Entsorgung des Hamsters seiner Kinder, den er aus Ekel einfach auf die Strasse gesetzt hat.

Zum Klärungsgespräch sind der eloquente, von sich selbstüberzeugte Anwalt Alain (Hans Peter Blaser) und seine zunehmend frustrierte, aber erfolgreiche Frau, die Immobilienberaterin Annette (Rebekka Rohrbach) gekommen, die Prügelei und den Zahnverlust gar nicht so tragisch zu nehmen.

Unterschwellige Aggression entlädt sich

Unterschwellig aber wächst die Aggression aller vier Beteiligten gegeneinander, die noch durch Alains ständig störende Telefonate angeheizt wird. Hektisch versucht er den Skandal einer Pharmafirma, für die er als Berater tätig ist, unter den Teppich zu kehren. Aber sehr bald eröffnet sich in den Diskussionen um Kindererziehung und Beziehung eine weitergehende, hässlich-verbale Kampfebene. Annette wird es schlecht. Sie erbricht den angebotenen Kuchen auf wertvolle, schön präsentierte Bücher.

Das wiederum führt zu einem hysterischen Ausbruch bei Veronique, was eine tiefgehende Ehekrise offenbart, die in Handgreiflichkeiten gipfelt. Der reichlich konsumierte Rum lockert zudem die Zungen, bis Alain fast genüsslich betont: «Ich glaube an einen Gott des Gemetzels». Das immer weiter auflodernde Chaos verwischt schliesslich alle gesellschaftlich-antrainierten Konventionen. In gegenseitigen Beschimpfungen offenbart sich, was innerhalb kurzer Zeit aus zivilisierten Menschen werden kann, wenn sie alle Hemmungen fallen lassen und ihr wahres Gesicht zeigen. In der empfundenen Machtlosigkeit zerfetzt Annette schliesslich einen Blumenstrauss – ein letzter, verzweifelter Akt auf der Bühne.

Roman Polansk Verfilmung als Vorbild

Die gleichnamige Roman-Polanski-Verfilmung dieses Theaterstücks, welches die Französin Yasmina Reza als Welterfolg geschrieben hat, ist für den freischaffenden Regisseur Rolf Schoch (Belp) die Grundlage für seine inzwischen siebte Inszenierung im schon 42 Jahre bestehenden Schlosskeller-Theater Fraubrunnen. Die Mundartfassung schrieb Marlise Oberli-Schoch.

Da er das sehr professionell arbeitende Laientheater-Team schon lange kenne, sei die Rollenbesetzung für ihn von Anfang an klar gewesen, sagt Schoch. Alle vier Personen erfassen die Charaktere ihrer Bühnenfiguren auf brillante, zugleich aber erschütternde Weise.

Bis 28. März; online: schlosskellerfraubrunnen.ch; telefonisch: Piccolino 031 767 90 00.

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