Sie, die Schönste aller Frauen. Sie, die Hure. Sie, die «Massenvernichtungswaffe»: Die schöne Helena ist in die Jahre gekommen und wendet sich aus der Vorhölle zur Ewigkeit, in die ihr Vater Zeus sie geschickt hat, an das Theaterpublikum. Das Publikum soll über sie urteilen, ihr «Schlampentribunal» sein – aber erst, wenn sie ihr Leben mit eigenen Worten geschildert hat.

Das Stück «Helena – Plädoyer für eine Schlampe» des Spaniers Miguel del Arco, 2011 uraufgeführt, ist ein erbarmungsloses Stück, ein ergreifender Monolog.

Helenas Sehnsucht

Heidi Maria Glössner («Die Herbstzeitlosen») spielt die Halbgöttin Helena in ihrer Sehnsucht nach dem von Zeus verweigerten Tod, nach Stille eindringlich, berührend; Helena in ihrer Verbitterung, in ihrer Auflehnung erschreckend und verstörend.

Und sie spielt so intensiv, dass auf ihre zornige Frage, wer denn eigentlich die Mythen und Geschichten geschrieben habe (Männer natürlich), ein Seufzen durch das Publikum ging: «Ja, das ist wahr!» Und wenn die Glössner – mit dem Rücken zum Publikum, umgeben von Zerrspiegeln – aufzählt, wen sie alles angefleht hat, ihr den geliebten Paris zurückzugeben, dann ist sie die ganz grosse Tragödin, die wie im klassischen griechischen Theater die Zuschauer zu Tränen rührt.

Ihr Leben dem Publikum erzählen – das kann Helena nur, wenn sie zwischendurch zur Flasche mit dem ägyptischen Trunk greift, der sie empfindungslos macht.

Begehrt, verfolgt, vergewaltigt

Was ist Schönheit? «Wenn nur der schön ist, der geliebt wird, dann war ich nie schön», zieht sie Bilanz. Sie wurde begehrt, verfolgt, vergewaltigt. Mit neun Jahren zum Sexspielzeug des Theseus gemacht, lebte sie dann mit dem ungeliebten Menelaos auf Sparta. Dann begegnet sie ihrem Märchenprinzen, Prinz Paris von Troia, in den sie sich verliebt und ihm folgt. Durch ihn fühlt sie sich lebendig. «Doch Freiheit und Glück sind flüchtige Begleiter, die am Leben oder am Tod zerschellen.» Auf Troia wird sie nicht gerade herzlich empfangen. Schubladendenken: Auf Sparta war sie die überirdische Schönheit, auf Troia ist sie die Schlampe, die ihren Mann verlassen hat. Und als der blutige Krieg um Troia beginnt, ist sie an diesem schuld.

Agamemnon lässt mit seinen Mitstreitern über 1 000 Schiffe Kurs auf das reiche Troia nehmen. «Dafür soll ich wirklich der Grund gewesen sein?», fragt Helena das Publikum. Nein, den Männern ging es um Gier nach Ruhm: «Ehre nannten sie es, doch Habgier war es.» Die zehnjährige Belagerung ist schrecklich; Paris will nichts mehr mit ihr zu tun haben. Er stirbt an den Folgen des Zweikampfs mit Menelaos. Dieser zerrt Helena an den Haaren durch Troia: Sie soll das Elend sehen, das sie angerichtet hat.

«Meine einzige Schuld: Liebe»

Und sie resümiert: «Was ich getan habe, habe ich aus Liebe getan. Das ist meine einzige Schuld.» Helena hat sich frei geredet. Jetzt ist es ihr egal, wie das Publikum sein Urteil über sie fällt. Man solle mit Schuldzuweisungen und Kriegen nur so weitermachen wie bisher, «bis ihr alle krepiert». Denn: «Meine Chance vergessen zu werden, ist eure Auslöschung.»

Das Premierenpublikum am Dienstag im Stadttheater würdigte die grossartige Leistung von Heidi Maria Glössner, sowie die Inszenierung von Patricia Berchtold mit standing ovations.

Weitere Aufführungen: 28.1.16, 19:30 Uhr, 6.2.16, 19:00 Uhr, Dauer: 70 Minuten, Stadttheater Solothurn.