«Wir werden heute Abend aufzeigen, welche verschiedenen Gesichter häusliche Gewalt hat. Eine Betroffene sowie Fachpersonen werden von ihren Erfahrungen berichten.» Mit diesen Worten begrüsste Kathrin Wandeler von der Fachstelle Häusliche Gewalt der Kantonspolizei die zahlreich Anwesenden im Rötisaal der Solothurner Jugendherberge. Dann startete Moderatorin Andrea Affolter die Podiumsdiskussion mit einem Ausschnitt aus dem Buch «Teufelskreis – mein bitteres Leben mit dem Zuckerbäcker», das die Geschichte der anwesenden Louise Hill erzählt. Im vorgelesenen Kapitel wurde geschildert, wie Louise Hill von ihrem Ehemann über lange Zeit beleidigt, geschlagen und gedemütigt wird und in Folge ein erstes Mal ins Frauenhaus flüchtet.

Warum stehen missbrauchte Frauen zu ihren Männern?

Warum stehen missbrauchte Frauen zu ihren Männern?

Doch angefangen habe die für sie zur Hölle gewordene Ehe mit einer glücklichen Verliebtheit, erzählte Hill dem gebannt zuhörenden Publikum. «Mein Mann war charmant und verwöhnte mich am Anfang sehr. Doch zunehmend fielen Sätze wie ‹Du gehörst nur mir und brauchst niemanden sonst›». Hills Gatte gewann immer mehr Macht über sie, seine Gewalt nahm zu. Hill, gebürtige Britin, folgte ihrem Mann in die Schweiz und hatte keine weiteren Bezugspersonen, war vollkommen isoliert.

Zerstörtes Selbstwertgefühl

«Isolation ist typisch bei Opfern, die Mühe haben, aus einer Gewaltsituation auszusteigen», sagte Barbara Leuenberger von der Beratungsstelle Opferhilfe Aargau Solothurn. Entscheidend seien die Ressourcen und Schutzfaktoren, die eine Frau habe, fügte Jael Bueno an. Sie vertrat das Frauenhaus Aargau Solothurn und brachte ihre Erfahrungen in die Diskussion ein: «Die Klientinnen glauben oft nicht mehr an sich selber. Ihr Selbstwertgefühl ist durch die ständigen Erniedrigungen des Mannes zerstört worden und muss im Frauenhaus in einem langen Prozess wieder aufgebaut werden.» Auch Hill beschreibt die psychische Gewalt als kaum aushaltbar. Manchmal habe sie auf ihrem Kopfkissen Notizzettel mit Demütigungen ihres Mannes vorgefunden. Sie habe dann begonnen, die Schuld bei sich zu suchen. Bueno kennt diese Problematik: «Die Frauen glauben, der Mann habe sie geschlagen, weil sie etwas falsch gemacht haben. Doch nichts rechtfertigt Gewalt.»

«Die Männer machen ihre Frauen verantwortlich für die Gewalt, die sie ausüben. Sie suchen Ausreden», bestätigt auch Martin Schmid von der Bewährungshilfe des Kantons Solothurn, der in der Diskussion die Sicht der Täter darlegte. «Erst wenn ein Mann sich zu seiner Schuld und Verantwortung bekennt, kann er sein Verhalten auch ändern.» In der Beratung sei es seine Aufgabe, diesen Prozess voranzutreiben. Schmid sagte, es gäbe gewalttätige Männer in allen Gesellschafts- und Kulturschichten. Auch Bueno betonte: «Es gibt keine typischen Opfer, keine bestimmte Sorte Frauen, die häusliche Gewalt erleiden.»

Endloser Gewaltkreislauf

«Welche Faktoren führen dann neben der Isolation dazu, dass Frauen in diese Gewaltspirale hineingeraten?», fragte Moderatorin Affolter in die Runde. Louise Hill kannte Gewalt bereits von ihrem Vater, und so war sie für sie schon ein Stück weit normal. Ausserdem habe sie ein unsicheres Selbstbild gehabt. «Eine Frau, die mit beiden Beinen auf dem Boden steht, kann sich vielleicht besser wehren», meinte Hill. Für die Frauen sei es noch schwieriger, sich von ihrem Mann zu lösen, wenn sie nicht nur emotional, sondern auch finanziell von ihm abhängig seien, erklärte Bueno. Dies komme häufig vor – auch Hill hatte trotz Mitarbeit in der Zuckerbäckerei ihres Mannes kein eigenes Bankkonto.

«Wir rücken oft mehrmals zur gleichen Familie aus, ohne dass es langfristig eine Änderung gibt», berichtet Kathrin Wandeler von ihren Polizeieinsätzen. Denn die Frauen würden oft zu ihren Männern zurückgehen. «Häufig bedauern Männer ihre Schläge später, entschuldigen sich und geloben, dass alles besser werde», erklärte Schmid. Auch Hill klammerte sich lange an diese Hoffnung. So kehre sie aus dem Frauenhaus zu ihrem Mann zurück. Erst ein Jahr später verliess sie ihn mit den drei gemeinsamen Kindern endgültig. In Folge darauf brachte sich der Mann, bei dem mehrere psychische Erkrankungen diagnostiziert wurden, um – und Hill war endlich «befreit».

Kinder als Leidtragende

Im letzten Teil der Diskussion widmeten sich die Teilnehmenden den unfreiwilligen und wehrlosen Zeugen der Gewaltausbrüche: den Kindern. «Kinder sind immer mitbetroffen und leiden unter der angespannten Stimmung», so Leuenberger. Auch Hills Kinder wurden vom Vater geschlagen. Heute gehe es allen drei den Umständen entsprechend wieder gut, sagte Hill. Ihr Buch soll anderen Frauen Mut machen, sich von gewalttätigen Männern zu trennen – gerade wegen der Kinder. «Sie sollen nicht unter diesen Bedingungen aufwachsen.» Abschliessend fasste Bueno zusammen: «Wenn wir die Gewalt in unserer Gesellschaft stoppen wollen, müssen wir den Kindern beibringen, wie man Konflikte anders lösen und diese Verhaltensmuster durchbrechen kann.»