Hubersdorf

Wenn die letzte Beiz im Ort schliesst: Hubersdorf verliert sein gesellschaftliches Zentrum

Sie haben das Dorfleben mitgeprägt: Alleine im Februar hatten Erika und Andreas Zuber elf Generalversammlungen im Säli der «Freundschaft». Deren Ende geht auch ihnen nahe, aber sie haben sich «hart bleiben» in die Agenda geschrieben, als in den letzten Wochen noch zahlreiche Anfragen kamen. Hansjörg Sahli

Sie haben das Dorfleben mitgeprägt: Alleine im Februar hatten Erika und Andreas Zuber elf Generalversammlungen im Säli der «Freundschaft». Deren Ende geht auch ihnen nahe, aber sie haben sich «hart bleiben» in die Agenda geschrieben, als in den letzten Wochen noch zahlreiche Anfragen kamen. Hansjörg Sahli

Seit Freitagabend ist die «Freundschaft» in Hubersdorf für immer geschlossen. Das Restaurant war mehr als eine Landbeiz. Es war der letzte Treffpunkt in einem Dorf, in dem Post und Laden längst weg sind. Ein beispielhafter Einblick in ein Dorf, das sich wandelt.

«Der Teufel war los. Alle wollten nochmals vorbeikommen», sagt Erika Zuber und atmet durch. «Wir sind etwas müde.» Mit ihrem Mann Andreas sitzt sie am Stammtisch in der holzgetäferten Gaststube des Restaurants, das die beiden seit 1981 führen. Doch damit ist nun Schluss. Nach 38 Jahren schliesst das Ehepaar seine Wirtschaft.

Seit 1880 in Familienbesitz

«Hopperste», wie das Dorf hier alle nennen, ohne «Freundschaft»? Unvorstellbar scheint dies. Fast 140 Jahre lang, seit 1880, war das Gasthaus im Besitz der Familie. «Wir sind die vierte Generation», sagt Andreas Zuber, den im Dorf alle nur «Aebi» nennen.

Diese Geschichte handelt denn auch nicht nur vom Ende eines Restaurants, es ist auch eine Geschichte über einen Einschnitt im Dorfleben. In der «Freundschaft» trafen sich abends der Turnverein, der Kirchenchor, die Männerriege oder die Musik-Gesellschaft. Am Stammtisch wurde politisiert, gelacht, getrunken, geschäkert, getratscht. Im Säli hat das Dorf nach Beerdigungen Abschied genommen, Geburtstage oder Taufen gefeiert.

«Du erlebst viel, Trauriges und Schönes. In einer Beiz bist du Ansprechpartner und Zuhörer», sagt Erika Zuber. Sie erinnert sich an Zeiten, als zwei Stuhlreihen um den Stammtisch standen. Dann kamen die Senkung der Promillegrenze und das Handy. Heute gebe es nicht unbedingt weniger Stammgäste, «aber sie verteilen sich. Es kommen nicht mehr alle zur gleichen Zeit nach Feierabend.»

Der Turnverein: Eine Bastion des Dorflebens

Dass die «Freundschaft» das Zentrum des Dorflebens war, hängt nicht zuletzt mit dem Turnverein zusammen, der mit seinen rund 100 Aktivmitgliedern und 40 Jügelern im 750-Seelen-Dorf ebenfalls eine Bastion des Dorflebens ist. Seit 1902 ist das Restaurant Stammlokal des Vereins, der Fahnenkasten steht im Säli, die Vereinspokale ebenso, alle Generalversammlungen fanden hier statt.

Andreas und Erika Zuber lebten auch dank des Vereins. Sie lebten aber vor allem auch für den Verein: 40 Jahre lang war Zuber Fähnrich, kochte in den Trainingslagern. Es gab kein Waldfest, keine Abendunterhaltung, an denen das Wirtepaar nicht tatkräftig mitgeholfen hätte, ohne irgendwelche Stunden zu zählen. «Die Unterstützung war extrem. Das bekommen wir nirgends mehr», erzählt Martin Hafen.

Der 38-Jährige ist Präsident des Turnvereins und sagt: «Die ‹Freundschaft› gehört zum Verein.» Es gibt wohl kein Mitglied, das sich nicht erinnern kann, wie es nach einer Abendunterhaltung morgens um 5 Uhr noch Rösti gab oder wie es, noch in der Jugi, nach einem erfolgreichen Turnfest in der «Freundschaft» als Belohnung Pommes serviert erhielt. Letztere blieben oft länger als das Turnfest in Erinnerung. «Wir müssen schauen, wo wir eine neue Heimat finden», sagt Hafen.

«Ein Teil des Gesellschaftslebens geht verloren»

Klar ist: Der neue Treffpunkt wird ausserhalb sein, wie «Hopperster» auch sonst oft auswärts gehen müssen: Der letzte Laden schloss 1998, die Post zog 2001 weg, das Restaurant Drei Tannen machte 2012 dicht. «Früher war die Fasnacht top», erinnert sich Erika Zuber am runden Tisch. Es gab Musik im Säli. «Heute gehen viele Solothurn zu.» Die Dorffasnacht lebt nicht mehr.

Was macht eine Gemeinde, wenn alles ruhiger wird, wenn es neben der Schule keine Institutionen mehr gibt, wo man sich trifft? «Wir bedauern diesen Verlust sehr», sagt Gregor Schneiter. Für den Gemeindepräsidenten geht ein Teil des «aktiven kulturellen Gesellschaftslebens» verloren. Der Gemeinderat hätte deshalb auch Hand geboten, in einer Arbeitsgruppe mit Gastro-Experten eine Lösung zu suchen, «um den gesellschaftlichen Mittelpunkt» zu erhalten. Doch letztlich sind auch einer Gemeinde die Hände gebunden.

Überleben mit harter Arbeit und Dauerpräsenz

Lange, über das Pensionsalter hinaus, haben sich deshalb auch Erika (68) und Andreas (67) Zuber über das Ende des Restaurants Gedanken gemacht. «Es geht etwas verloren. Das geht an uns nicht vorbei», sagt Andreas Zuber, der mit sieben Geschwistern im Haus aufgewachsen ist und schon als kleines Kind den Plattenspieler in der Gaststube bedient hat. Der Mann, der sonst immer einen lustigen Spruch auf den Lippen hat, wirkt nun etwas wehmütig. «Es tut schon ein wenig weh, wenn man an die Jahre zurückdenkt», sagt er. «Das geht jedem so, der pensioniert wird», bremst seine Frau mit ihrer entschiedenen Stimme allfällig aufkommende Emotionen. «Hart bleiben», haben sie sich in die Agenda geschrieben, als in den vergangenen Wochen noch ganz viele Anfragen kamen.

«Wir wollen noch etwas vom Leben geniessen», sagt Erika Zuber. 38 Jahre lang standen sie von morgens um 8 bis zum Feierabend nach 23 Uhr im Restaurant. Mehr als zwei Wochen Ferien pro Jahr gab es nicht mehr, seit Erika Zuber 1981 nach dem Tod der Schwiegermutter das Wirtepatent machte und «Aebi», der gelernte Forstwart, in die Küche wechselte. Wenn die beiden abends schliessen konnten, dann war es meist zu spät, um noch an Geburtstagen oder Festen von Freunden und Verwandten vorbeizugehen.

Reihum haben Restaurants geschlossen. Zubers trotzten dem Beizensterben und wollen nicht klagen. «Wir haben gespürt, dass es weniger Restaurants gibt.» Mittags oder zum Znüni kamen Handwerker, Entrecôtes auf dem heissen Stein sorgten abends für Umsatz. «Es geht aber nur zu zweit», erklärt Erika Zuber. Mit mehr als einer angestellten Serviertochter könne eine Dorfbeiz kaum überleben Und so mussten die Wirtsleute ständig präsent sein, während gleichzeitig die Ansprüche der Gäste stiegen. «Sie möchten auch nachmittags um drei Uhr ein Rahmschnitzel bestellen können. Das geht nicht. Dafür sind wir zu klein», so Zuber. Und in der Notwendigkeit, zu zweit zu sein, liegt auch ein Grund für die Aufgabe des Betriebes. Denn mit Tochter Christine, die in den letzten Jahren das Haus mitführte, wäre die fünfte Generation in den Startlöchern gewesen. Ihr Partner aber hat einen anderen Job. Vermieten oder verkaufen wollten Zubers das Restaurant auch nicht, schliesslich wollen sie im Dorf bleiben. Und so wird anstelle der Gaststube unten nun eine Wohnung eingebaut.

Die ganze Woche über haben Zubers mit Gästen, Vereinen, Nachbarn, Freunden und Verwandten Abschied von ihrer «Freundschaft» genommen – für fast immer: Wenn der Turnverein dieses Jahr vom Eidgenössischen Turnfest zurückkommt, werden noch ein letztes Mal Pommes frites serviert.

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