Auf einen Kaffee mit…

Wenn die Jahreszeit aufs Gemüt schlägt

Schaut täglich in menschliche Abgründe und hat dabei das Lachen nicht verloren: Adrian Fröhlich.

Schaut täglich in menschliche Abgründe und hat dabei das Lachen nicht verloren: Adrian Fröhlich.

Nebel, Dunkelheit und Festtage bringen einige ganz gehörig aus dem Tritt. Einer, der sich mit Misstritten bestens auskennt, ist der Psychiater Adrian Fröhlich.

«Und hier eine dringende Verkehrsmeldung: Die SBB-Strecke zwischen Lyss und Bern ist infolge eines Personenunfalls bis 18 Uhr gesperrt. Es muss mit erheblichen Verspätungen gerechnet werden.» Kollege Marco meint dazu jeweils lakonisch: «Da hat wieder einer die Abkürzung genommen.» Solche Radiodurchsagen waren in den vergangenen Tagen gleich mehrmals zu hören. Sie wühlen auf, regen zum Nachdenken an. Zumindest für einen Augenblick.

Das aktuelle Winterhalbjahr ist noch jung. Die Tage werden vorläufig nur kürzer, trüber und kälter. Von den richtig üblen Nebeldecken wurden wir bis jetzt erst vereinzelt im grauen(haften) Gefängnis Mittelland eingeschlossen. Doch wer weiss, was uns bis zum Spriessen der Krokusse noch bevorsteht. Da kann von Glück reden, wer über eine stabile Gemütslage verfügt. Alle können das nicht von sich behaupten. Nebel, Dunkelheit, Festtage bringen einige ganz gehörig aus dem Tritt. Einer, der sich mit Misstritten bestens auskennt, ist der Psychiater Adrian Fröhlich.

Ein Besuch in Grenchen. Der gross gewachsene 60-jährige Facharzt empfängt uns in einem weiten, wohnlichen Raum mit zwei Sofas. Er beansprucht für sich den Einzelsessel, neben einem stattlichen Bürotisch. Fröhlich pariert die Frage nach der Echtheit seines Namens mit einem spontanen Lachen. Ja, er heisse tatsächlich so, das sei kein Werbegag. Dann überlegt er kurz und fügt schmunzelnd an, dass der Name durchaus schon ein Thema gewesen sei. Es gebe offenbar traurige Patienten, die beim Suchen eines Psychiaters im Telefonbuch auf «Fröhlich» positiv reagierten. Und der Mann entpuppt sich während des Gesprächs tatsächlich auch als fröhliches und vor allem offenes Gegenüber. Für Wunder ist er allerdings nicht zuständig.

Die Patienten von Adrian Fröhlich sind zwischen 18 und 80 Jahre alt. Wer jünger oder älter ist, hat eigene Spezialisten. Fröhlich begegnet in der Praxis Menschen aus allen Gesellschaftsschichten. Darunter hat es solche, die aus eigenem Antrieb kommen. Andere nehmen seine Dienste weniger freiwillig in Anspruch. Besonders gut vertreten sind die 40- bis 50-Jährigen. Mehr Frauen als Männer. Fröhlich ergänzt, dass Frauen deswegen nicht kränker eingestuft werden dürften, sie gingen in allen Belangen ganz einfach eher zum Arzt.

Und, Herr Doktor, wie verhält es sich jetzt mit Nebelphasen und schlechtem Wetter, schlagen die wirklich derart heftig aufs Gemüt, dass Sie zusätzlich gefordert sind? Fröhlichs Blick wandert kurz zum Fenster, dann sagt er: «Ja, ich beobachte durchaus, wie Menschen, die mit Depressionen und Angststörungen zu kämpfen haben, während dieser Jahreszeit zusätzlich leiden.» Im weiteren Gespräch zeigt sich jedoch, dass allein einige graue Tage nicht reichen, um jemanden ärztlich behandeln zu müssen. «In der Regel sind diese Menschen schon vorher angeschlagen», erklärt Fröhlich. Wie er selber mit dem Nebel zurecht komme, wollen wir wissen. «Der kann mir nichts angaben, im Gegenteil, zuweilen geniesse ich die Stimmung gar, und dies, obwohl ich einst aus dem nebelfreieren Bern zugezogen bin.» Interessant: Der Psychiater betreut auch Patienten, die auf den Frühlingsbeginn negativ reagieren. Wenn das Leben rundum wieder erwacht, verfallen sie in eine Depression, weil ihnen nicht ums Aufblühen ist.

Doch zurück zum Winter respektive den Festtagen. Diese scheinen Adrian Fröhlich mehr zu beschäftigen als Tage, an denen man kaum die eigene Hand vor den Augen sieht. Adventszeit und Weihnachtstage bedeuten bekanntlich für viele von uns Stress. Für einige scheint es jedoch wesentlich mehr zu sein: «Menschen, die mit der heiligen Zeit negative Erinnerungen verbinden, können sehr stark darunter leiden. Dann verweigern sie sich allem und ziehen sich vollständig zurück», weiss der Psychiater und fügt an: «Es gibt Fälle, da helfen an Weihnachten nur noch Medikamente und sehr, sehr viel Schlaf.» Wie gehen Sie damit um, wenn sich jemand für den ewigen Schlaf entscheidet? Kommt das für Sie als behandelnder Arzt nicht einer Niederlage gleich? Fröhlich verneint. Er behält seine bequeme Sitzposition bei und spricht ruhig weiter. Erstens komme es trotz 650 Patienten im Jahr selten vor, und zweitens gehöre freiwilliges Sterben zum Leben. Eine moralische Wertung vornehmen, liegt ihm fern. Fröhlich unterscheidet zwischen versuchten respektive angekündigten Suiziden und den ansatzlos umgesetzten. Bei Letzterem seien für das Umfeld im Vorfeld keinerlei Signale auszumachen. Im Nachhinein erinnere man sich allenfalls an ein entschlossenes Verhalten, das von einer Hochphase begleitet gewesen sei. Das hänge damit zusammen, dass dieser Mensch endlich die Kontrolle über sein Dasein wiedergewonnen habe.

«Und hier eine Verkehrsmeldung: Die Unfallstelle auf der SBB-Strecke zwischen Lyss und Bern ist geräumt. Die Züge verkehren wieder gemäss Fahrplan».

Rückkehr zur Normalität: Wer kann, funktioniert wieder ohne Einschränkungen. Nebel und Jahresende hin oder her.

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