Kurs
Wenn die Frauen das Traktorsteuer übernehmen

Elf Teilnehmerinnen besuchen den Kurs «Traktorfahren für Frauen» an der landwirtschaftlichen Schule Ebenrain in Sissach. Im Turnus mit dem «Wallierhof» können hier Interessentinnen die hohe Kunst des Traktorfahrens lernen. Unsere Autorin hat den Selbstversuch gewagt: «Der Schlüssel ist das Selbstbewusstsein», sagt sie.

Noëlle Karpf
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Die Frauen am Steuer eines Traktors
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Katja Ramseier, Teilnehmerin aus Oensingen: «Es ist wie Autofahren – in einem grösseren Fahrzeug.»
Lucie Beguelin, Teilnehmerin aus Beinwil SO: «Ich habe mir bisher wohl zu wenig zugetraut.»

Die Frauen am Steuer eines Traktors

Noëlle Karpf

Sechs Traktoren in Grün, Blau und Rot rollen über den Asphalt vor dem Hof. Von einem Bauer fehlt aber jede Spur. An diesem Tag fahren ausschliesslich Frauen die grossen Maschinen. Hier in Sissach beim landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain findet der Kurs «Traktorfahren für Frauen» statt.

Kupplung drücken. Zündschlüssel drehen. Handbremse lösen. Fuss langsam von der Kupplung nehmen und etwas Gas geben. So fährt man nicht nur ein Auto an: Ich fahre Traktor! Zugegebenermassen nur schleichend langsam ein Stückchen geradeaus. Das Ziel ist ein kleiner Hang auf der rechten Seite.

Katja Ramseier aus Oensingen ist selbst nicht Landwirtin. Die 30-Jährige ist aber mit einem Agronomen verheiratet. Letztes Jahr haben sie den Hof seiner Eltern übernommen. «Ich möchte bei einfachen Arbeiten mithelfen und einspringen können, wenn gerade mal kein Arbeiter in der Nähe ist» erzählt Ramseier. «Ich will künftig einfach anpacken können – ohne Respekt davor zu haben, mich überhaupt auf den Traktor zu setzen.» Bisher sei sie nur selten gefahren.

«Weiter ausholen – sonst passen Sie da nicht durch», instruiert der Kursexperte. Ups. Von hier oben ist es gar nicht so einfach abzuschätzen, wie viel Platz zwischen den Pfosten am Wegrand und den Traktorrädern bleibt. Dank dem Experten schaffe ich es durch die Pfosten hindurch.

So geht es auch Lucie Beguelin aus Beinwil. «Ich bin bisher immer im selben Gang meine Strecke gefahren.» Sie ist mit einem Landwirt verheiratet und selbst auf einem Hof aufgewachsen. «Mein Bruder interessierte sich damals für Traktoren», erinnert sie sich. «Ich half im Stall aus», sagt die zweifache Mutter. Heute wolle sie aber mehr Aufgaben erledigen können. «Ich habe mir bisher wohl zu wenig zugetraut.»

«Jetzt bremsen.» Wie beim Auto ist auch im Traktor die Bremse zwischen Gas und Kupplung. Da passiert aber nichts! Stimmt, wir sitzen in einem Traktor, da muss man schon richtig auf die Bremse treten, damit das riesige Fahrzeug nicht gleich wieder den Hang hinunterrollt.

Angst nehmen und Zeit geben

Der Kurs solle den Frauen die Angst vor dem Traktorfahren nehmen, sagt Beat Ochsenbein vom Wallierhof, welcher den Kurs zusammen mit dem landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain organisiert. Dafür machen die elf Teilnehmerinnen einen Parcours. Sie üben parken, Slalom und Spur fahren und machen mit dem Traktor auch eine kleine Tour über die Strasse.

«Jetzt Retourgang rein, ein kurzes Stück rückwärts fahren und dort in die Lücke vorwärts einparken. Ich lasse Sie dann allein, Sie haben das ja im Griff?» Habe ich? Der Experte bleibt nach meinem unsicheren «Ääähm» sitzen. Darüber bin ich ganz froh. Schliesslich sehe ich im Rückspiegel nicht nur zwei riesige Traktoren, die hinter mir über den Hof fahren, sondern auch Kursteilnehmerinnen, die auf dem Platz stehen.

Im Selbstversuch wagen wir uns an diesen Traktor
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Der riesige Traktor verschluckt einen Menschen fast
Steuerrad in der Fahrerkabine
Die Fahrerkabine eines Traktors
Der Motor des Traktors
Der Schalthebel sieht aus wie in einem Auto - hat aber rund 30 Gänge
Damit kann der Traktorfahrer seine Fracht manövrieren

Im Selbstversuch wagen wir uns an diesen Traktor

Noëlle Karpf

Ochsenbein geht in Arbeitskleidung zwischen den verschiedenen Parcours-Posten hin und her. Er hilft den Teilnehmerinnen, wenn es beim Einparken eng wird oder wenn der Traktor nicht gleich anspringt. Er steigt dann auf die kleine Treppe und beugt sich zur Fahrerin in den Traktor hinein. Dort zeigt er nochmals die verschiedenen Hebel und Knöpfe. Viel erklären muss er aber nicht.

Obwohl das Fahren an sich funktioniert wie Autofahren, bin ich doch ziemlich nervös. Der Traktor ist riesig. Die Hinterräder sind grösser als ich! Das Vorwärts-Einparken gelingt aber beim ersten Versuch. «So, jetzt lasse ich Sie alleine zürück in den Unterstand fahren, die da drüben können nicht mehr anfahren», sagt der Experte und steigt aus dem Traktor, um zwei anderen Teilnehmerinnen zu helfen.

«Traktorfahren kann jeder», sagt der Kursexperte. Es brauche dazu nur etwas Übung und Selbstbewusstsein. Oft fehlt dafür im Alltag aber die Zeit. Anstatt der Frau den Traktor zu erklären, sei der Landwirt schneller, wenn er selbst fährt. «Zu 95% fahren Männer Traktor», sagt Ochsenbein. Das läge daran, dass der Landwirt der Betriebsleiter ist. Und die Frau dann oft im Stall oder im Haus aushilft.

Okay. Schwierig ist das Fahren ja nicht. Und die meisten Knöpfe und Hebel brauche ich für diese Übung auch gar nicht. Aus dem ersten Versuch Rückwärtsparken wird aber nichts: Ich habe wieder zu früh das Steuerrad gedreht und jetzt steht der Traktor schräg. Ich fahre ein Stückchen geradeaus, um zu korrigieren. Beim zweiten Anlauf klappts mit dem Rückwärtsparken. Jetzt noch: Motor abstellen. Bremse und Kupplung lösen. Handbremse ziehen. Das fühlt sich wirklich fast so an wie Autofahren.

Übung und Selbstbewusstsein

Trotz wenig oder sogar gar keiner Erfahrung fahren alle Teilnehmerinnen des Kurses relativ mühelos durch den Parcours. Ab und zu muss vor dem Einparken noch korrigiert werden, einmal fällt ein Verkehrshütchen im Slalom um. Im Grossen und Ganzen scheinen die Übungen aber kinderleicht. Beim Kuppeln und Schalten sei es noch etwas «ruppig» gewesen, berichtet Katja Ramseier. Ansonsten sei der Parcours wirklich nicht schwer. «Es ist wie Autofahren – in einem grösseren Fahrzeug», berichtet die 30-Jährige aus Oensingen. Wie beim Autofahren gilt: Ein Kurs reicht noch nicht. Danach ist üben angesagt. Und wenn man die grossen Maschinen dann mal beherrscht, soll man selbstbewusst bleiben, so Beguelin. Und dem Mann klarmachen: «Jetzt fahre ich.»

Der Kurs findet abwechslungsweise in Sissach und in Riedholz beim Wallierhof statt.

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