Landwirtschaft
Wenn der Bauer an seine Grenzen stösst

Der Solothurner Bauernverband bietet seinen Mitgliedern Hilfestellungen in Krisensituationen. Ein dreijähriger Versuchsbetrieb leistet Bauernfamilien in der Not unentgeltlich und unkompliziert Hilfe.

Morena Adimari
Merken
Drucken
Teilen
Der Solothurner Bauernverband hilft seinen Mitgliedern in Krisensituationen. (Symbolbild)

Der Solothurner Bauernverband hilft seinen Mitgliedern in Krisensituationen. (Symbolbild)

Keystone

Die «heile Welt» gibt es nicht. Auch nicht in der Landwirtschaft: Davon zeugen Meldungen über Suizide von Bauern im Kanton Solothurn und in der übrigen Schweiz. Sie gerieten an ihre psychischen und physischen Grenzen und sahen in ihrer Situation keinen Ausweg mehr.
Aufgrund des aussergewöhnlichen Zusammenspiels zwischen Privat- und Berufsleben scheint eine spezifische Unterstützung für diese Berufsgruppe notwendig.

Um eine gezielte Hilfestellung zu erbringen, wurden verschiedene Angebote geschaffen: Etwa das «Bäuerliche Sorgentelefon», das Landwirte in der ganzen Schweiz bereits seit Jahren telefonisch unterstützt. Die Anrufenden bleiben anonym, die Beratenden – selbst auch aus der Landwirtschaft – bieten eine erste Hilfestellung, hören zu und vermitteln an problemspezifische Institutionen.

Bauernverband wird aktiv

Um eine direktere und konkretere Unterstützung anbieten zu können, hat der Solothurner Bauernverband (SOBV) das Projekt «Krisenintervention Landwirtschaft» lanciert: Ein dreijähriger Versuchsbetrieb, das Bauernfamilien in der Not unentgeltlich und unkompliziert Hilfestellungen leistet.

Auch in anderen Kantonen existieren bereits solche Institutionen.
Es brauche Organisationen, die sich einzig auf diese Berufsgruppe fokussiere, wie Lukas Schwyn, Vereinspräsident «Bäuerliches Sorgentelefon», erklärt. Die Situation in der Landwirtschaft sei einzigartig: «Familie und Betrieb sind eng miteinander verbunden, zudem sind in ländlichen Gebieten spezielle Anforderungen vorhanden.»

Auch SOBV-Sekretär Peter Brügger ist sicher: «Die klassischen Beratungsinstrumente sind für Landwirte nur bedingt geeignet.» Um Bauern und Bäuerinnen zu unterstützen, sei es unabdingbar, zusätzlich auch über ein breites landwirtschaftliches Wissen zu verfügen.
Schon bisher fanden die solothurnischen Landwirte beim SOBV eine Anlaufstelle: Unverbindlich werden wöchentlich vom Verband private halbstündige Sprechstunden angeboten.

Dabei sei man sich der Notwendigkeit einer noch konkreteren Unterstützung bewusst geworden, die Idee einer Kriseninterventionsstelle war geboren – und wurde zur Realität. «Wir sind ein grosser Verband und können unseren Mitgliedern viele kostenlose Dienste anbieten», unterstreicht Brügger.

Einen minimen Zuschuss erhält das Projekt auch vom Amt für Landwirtschaft. Die Führung und Organisation der Dienststelle sei aber rein eine Aufgabe des SOBV, betont Felix Schibli, Leiter des kantonalen Amtes für Landwirtschaft.

Hilfe in der alltäglichen Praxis

Die Krisenintervention bietet nun auch Gespräche von längerer Dauer an – je nach Bedarf. Nebst familiären und persönlichen Problemen sollen betriebsinterne Fragen geklärt und auch Strategien zur optimalen Betriebsführung entwickelt werden können. «Oftmals sind die Bauern wegen den langen Arbeitstagen und aufgrund von nötigen zusätzlichen Nebenerwerben mehr als nur ausgelastet», weiss Brügger.

Ein weiteres Problemfeld sei die aufwendige Administration auf den Betrieben: «Die Direktzahlungen haben einen grossen Mehraufwand generiert. Die Bauern müssen alles genau protokollieren, um keine Leistungskürzung zu riskieren», so Brügger. Um für solche Schwierigkeiten praktische Hilfestellungen zu erhalten, können die Bauern mittels der Krisenintervention des Verbandes für einen gewissen Zeitrahmen vergünstigt eine Betriebs-, Haushalts- und/oder eine administrative Hilfe engagieren.

Trotz guter Absicht und niederschwelliger Organisation werde jedoch das Angebot noch nicht allzu stark genutzt, zieht Bauernsekretär Brügger eine Zwischenbilanz. Die Website der Kriseninterventionsstelle werde zwar häufig aufgerufen, doch bleibe ein grosser Anruferansturm aus. Brügger: «Vielleicht ist die Hemmschwelle einfach noch zu gross.»

«Sie haben keine Zeit»

Der wirtschaftliche Druck, der auf Bäuerinnen und Bauern lastet, wird von Brügger als Hauptgrund für die psychischen und physischen Leiden angesehen: «Die Betriebe müssen wachsen, andererseits sollten Arbeitskräfte gespart werden und die Bauern und Bäuerinnen sehen sich gezwungen, verschiedenen Jobs nachzugehen», sagt er.

Zudem fehle den Landwirten oft ein Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit: «Nur selten können sich Bauern in Vereinen und Ämtern engagieren. Auch ihren Hobbies nachzugehen, liegt nicht drin – sie haben keine Zeit», weiss Brügger.

Solche Mehrfachprobleme führten schnell zu einer Überforderung, was auf einem Hof sehr oft auch zu familiären Krisen führe. Die Zusammenarbeit im Kreise der Familie ist laut Brügger zwar nicht à priori ein problematischer Faktor, aber dennoch könne die unklare Abgrenzung von Betrieb und Familie Probleme generieren.

Dazu komme, dass sich die Rolle der Frau nun auch in diesem Umfeld wandle. Oftmals verliessen die Frauen den Hof – für den zurückgelassenen Bauern eine komplette Überforderung, sagt Lukas Schwyn. Nicht zuletzt führe auch der Generationenwechsel öfters zu Konflikten.

Für all diese Fälle soll die SOBV-Kriseninterventionsstelle einen ersten Lösungsansatz anbieten, erklärt Peter Brügger. Dem drohenden Gefühl, in einer ausweglosen Situation zu stecken, solle auf diese Weise möglichst früh entgegengewirkt werden: «Eine wichtige präventive Massnahme.»