Kindertagesstätten
Wenn beide Eltern arbeiten: «Das traditionelle Modell kam für uns nie infrage»

Das Oltner Ehepaar Stricker ist überzeugt: Nur ein Lohn für eine Familie reicht kaum. Dank einer Kinderkrippe können sie beide arbeiten. Das Betreuungsangebot im Kanton könnte aber besser sein, finden sie.

Noëlle Karpf
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Antonina und Michael Strickler mit ihrem zweijährigen Sohn Maxim.

Antonina und Michael Strickler mit ihrem zweijährigen Sohn Maxim.

Noëlle Karpf

Maxim quängelt. «Er möchte zu Mama», sagt Antonina Strickler lachend. Die 32-jährige Ukrainerin hat an diesem Tag gearbeitet. Ihr gut zwei Jahre alter Sohn war zu Hause in Olten bei seinem Vater Michael Strickler. Nach Feierabend beansprucht der Sohn deshalb wieder seine Mutter.

Serie – Teil 1

KiTa-Kinder

«Rabeneltern» oder moderne Familie? Die Meinungen über Kindertagesstätten sind immer noch gespalten – auch wenn heutzutage immer mehr Eltern den Nachwuchs abgeben. In dieser Serie lassen wir verschiedene Eltern von Kita-Kindern zu Wort kommen und stellen unterschiedliche Familienmodelle vor.

Der 34-jährige Michael Strickler arbeitet in einem Ingenieurbüro. In der Woche verbringt er einen Tag mit Maxim. Seine Frau arbeitet zu 70 Prozent in der Pharmabranche und kümmert sich ebenfalls einen Tag die Woche um ihren Sohn. Die restliche Zeit über ist Maxim in der Kinderkrippe. Dieses Modell fahren die Stricklers, seit Maxim acht Monate alt ist.

Herr und Frau Strickler, warum geben Sie Ihren Sohn ab?

Er: Wir wären wohl beide nicht dazu geeignet, nur zu Hause rumzusitzen. Gleichzeitig wollte ich kein Vater sein, der früh arbeiten geht, spät nach Hause kommt und irgendwann ist das Kind zwei Meter gross.

Sie: Für uns war klar: Wir wollen beide arbeiten und Familie haben. Das traditionelle Familienmodell kam nie infrage. Und ich war gegen eine Tagesmutter: Ich konnte mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass Maxim so viel Zeit bei einer anderen Person verbringt und all ihre Werte übernimmt.

In der Kita hat er aber auch andere Bezugspersonen ...

Er: Klar lernt Maxim in der Krippe viele Dinge. Das habe ich aber nie als negativ empfunden. Es nimmt einem eher etwas Arbeit.

Sie: In der Kita basteln sie auch viel, etwas, dass wir ihm hier zu Hause nicht wirklich bieten können. Und vor allem isst Maxim in der Krippe sehr abwechslungsreich. Wenn ich mir den Menüplan anschaue, sehe ich, dass er dort Sachen probiert hat, die er zu Hause zuvor nicht gegessen hat.

Haben Sie auch negative Erfahrungen mit der Kita gemacht?

Sie: Als Maxim neu in der Krippe war, hat er viel geweint, als wir ihn gebracht haben. Ich war damals etwas unsicher: Vermisst er uns einfach oder stimmt etwas in der Krippe nicht? Aber mittlerweile hat er sich gut eingewöhnt und sagt ganz cool «Ciao, Ciao» wenn wir ihn bringen, manchmal sogar ohne Abschieds-Küssli.

Er: Was uns eher stört, ist das Betreuungsangebot im Kanton generell. Wir haben Freunde im Kanton Schaffhausen. Dort haben sie viel längere Betreuungszeiten – teilweise sogar bis 21 Uhr. Und die Betreuung während der Kindergartenzeit ist auch gewährleistet. Uns graut etwas vor der Zeit, wenn Maxim in den Kindergarten kommt. Ich habe das Gefühl, in anderen Kantonen ist das Angebot grösser und hier mager. Nicht schlecht, aber mager.

Was sagen Sie zum Vorurteil, wer Kinder hat, soll sie auch selber grossziehen?

Er: Das Modell, das noch in vielen Köpfen verbreitet ist – sie bleibt zu Hause, er arbeitet – funktioniert doch schon lange nicht mehr. Heutzutage ist das finanziell gesehen schlichtweg nicht möglich. Einen Job von 20 bis 40 Prozent findet man kaum. Die Arbeit soll ja auch nicht all zu öde sein. Wenn wir nur einen Lohn hätten, müssten wir uns extrem einschränken.

Sie: In der Ukraine hat man drei Jahre Mutterschaftsurlaub und kann danach in der gleichen Stelle wieder einsteigen. Ich glaube nicht, dass ich in der Schweiz nach einer so langen Pause wieder einen vergleichbaren Job gefunden hätte. Als Ausländerin musste ich ja eh schon auf einem etwas tieferen Niveau anfangen.

Sie sagten vorhin, Ihnen graut vom Kindergarten. Wie fahren Sie mit Ihrem Modell denn weiter?

Er: Wir wissen noch nicht, wie wir uns dann organisieren wollen. Dann werden die Schulferien ja auch noch zum Thema.

Sie: Es wäre nett, eine Krippe zu finden, die auch die Tagesbetreuung während dem Kindergarten macht.

Er: Es gibt Krippen, die das anbieten. Das Problem ist nur: Man muss das Kind dann ja auch von der Kita irgendwie zum Kindergarten bringen. Das kommt ja aber zum Glück erst in zwei Jahren auf uns zu.

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