Töfftour
Wenn 20 Blinde und Sehbehinderte auf dem Töff an den Bielersee fahren

20 blinde Personen vertrauten sich diesen Sonntag verschiedenen Fahrern an und gingen auf eine Töfftour. Die Gruppe fuhr an den Bielersee und wieder retour. Für den ein oder anderen ist diese Tour jeweils ein absolutes Highlight.

Raphael Karpf
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Töffausflug mit Blinden 20 Blinde oder Sehbehinderte gingen diesen Sonntag auf Töfftour. Besammlung am Solothurner Hauptbahnhof.
12 Bilder
Töffausflug mit Blinden
Mittagspause in Schafis.
Danach heisst es wieder aufsteigen und weiterfahren.
Sämtliche Fahrer haben sich den Tag freigenommen und organisierten für die Blinden ehrenamtlich diese Töfftour.
Aufreihen nach der Mittagspause: Bereit für die Rückfahrt.
Gabriela Raschle und Denise Zeller    
Sheila Brunner mit Fahrer Thomas Pulver.
Mark Aeschimann    

Töffausflug mit Blinden 20 Blinde oder Sehbehinderte gingen diesen Sonntag auf Töfftour. Besammlung am Solothurner Hauptbahnhof.

Raphael Karpf

Von Geburt an ist Gabriela Raschle auf dem linken Auge blind. Zuerst konnte das rechte Auge diesen Umstand kompensieren. Dann erlitt sie 2010 einen Sehsturz. Seither sieht sie nur noch einen winzigen, unscharfen Punkt. «Farben sehe ich etwas besser», sagt sie, «vor allem rot. Aber auch wenn es auf dem Tisch etwas Knallrotes hat, muss ich den ganzen Tisch scannen, bis ich es finde.» Dafür hat sie ein gutes Gehör, erzählt sie weiter. «Ich habe früh gelernt, die anderen Sinne zu benutzen.»

Raschles Bruder ist früher Motorrad gefahren. Manchmal haben die beiden gemeinsame Töfftouren gemacht. «Das hat mir immer so gut gefallen», erzählt sie. Doch seit einiger Zeit fährt er nicht mehr und sie somit auch nicht. Denn alleine kann sie das nicht. Gestern sass Raschle aber wieder auf einem Motorrad. Und zwar auf der Harley von Denise Zeller. Raschle war eine von rund 20 blinden oder sehbehinderten Personen, die an einer Töfftour teilnehmen konnten.

Gabriela Raschle und Denise Zeller    

Gabriela Raschle und Denise Zeller    

Raphael Karpf

Fahrt an den Bielersee und wieder zurück

Das ganze Unterfangen war ursprünglich die Idee von Mark Aeschimann (siehe Text unten). Vor acht Jahren hat der Optiker die Tour ein erstes Mal organisiert. Zusammen mit einigen Töff-Kollegen, jeder nahm jeweils eine blinde oder sehbehinderte Person hinten drauf. Die Fahrt ging damals zu einer Waldhütte, wo Würste gebrätelt wurden, und anschliessend wieder retour. Seither hat jedes Jahr eine ähnliche Tour stattgefunden, nur einmal musste sie wegen schlechten Wetters abgesagt werden.

Mark Aeschimann    

Mark Aeschimann    

Raphael Karpf

Diesen Sonntag spielte das Wetter mit. Über 20 Motorräder, mit oder ohne Seitenwagen, und Trikes versammelten sich am Solothurner Hauptbahnhof. Es wurden Helme, Leuchtwesten und Handschuhe verteilt. Und dann Fahrer zugeteilt. Jeweils ein Fahrer nahm eine blinde Person hintendrauf. Die Route führte die Gruppe via Grenchen und Romont nach Schafis an den Bielersee. Dort war eine Pause angesagt, es gab Fleischkäse und Kartoffelsalat, später Kuchen und Kaffee. Das Ganze gratis, wie übrigens der gesamte Ausflug. Finanziert wurde die Tour durch Sponsoren und viel ehrenamtliches Engagement. So halten sich all die Fahrer den entsprechenden Tag das ganze Jahr über frei. Jemand bringt einen Kuchen mit, ein anderer backt eine Züpfe.

«Das ist das Schönste», freut sich Claudia Graf von der Fachstelle für Sehbehinderte Fokus-Plus. Sie organisiert jeweils die Teilnehmer der Tour und sitzt am Tag selber auch bei einem Fahrer hintendrauf. «Man kann einfach aufsitzen, und es wird für einen gesorgt. Ich bin sehr dankbar, dass Mark Aeschimann und seine Kollegen den Sehbehinderten diesen Tag ermöglichen.» Nach einem kurzen Stopp, um für ein Gruppenbild zu posieren, ging die Fahrt anschliessend via Erlach und durch den Bucheggberg zurück nach Solothurn.

«Ein Gefühl von Freiheit und Ferien»

Die Route dem Bielersee entlang ist fast schon malerisch. Auch der Bucheggberg, einfach nur schön. Davon sieht Raschle nichts. «Von der Umgebung bekomme ich bei der Fahrt nichts mit. Dafür spüre ich mehr. Ich spüre den Töff, den Fahrer. Ich spüre das Gasgeben und Bremsen. Und den Fahrtwind. Und ich höre das schöne Geräusch der Harley. Es ist schwer zu beschreiben, wie sich das anfühlt. Es ist ein Gefühl von Freiheit und Ferien, einfach nur schön.» Für sie ist es die einzige Gelegenheit im Jahr, in der sie zum Töfffahren kommt. Sonst ergibt es sich nicht, wie sie sagt. Entsprechend freut sie sich jeweils darauf. «Das Gefühl an diesen Ausflug speichere ich und geniesse ich auch später noch. Ab und zu denke ich daran. Zum Beispiel wenn ich mich ärgere, und dann geht es wieder etwas besser.»

Nachgefragt beim Organisator: «Die Leute sind so dankbar, das ist meine Motivation»

Ein Töffausflug mit Blinden: Wie kamen Sie auf die Idee?

Mark Aeschimann: Die Beratungsstelle für Sehbehinderte, Fokus-Plus, organisiert Ausflüge für Blinde, zum Beispiel Wanderungen. Einmal wurden wir gefragt, ob wir nicht Ideen hätten, was man noch machen könnte. Da kam mir spontan eine Motorradfahrt in den Sinn.

Und wie kam diese Idee an?

Sehr gut. Viele Leute sitzen gerne bei einem Motorrad hintendrauf. Spüren den Fahrtwind und die Geschwindigkeit. Im ersten Jahr, 2011, sind wir mit zehn Leuten gestartet. Jetzt sind 20 Blinde mit dabei.

Und wie findet man Motorradfahrer für 20 Blinde?

Angefangen habe ich mit meinen engsten Kollegen. Dann kamen nach und nach Leute dazu. Jemand kennt jemanden, der wieder jemanden kennt, und so weiter. Jetzt sind wir eine Gruppe, die jedes Jahr wieder mitmacht. Grösser werden wollen wir allerdings nicht mehr. Sonst wird auch die Kolonne zu lang.

Was sind die Schwierigkeiten dabei, einen Töffausflug für Blinde zu organisieren?

Zuerst muss man die Route planen. Maximal Eineinhalbstunden am Stück, nicht länger. Dann braucht es Toiletten, einen Platz zum Essen und Trinken. Die Route muss sich angenehm fahren lassen, wenig Hauptstrassen, sicher keine Autobahn. Und wenn möglich Kreisverkehr und keine Kreuzungen. Das hier in der Region zu finden, ist gar nicht so einfach. Dann kommt noch die Organisation des Ganzen dazu: Jemand hat Angst, auf einem Töff zu fahren, wäre aber gerne mit dabei. Für ihn haben wir ein Trike organisiert. Jemand anderes ist so klein, dass sie mit den Beinen nicht nach unten kommt, für sie haben wir einen Seitenwagen organisiert.

Und wird es diesen Ausflug im nächsten Jahr wieder geben?

Ja. Die Leute sind so dankbar, fragen immer, ob sie nächstes Jahr wieder dabei sein können. Das ist meine Motivation. (rka)