Umdenken gefordert
«Weniger Druck wäre besser für unsere Gesundheit»

Mehr Leistungsdruck, mehr Stress in der Schule beobachtet Dominik Wicki vom Schulpsychologischen Dienst Kanton Solothurn. Es brauche ein Umdenken, das im Klassenzimmer beginnt.

Noëlle Karpf
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Dominik Wicki leitet mit Noémie Borel den Schulpsychologischen Dienst Solothurn. Zudem ist er im Vorstand der Schweizer Vereinigung Kinder-und Jugendpsychologie.BAR

Dominik Wicki leitet mit Noémie Borel den Schulpsychologischen Dienst Solothurn. Zudem ist er im Vorstand der Schweizer Vereinigung Kinder-und Jugendpsychologie.BAR

Hanspeter Bärtschi

Dominik Wicki, Sie sagen, beim Schulpsychologischen Dienst (SPD) werden entgegen der Vorstellung einiger nicht einfach Kinder getestet und dann mit einer Diagnose abgestempelt. Was genau macht der SPD?

Dominik Wicki: Zuerst sitzen alle Beteiligten zusammen: Kind, Eltern, Lehr- und Fachpersonen und der SPD. Test-psychologische Abklärungen machen wir knapp in der Hälfte der Fälle. Uns geht es darum, Problemsituationen auf den Tisch zu legen und Schwierigkeiten sowie Stärken des Kindes zu diskutieren. Wir suchen mit Schule und Familie gemeinsam Lösungen, damit es dem Kind besser geht.

Was für Schwierigkeiten haben die Kinder im Kanton?

Wir teilen diese grob in drei Kategorien auf: Lernschwierigkeiten – zum Beispiel im Rechnen. Verhaltensschwierigkeiten – zum Beispiel bei Problemen in der Klasse. Drittens gibt es auch emotionale Schwierigkeiten. Allenfalls leiten wir auch an den Kinder- und Jugend-Psychiatrischen Dienst (KJPD) weiter.

Haben Sie ein typisches Beispiel?

Wenn beispielsweise ein Kind Mühe mit Rechnen hat, heisst das nicht, dass es einfach nicht rechnen kann. Sondern dass es vielleicht Angst vor dem Rechnen hat. Diese Blockaden versuchen wir zu lösen. Es nützt nichts, mehr Druck zu machen und zu sagen «Jetzt gib der me Müei».

Das müssen Sie dann den Eltern klarmachen?

Auch manchen Lehrern. Es macht doch keinen Sinn, allen Kindern gleich viele Aufgaben zu geben. Und dann zu sagen, Schüler sollten nicht länger als 30 Minuten «Ufzgi» machen. Ich glaube an den Montessori-Ansatz: Jedes Kind hat einen eigenen, inneren Bauplan. Man muss mit den Stärken des Kindes arbeiten. Auf etwas anderem kann man gar nicht bauen.

Ist dieser Ansatz in unserer Leistungsgesellschaft umsetzbar?

Ich bin überzeugt: Wenn es uns gut geht, können wir bessere Leistungen bringen. Dazu braucht es aber gute Beziehungen – zu Hause und in der Schule. Das Kind muss im Mittelpunkt stehen. Auch Frontalunterricht kann gut sein: Der Lehrer ist das Infozentrum und unterstützt jedes Kind in seinem eigenen Tempo. Ich glaube, dass Kinder so weniger Schwierigkeiten hätten. Das sieht man am Beispiel ADHS: Manche betroffenen Kinder haben keine Probleme in der Schule. Bei anderen eskaliert es im Unterricht.

Frage zum Stichwort Fachkräftemangel: Gibt es den beim SPD?

Nein, wir haben keinen Mangel an ausgebildeten Psychologen.

Gibt es allenfalls beim KJPD oder KJPK Unterversorgung?

Das ist von aussen schwierig einzuschätzen. Teils sind aber die Wartezeiten eher lang. Und es gibt zu wenig Mediziner.

Und mehr Kinder und Jugendliche mit Schwierigkeiten?

Das glaube ich weniger. Nehmen wir wieder das Beispiel ADHS: Akzentuiert gesagt gelten Kinder in südlichen Ländern, die hier mit ADHS diagnostiziert würden, als normal. Im Gegenzug werden Kinder, die hier als angepasst gelten, dort vielleicht als Schlaftabletten wahrgenommen. Es kommt also immer auf die Anforderungen der Gesellschaft an.

Dann wäre die Gesellschaft ja schuld an diesen Problemen.

Wer denn sonst? An einem Tisch mit zehn Erwachsenen gibt es kaum einen, der im letzten Jahr nicht wegen irgendetwas beim Arzt war. Sind wir wirklich so krank? Das klingt jetzt etwas sehr philosophisch, aber: Weniger Druck wäre besser für unsere Gesundheit. Nicht nur Geld, sondern auch Glück ist erstrebenswert. Im Leistung-Zeigen werden wir gut trainiert. Aber nicht darin, wie wir uns erholen.

Führen Digitalisierung, Social Media auch zu mehr Problemen im Klassenzimmer?

Die Komplexität im Alltag hat brutal zugenommen: Die geforderten technischen Fähigkeiten und die ständige Informations-Berieselung. Kinder müssen auf Social Media sein, um dazuzugehören. Die innere Ruhe ist vielerorts verloren gegangen.

Ist Ihre Arbeit auch komplexer, schwieriger geworden?

Die Arbeit wird sicher nicht weniger – die Ressourcen nicht mehr. Dafür arbeiten wir anders: Früher haben wir einfach Standardabklärungen gemacht, eine Palette an Tests. Heute arbeiten wir gezielter. Wir wollen nicht auch noch an den Kindern «rumdökterle». Viel Fachwissen ist nämlich schon in den Schulen, bei den Eltern. Wir konzentrieren uns darauf, von aussen entwicklungspsychologische Inputs zu geben.

Dann braucht es keine grössere Versorgung von Kinder und Jugendlichen – trotz mehr Stress?

Ich habe nicht den Eindruck, dass es zu wenig Angebote gibt. Bei vielen Kindern muss man sich eher fragen, wo sie nebst Nachhilfe-Programm und Therapie noch die Zeit für Erholung finden.