Bellach

Weltweit einzigartig: Wie Solothurner Schüler die Computersprache lernen

Computerwissen in der Primarschule vermitteln - in Bellach wurde gezeigt, wie das geht.

Computerwissen in der Primarschule vermitteln - in Bellach wurde gezeigt, wie das geht.

Im Schulhaus Kaselfeld in Bellach proben die Schüler am Computer den Unterricht der Zukunft. Im Kaselfeld werde sozusagen die Schule 4.0 ins Leben gerufen, meint Bildungsdirektor Remo Ankli.

Es begann mit Schule fast wie zu Pestalozzis Zeiten: Bevor für die versammelte Schar der eingeladenen Medienleute der Spass begann, musste sie im Bellacher Kaselfeld die Schulbank drücken und erst nach den Reden der Experten und Politiker ging es zum eigentlichen Spass über. Im Zimmer nebenan war gerade die fünfte Klasse von Mike Järmann mit viel Enthusiasmus dabei, an ihren Laptops Computerspiele zu programmieren. Scalable Game Design heisst der Kurs, den Alexander Repenning von der Pädagogischen Hochschule FHNW für die Solothurner Volksschulen entwickelt hat.

Da spuckt zum Beispiel auf einem Laptop einer Schülerin ein Tunnel Autos aus. Manchmal sind es viele Autos kurz nacheinander, dann entsteht wieder eine Lücke, die der Frosch nutzten kann, um auf die andere Strassenseite zu kommen. Die Mädchen und Buben bestimmen die Parameter und lernen so spielerisch auf emotionale Art, was Wahrscheinlichkeitsrechnung bedeutet.

Soll alle halbe Sekunde ein neues Auto kommen oder ist es für das Spiel besser, wenn nur jede Sekunde eines aus dem Tunnel fährt? Soll wie bei einem Münzwurf die Chance 50:50 sein, dass auch tatsächlich ein Auto erscheint, oder ist eine Chance von 30:70 nicht besser für das Spiel, weil so mehr Lücken für den Frosch entstehen? Konstant entscheiden die Kinder autonom und probieren aus, wie sich die Veränderungen auf den Spielablauf auswirken.

Solothurner Kinder lernen Programmieren

Solothurner Kinder lernen Programmieren

Lernen mit Spass: Bei 5. Klässlern in Bellach gehört seit zwei Jahren das Programmieren als Testphase zum festen Bestandteil des Schulunterrichts.

«Weltweit einzigartig»

Andreas Walter, der Chef des Volksschulamtes, bezeichnete das Lernprogramm als weltweit einzigartig. «Der Kanton Solothurn nimmt eine Vorreiterrolle ein, nicht einmal in den USA existiert heute ein vergleichbares Schulfach.» Fürs Scalable Game Design müssen die Schüler aber keine komplizierte Programmiersprache lernen. «Wenn das passiert, dann mache das.»

So ungefähr lauten die simplen Kommandos, die man in den Computer eingeben muss. Aber natürlich sind alle Fachausdrücke auf Englisch. Kein Problem, das haben die Kinder schnell im Griff. Einfach und spannend soll das Lernen der Grundzüge des Programmierens sein. Das motiviere die Kinder dranzubleiben, wenn es komplizierter wird, erklärt der Entwickler Repenning.

«Auf das Lesen, Schreiben und Rechnen folgt heute das vierte Grundwissen: Das Computerdenken.» Als Solothurner Bildungsdirektor liess Regierungsrat Remo Ankli keinen Zweifel daran, wie wichtig er den Besuch im Bellacher Kaselfeldschulhaus am vergangenen Mittwoch nahm. «Wir erleben gerade die vierte industrielle Revolution und sie beschleunigt sich immer weiter. Die Kinder müssen nicht mehr Lexikonwissen in ihren Köpfen speichern, denn das können sie jederzeit im Internet abrufen. Die Schule muss Denkprozesse und Kompetenzen fördern, damit die Kinder lernen, selbständig Probleme zu lösen.» Im Kaselfeld werde sozusagen die Schule 4.0 ins Leben gerufen, meinte Ankli an der Medienkonferenz. «Als Reaktion auf den digitalen Wandel folgt nun die Schulwende.»

Geforderte Lehrkräfte

«Wenn das Interesse in der Primarstufe geweckt wird, dann entsteht ein Druck nach oben, der sich positiv auf die Sekundarstufe auswirkt», sagte Alexander Repenning. Oder anders gesagt: Wenn die älteren Schüler schon ein grosses Basiswissen in den Unterricht mitbringen, dann wird der Lehrer der nächsten Stufe herausgefordert, weil er anspruchsvollen Stoff anbieten muss. «Eine Stunde pro Woche ist für die Kinder fast zu wenig», meint Klassenlehrer Mike Järmann, «sie sind mit viel Begeisterung bei der Sache und würden gerne mehr machen. Sie können das Programm übers Internet aufrufen und in ihrer Freizeit weiter programmieren.»
Aber ist das Programmieren schwieriger zu unterrichten als das oft diskutierte Frühfranzösich?

«Nein ich habe nicht den Eindruck», sagt der Klassenlehrer. «Ich musste mich zwar etwas hineinknien und manchmal wurde ich ins kalte Wasser geworfen. Aber das grösste Problem sind die Klassengrössen. Man kann sich nicht durch 25 teilen und sich gleichzeitig um alle kümmern.» Aber auch dafür gibt es eine Lösung: Zwei Schüler zirkulieren zwischen ihren Klassenkameraden. «Sie haben sich intensiv mit dem Scalable Game Design beschäftigt und sich so einen Wissensvorsprung erarbeitet», erklärt Mike Järmann. «So habe ich sie zu meinen Assistenten befördert.»

Das wirke sich auch auf das Selbstvertrauen und die sozialen Kompetenzen der Kinder positiv aus. «Wenn es ums Programmieren geht, haben meistens Kinder einen Vorsprung, die vielleicht in den traditionellen Fächern nicht so auffallen, die hier brillieren können. Es ist spannend zu beobachten, wie der sich der sonstige Klassenprimus beim Programmieren von anderen Kindern Hilfe holt.»

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