Wahrscheinlich ist er zurzeit der einflussreichste Solothurner Politiker überhaupt – sicher aber ist er der einflussreichste Nationalrat des Kantons: Der Solothurner Stadtpräsident Kurt Fluri ist in seinen zwölf Jahren auf der nationalen Bühne zu einer der gewichtigsten Stimmen in der grossen Kammer geworden. Sicheres Indiz dafür sind die zahlreicher werdenden Angriffe auf seine Person. Fluri heisst es, habe zu viele Ämter inne, er verdiene zu viel und er sei zu staatsgläubig.

Fluri gehört zu den entscheidenden Stimmen

Das alles lässt sich kritisieren, aber noch nie ist trotz der vielen Hüte, die er trägt, der Vorwurf laut geworden, Fluri sei überfordert oder er habe seine Arbeit nicht im Griff. Im Gegenteil: Er absolviert ein enormes Pensum und kennt seine Dossiers à fond. Hinter den Kulissen des Parlamentsbetriebes gehört er in den Kommissionen zu den entscheidenden Stimmen, wenn es darum geht, über die Parteien hinweg Möglichkeiten auszuloten und Mehrheiten zustande zu bringen.

Kandidaten-Spider von Kurt Fluri

Kandidaten-Spider von Kurt Fluri

Vor allem als Mitglied der staatspolitischen Kommission spielt Fluri bei hoch umstrittenen Geschäften wie der Umsetzung der SVP-Initiativen oder derzeit in der Flüchtlingspolitik eine wichtige Rolle. Mit seiner klaren Haltung eckt er immer wieder an, aber wenn Fluri eines nicht ist, dann eine Windfahne. Das hat ihm weit über die freisinnige Fraktion hinaus Respekt und Anerkennung eingetragen.

Innerhalb der FDP-Fraktion neigt Fluri wie viele Exekutivpolitiker zur Mitte und politisiert am linken Flügel. Im Parlamentarier-Rating der Neuen Zürcher Zeitung, welches aufgrund der Abstimmungen im Parlament alle Nationalräte auf einer Links-Rechts-Skala von –10 (ganz links) bis +10 (ganz rechts) positioniert, liegt er bei 1,6

Der rechte Flügel der FDP reicht bis zur Punktzahl 4,1. Fluri dürfte im Unterschied zur Mehrheit seiner Parteikollegen zu den Unterstützern von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf gehören.

Müller-Altermatt: In vier Jahren weit gebracht

Weiter links als Fluri steht mit Stefan Müller-Altermatt ein zweiter Solothurner Nationalrat, der es in seiner Partei bereits zu Einfluss gebracht hat. Obwohl erst seit 2011 für die CVP im Rat, hat sich der 39-jährige Biologe vor allem in der Energiepolitik und bei Raumplanungsfragen einen Namen gemacht. In der Fraktion hat sein Wort bei diesen Themen Gewicht und er gilt inzwischen als Nachwuchshoffnung der Christdemokraten.

Kandidaten-Spider von Stefan Müller-Altermatt

Kandidaten-Spider von Stefan Müller-Altermatt

Müller-Altermatt ist je nach Sichtweise ein sehr kommunikativer Mensch oder ein zuweilen penetranter Selbstvermarkter. Es vergeht kaum eine Arena am Schweizer Fernsehen, zu der er nicht twitternd fortlaufend seinen Senf gibt, wenn er nicht selbst vor der Kamera stehen darf. Innerhalb der CVP gehört er mit einem Wert von –0,4 zum linken Flügel, mit einiger Distanz zu deren Rechtsausleger Gerhard Pfister.

Schläfli hat den Start total verschlafen

Ziemlich gegenteilig liegt der Fall beim zweiten Solothurner Christdemokraten Urs Schläfli. Der Wasserämter Meisterlandwirt wurde 2011 im Sog des Glanzresultats von Pirmin Bischof und dank den Listenverbindungen der CVP überraschend in den Nationalrat gespült.

Nach Bischofs Wahl in den Ständerat konnte er im Dezember gleich zur Bundesratswahl in der grossen Kammer antreten. Er hasse es, im Rampenlicht zu stehen, und er wisse, dass er ein «politischer Nobody» sei, erklärte der bescheidene Kleinbauer bereits damals. Statt in die für Landwirtschaft zuständige Kommission für Wirtschaft und Abgaben delegierte ihn seine Partei in die sicherheitspolitische Kommission, wo er auf verlorenem Posten ist.

Kandidaten-Spider von Urs Schläfli

Kandidaten-Spider von Urs Schläfli

Im Rat politisierte er wie angekündigt «leicht rechts der Mitte». Sein Wert auf der Skala liegt bei 1,0. In der Öffentlichkeit blieb es um den Deitinger aber vier Jahre lang geradezu penetrant still. Auch innerhalb seiner Fraktion spielt er keine Rolle und in der Landwirtschaftspolitik gaben andere den Ton an. Erst kürzlich wählte der «Sonntagsblick» ihn zum grössten Hinterbänkler im Nationalrat.

Nur Stunden später eröffnete Schläfli offenbar auf Betreiben seiner Partei einen Twitter-Account und kommentierte: «Wer den Medien nicht nachrennt, dem rennen sie eben selbst nach.» Aber so locker wie es scheint, nimmt er es nicht. Auch ihm ist bewusst, dass er bei den bevorstehenden Wahlen als Abwahlkandidat Nummer 1 gehandelt wird.

Hadorn ist kein zweiter Leuenberger

Die Befürchtung einer Abwahl treibt noch einen zweiten Solothurner um. Der Gerlafinger Sozialdemokrat Philipp Hadorn ist so nervös, dass er vorzeitig die Strassen mit seinem Porträt schmückte, indem er eine Lücke im neuen Plakatierungsreglement ausreizte.

Das brachte ihm prompt ein paar jener Schlagzeilen ein, die sein Wirken in Bern sonst eher selten produziert. Als Methodist kann er neben der SP-Basis auf eine freikirchliche Wählerschaft zählen, die wohl auch die Stimmendifferenz ausmachte, der er vor vier Jahren seine knappe Wahl vor den parteiintern gewichtigeren Andreas Bühlmann und Franziska Roth verdankte.

Falls die SP dieses Jahr beide Sitze verteidigen kann, muss Hadorn trotzdem befürchten, von der eigenen Konkurrenz überrundet zu werden.

Kandidaten-Spider von Philipp Hadorn

Kandidaten-Spider von Philipp Hadorn

Im Parlament ist er ein typischer Gewerkschaftsvertreter. Als Sekretär der Gewerkschaft Verkehrspersonal, dem früheren Eisenbahnerverband des verstorbenen Ernst Leuenberger, kämpft er wacker für seine Klientel. Doch er hat Schwierigkeiten, sich Gehör zu verschaffen, ein neuer Leuenberger ist er nicht. Aber innerhalb der SP-Fraktion hat sein Wort in Verkehrsfragen zweifellos ein gewisses Gewicht. Mit einem Wert von –8,2 steht er im linken Flügel der Partei, deren Spektrum von –9,1 bis –5,7 reicht.

Heim: Meisterin der persönlichen Vorstösse

Noch weiter links als Hadorn politisiert seine Fraktionskollegin Bea Heim, die mit -8,7 nur noch von Silvia Schenker, Susanne Leutenegger Oberholzer und Carlo Sommaruga überholt wird. Heims Reputation in der Wählerschaft steht in scharfem Kontrast zu ihrem Gewicht im Bundeshaus.

Kandidaten-Spider von Bea Heim

Kandidaten-Spider von Bea Heim

Dass der Oltner Panaschierkönigin die Stimmen nur so zufliegen, hängt mit ihrem breiten Engagement in sozialen und gesundheitspolitischen Einrichtungen zusammen. Insbesondere von einem älteren Publikum wird sie weit über die Parteigrenzen hinaus unterstützt.

In Bern allerdings ist sie eher ein Seitenwagen der SP-Fraktion, in der sie keine Rolle spielt. In anderen Fraktionen maliziös als «Mater Dolorosa» («schmerzerfüllte Mutter») belächelt und von den eigenen Leuten kaum beachtet, sitzt sie während der Session oft einsam hinter einem Bildschirm in der Wandelhalle, wenn sie nicht gerade eine Besuchergruppe oder Lobbyisten empfängt.

Sie ist trotzdem mit einem feuerfesten Selbstvertrauen gesegnet: Nicht weniger als 310 persönliche Vorstösse hat sie seit 2004 eingereicht und ist überzeugt, viel bewirkt zu haben. Oft verhält sich allerdings die Anzahl eigener Vorstösse umgekehrt proportional zum Einfluss eines Parlamentsmitglieds. Kurt Fluri etwa kommt in den selben zwölf Jahren auf deren 100.

Wobmann: Der motorisierte forsche Rechtsausleger

103 sind es bei Walter Wobmann. Das bedeutet aber noch nicht, dass der Gretzenbacher innerhalb der SVP eine gleich bedeutende Rolle spielt wie Fluri in der FDP. Auch wenn sich der forsche Rechtsausleger gerne etwas wichtiger nimmt, als er ist.

Wobmann, ebenfalls seit 2003 im Nationalrat, redet in der grössten Bundeshausfraktion aber ein gewichtiges Wort mit, wenn es um den Strassenverkehr geht. Er verfügt über exzellente Kontakte zu den Automobilverbänden und zur Szene der Motorradfahrer. Wegen seiner kompromisslosen Positionen kann er innerhalb des Rates kaum Allianzen bilden.

Kandidaten-Spider von Walter Wobmann

Kandidaten-Spider von Walter Wobmann

Seine Spezialität ist ohnehin dieausserparlamentarische Opposition. Er, der mit einem Wert von 9,1 im rechten Flügel seiner Partei angesiedelt ist, hat einen Riecher für emotionsgeladene Themen. Und er ist ein Kämpfer, der sich auch von eisigstem Gegenwind nicht beirren lässt. Mit der Minarett-Initiative und der Abstimmung über die Autobahnvignette hat er zwei Volksabstimmungen vom Zaun gerissen. Dass er sie auch gewonnen hat, lag zu einem beträchtlichen Teil an seinem Engagement.

Borer: In 24 Jahren in drei Parteien reif geworden

So viel Leidenschaft legt sein Fraktionskollege Roland Borer nicht mehr an den Tag. Seit mittlerweile 24 Jahren sitzt das kampferprobte Urgestein der Solothurner Politik in der grossen Kammer. Er gehört wie Ulrich Giezendanner noch zu jenen SVP-Politikern, die in der Autopartei, später Freiheitspartei, gross geworden sind

Im Kanton Solothurn wurde diese Ende der Neunzigerjahre von der «neuen» SVP zürcherischer Prägung aufgesogen, die zuvor auf kantonaler Ebene inexistent gewesen war. Weil auch Personaldiskussionen bei der SVP gerne auf offenem Schlachtfeld geführt werden, gab es über seine Kandidatur eine hitzige Diskussion, während der Streit über den richtigen Rücktrittszeitpunkt von Bea Heim bei der SP weitgehend unter dem Deckel blieb.

Kandidaten-Spider von Roland Borer

Kandidaten-Spider von Roland Borer

Bei der SVP hingegen hat sich jetzt sogar ein internes Anti-Borer-Komitee gebildet, um den Generationenwechsel zu erzwingen. Aber wahrscheinlich wird die Partei eher einen dritten Sitz erringen, als ihren Doyen aus dem Amt zu drängen. Zumindest gibt es dafür keine politischen Gründe. In seiner Fraktion gehört Roland Borer zwar nicht zur ersten Garde, aber als Sicherheitspolitiker geniesst er deren Wertschätzung.

Borer hat einen direkten Draht zu Verteidigungsminister Ueli Maurer und verfügt über exzellente Kontakte in die Rüstungsbranche und zu Armeeexperten. Politisch steht er mit einem Wert von 8,0 exakt im Mittelfeld seiner Partei.

Die beiden SVP-Vertreter bleiben, das sei noch angemerkt, den regelmässigen Treffen der Solothurner Bundesparlamentarier mit dem Regierungsrat fern. An diesen Zusammenkünften vor den Sessionen gibt die Kantonsregierung jeweils ihre Wunschliste an die eidgenössischen Räte bekannt. Die SVP-Nationalräte wollen sich aber nicht «einbinden» lassen. Allerdings kommt es auch nicht allzu oft vor, dass in Bern parteiübergreifende Solothurner Interessen zu vertreten wären.

* Der Autor ist langjähriger Beobachter der Bundespolitik und hat sich als freier Journalist während zweier Sessionstage in der Wandelhalle des Bundeshauses herumgehört.