Alles begann damit, dass der Schweizer Kevin L.*, dem Albaner Edvin K.* auf dessen Bitte hin zwischen August und September 2012 einige Male Testosteron in den Oberarm spritzte. Rund drei Wochen nach dem sich die beiden das letzte Mal gesehen hatten, musste Edvin dann wegen einer Dauererektion ins Spital eingeliefert werden – es drohte eine Impotenz. Das war am 15. Oktober 2012. Obwohl sich Edvin sicher war, dass sein Zustand nichts mit dem Testosteron zu tun hatte, erzählte er seinen zwei Brüdern von der Kur. Luan*, der jüngere der beiden Brüder schrieb Kevin darauf noch am selben Tag eine SMS: «Lüt mir sofort ah wenn das gsehsch ... Edvin isch im spitau und weni use finge as eine vo euch mim brüetsch öpis verkauft het (testo) de gidz toti lüt das schwörii.» Kevin antwortete nicht auf die SMS. Am Abend entschieden sich die Brüder, Kevin zur Rede zu stellen und den Stoff zu besorgen. Sie wollten diesen den Ärzten überreichen, so erhofften sie sich Edvin helfen zu können. Lorik*, der ältere Bruder, erreichte Kevin auf dem Natel und forderte ihn auf «rauszukommen». Dieser kannte aber weder die Stimme am Telefon, noch die Nummer. Er sagte, er sei schon im Bett und wolle schlafen. Mit den Worten «lutsch mini Eier», hängte er auf.

Anklage gegen Brüder und Kevin

Was dann genau passierte – davon gibt es zwei Versionen. Darum wird an dieser Stelle die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft zusammengefasst: Die zwei Brüder klingelten mehrfach an Kevins Haustür. Als die Türe geöffnet wurde, betraten sie den Eingangsbereich des Hauses. Der Aufforderung von Kevin wie auch seines Vaters, das Haus zu verlassen, folgten Lorik und Luan nicht. Die Versuche der zwei Brüder während eines lauten Wortgefechts Kevin zu einem Gespräch zu bewegen, gepaart mit dem Versuch von Kevin die zwei Brüder zurückzudrängen, führten zunächst zu einer Rangelei zwischen Kevin und Lorik. Währenddessen sprachen die Brüder auch Todesdrohungen aus («Ihr seid tot», «Wir bringen euch um»). Lorik schlug Kevin darauf ins Gesicht. Dessen Vater intervenierte und forderte die Brüder auf, das Haus zu verlassen. Lorik schlug auch ihn ins Gesicht. Der Vater fiel zu Boden. Die Brüder schlugen dann noch eine kurze Zeit lang weiter auf ihn ein und stiessen seine Tochter zur Seite, als diese ihren Vater beschützen wollte. Kevin holte in der Zwischenzeit ein Messer aus der Küche, fuchtelte herum und drohte den Brüdern, dass er sie umbringen werde. Diese wichen etwas zurück, trotzdem traf Kevin, Luan tief im Gesicht und an der Hand. Darauf verliessen die Brüder den Eingangsbereich des Hauses. Alle Beteiligten meldeten sich anschliessend bei der
Polizei und erzählten ihre Version der Geschichte. Die Staatsanwaltschaft erhob gegen die Brüder sowie gegen Kevin Anklage wegen verschiedener Vergehen.

Unterschiedliche Aussagen

Vor Ueli Kölliker, Einzelrichter des Richteramts Bucheggberg-Wasseramt, bestritt Kevins Familie, dass dieser Todesdrohungen ausgesprochen haben soll. Für sie war das Geschehene ein Überfall bei dem sie alle Todesangst verspürten, Kevin schliesslich als Lebensretter auftrat und jetzt als Täter hingestellt werde. Die Brüder ihrerseits bestritten, bis auf die SMS – «die war aber aus dem Affekt heraus und nicht ernst gemeint» – jemals Todesdrohungen ausgesprochen, noch auf den Vater eingeschlagen zu haben. Für sie war der Zwischenfall ein Wortgefecht, das eskalierte.

Staatsanwalt Marc Finger sprach davon, dass sich alle Beschuldigten auf irgendeine Art und Weise als Opfer sehen. «Beide Seiten haben mit der Polizei Kontakt aufgenommen, beide Seiten haben Hilfe gesucht.» Der Fall sei geprägt von einer beträchtlichen Emotionalität. Finger zeigte sich überzeugt, dass Kevins Vater und Schwester nach bestem Wissen und Gewissen ausgesagt hatten. Trotzdem stellte er die Frage, ob Kevin in Notwehr gehandelt hatte oder nicht. «Er war berechtigt den Angriff abzuwehren, aber er hat die Grenze übertreten.» Finger forderte schliesslich für Lorik eine bedingte Freiheitsstrafe von 15 Monaten; für Luan eine bedingte Geldstrafe von 360 Tagessätzen à 140 Franken und für Kevin eine bedingte Geldstrafe von 250 Tagessätzen à 110 Franken.

Der Rechtsvertreter von Kevins Vater und Schwester (sie traten als Privatkläger auf), sagte, dass der Hausfrieden der Familie L. mit grosser krimineller Energie gestört wurde. Wie dramatisch die Situation für die Familie war, habe einer blitzschnell realisiert. «Kevin müsste unter den Opfern aufgeführt werden, nicht bei den Tätern, es war Notwehr.» Er forderte für den Vater eine Genugtuung von 5000 Franken und für die Schwester eine Genugtuung von 2000 Franken. Der Verteidiger von Kevin L. forderte für seinen Klienten einen vollumfänglichen Freispruch und eine Entschädigung für die Untersuchungshaft. «Er hat die Inhaftierung nie begriffen, hatte er doch eigentlich nichts anderes gemacht als sich gegen die anderen zur Wehr gesetzt.»

Der Verteidiger von Luan K., versuchte das Droh-SMS herunterzuspielen. «Das geschah in Angst um seinen Bruder.» Sein Klient habe sich zudem während des ganzen Vorfalls passiv verhalten. Der Verteidiger forderte einen vollumfänglichen Freispruch und zudem eine Genugtuung von mindestens 10 000 Franken für die erlittene Narbe im Gesicht. Die Verteidigerin von Lorik K. bezeichnete die belastenden Aussagen der Tochter (sie hatte als Einzige stets die Übersicht) als «pauschal, unbegründet und undifferenziert». Den Schlag ins Gesicht von Kevin bezeichnete sie «höchstens als Tätlichkeit». Zu den Drohungen meinte sie, diese seien von beiden Brüdern stets bestritten worden. Sie forderte Freisprüche und eine Genugtuung von 2000 Franken, denn «das vorliegende Strafverfahren war sehr schwer für meinen Klienten.» Das Urteil folgt am kommenden Montag.

*Name von der Redaktion geändert