Weihnachtspredigt
Weihnachten bedeutet Hoffnung - die Predigt zum Fest

Jedem, der offen durchs Leben geht, wird immer wieder mal etwas geschenkt. Eine Weihnachtspredigt von Alexandra Flury-Schölch, reformierte Solothurner Stadtpfarrerin.

Alexandra Flury-Schölch
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Die Weihnachtsbotschaft behält noch immer ihre Berechtigung.

Die Weihnachtsbotschaft behält noch immer ihre Berechtigung.

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Stellen Sie sich Menschen vor, die beunruhigt sind über gewisse Entwicklungen in Wirtschaft und Politik: Die soziale Schere geht auseinander.

Manch einer, der um seine Existenz bangt, hat das Gefühl, dass andere, sogar Fremde, es viel einfacher haben. Man spürt es überall gären. Junge Menschen sehen keine Perspektive mehr und schliessen sich radikalen Bewegungen an.

Andere ziehen sich aus dem Weltgeschehen ins Private zurück. Was kann der Einzelne schon ausrichten? Die da oben machen eh, was sie wollen ... Da müsste schon jemand kommen, der mit starker Hand und Charisma ...

Eigentlich habe ich versucht, mit diesen etwas zugespitzten Zeilen das Lebensgefühl von vor 2000 Jahren im Römischen Reich in der Region Palästina zu skizzieren, schliesslich geht es in diesem Artikel um Weihnachten. Doch so weit weg kommt mir dieses Gefühl von Hilflosigkeit nicht vor. So manches Gespräch, so manche Begegnung aus den vergangenen Tagen in Solothurn steht mir vor Augen.

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in diesen Tagen mit Menschen am Tisch und das Gespräch nimmt eine Wendung in diese resignierte Stimmung, wo um alles in der Welt das noch alles hinführen wird.

Und jemand sagt: Ich glaube, wir haben mehr Grund zu hoffen, als wir denken. Ist nicht jeder von uns mit Würde geboren? Hat nicht jeder von uns auf eine ganz eigene Art schöpferisches Potenzial, kreative Gedanken, Visionen, Gaben, Hoffnungsbilder, Lebensstrategien? Nicht, dass uns diese Ressourcen vor lauter Klagen aus dem Blickfeld geraten.

Weihnachten ist einem solchen Menschen gewidmet, der sich dem lähmenden und gebahnten Blick auf die Probleme des Lebens entzog: Jesus von Nazareth lebte eine Haltung, die den eigenen Blick bewusst und entschlossen auf das Hoffnungsvolle richtet.

Auf die Möglichkeiten, die da sind, und seien sie auch klein. Nicht um die tatsächlichen Herausforderungen und Schwierigkeiten auszublenden oder schönzureden. Sondern in der Überzeugung, dass immer das, was wir anschauen, grösser wird und an Kraft gewinnt.

Sehen wir auf die Probleme, dann rücken diese ins Zentrum und werden in unserem Gefühl und Denken grösser. Blicken wir hingegen auf den Hoffnungsschimmer, dann geben wir diesem die Chance, zu wachsen. Bis die eine oder andere Hoffnung so stark ist, dass sie zu einer greifbaren Möglichkeit wird.

Weihnachten ist für mich sehr stark dies: Die Erinnerung, dass wir frei sind, wohin wir unseren Blick richten; versuchsweise zumindest, bewusst und entschlossen auf das zu sehen, was kraftvoll, tragend, schön, hoffnungsstark und liebenswert ist.

In den Weihnachtserzählungen kommt diese Blickrichtung auf das Hoffnungsvolle sinnbildlich zum Ausdruck: Die Hirten draussen vor dem Dorf stehen für Menschen, die meinen, sie seien aussen vor und hätten von diesem Leben nicht viel zu erhoffen.

Nun sehen sie ein Licht, hören etwas Verheissungsvolles. Mehr noch, sie lassen sich darauf ein und gehen dem nach. Was sie in Bethlehem finden, ist nicht die Lösung aller Probleme oder eine Umwälzung aller Dinge.

Und doch verändert sich etwas grundlegend in ihrer Sicht, als sie das Kind in der Krippe sehen: Da wird auch im eigenen Herzen etwas neugeboren, erkennend, dass jedem von uns eine Würde in die Wiege gelegt worden ist.

Ähnlich folgen die Weisen aus dem Morgenland einem Stern, einem Hoffnungsschimmer am Horizont. Das Bewegende an der Lebenshaltung Jesu ist für mich, dass er überzeugt ist, dass jedem und jeder von uns eine schöpferische Kraft in die Hände gelegt ist. Und gleichzeitig vertraut er.

Es liegt nicht einsam und allein an mir, die Freude im Leben zu finden oder Lebensfreude zu schenken. Es gibt immer die Möglichkeit, dass ein Wunder geschieht im Sinne: etwas Überraschendes, Unverfügbares, Göttliches, Ergreifendes.

Etwas, was man nicht «machen» kann, etwas, was mir geschenkt wird, was mir geschieht. Aber die Augen offen halten, den Blick so ausrichten, dass ich es sehen kann, liegt in meinen Möglichkeiten.

Was werde ich tun, wenn ich an den Weihnachtsfeiertagen am Tisch erlebe, wie die Stimmung in etwas Lähmendes kippt? Ich werde versuchen, die nächste Kerze anzuschauen, und dann versuchen, dieses Licht auch in meinem Gegenüber zu sehen.

Anstatt mich resigniert in die immer gleichen Familienmuster zu schicken oder mich über die immer gleichen Gesprächsthemen oder Marotten meines Gegenübers zu nerven, werde ich mir überlegen, was liebenswert an diesem Menschen ist, wo er eine Gabe hat und wovor ich trotz Meinungsverschiedenheiten Respekt empfinde.

Vielleicht werde ich versuchen, es auszusprechen. Möglich, dass dann tatsächlich so etwas wie ein Wunder geschieht und der Abend andere Wege nimmt als sonst: für mich und meine Sicht der Dinge, vielleicht auch für alle zusammen.

Ihnen allen in diesem Sinne wundervolle Weihnachten.